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Saab 900:Einmal Saab, immer Saab

Der Neue verfügt über leicht geglättete Formen und ist mit drei Motorvarianten lieferbar

(SZ vom 14.08.1993) Beständigkeit ist eine Tugend, die in einer immer hektischer werdenden Zeit zunehmend unter die Räder gerät. Dies gilt auch für die Wechselzyklen der Automobilindustrie: In vielen Fällen wird ein Modell nach vier, fünf oder sechs Jahren von einem Nachfolger abgelöst, der natürlich alles viel besser kann. Doch es gibt auch noch Konstanten, auf die man sich verlassen kann: den Golf, den 911er. Aber selbst Klassiker wie der Spider von Alfa Romeo sind einmal fällig - und nun hat es den Saab 900 erwischt, der seit 15 Jahren nahezu unverändert gebaut wurde.

Doch eingefleischte Fans der schwedischen Marke werden keine Wechselbäder der Gefühle erleben, wenn sie zum ersten Mal - auf der IAA in Frankfurt - vor dem neuen 900er stehen: Mit äußerst behutsamer Hand haben die Designer die Modellreihe überarbeitet, so daß der Neue ohne Schwierigkeiten sofort als Saab identifiziert werden kann. Den frappantesten Unterschied weist die gekappte Heckpartie mit weicheren Rundungen auf, die nun irgendwie an den Renault 19 erinnert. Die Gesamterscheinung des 900er strahlt aber immer noch das aus, was sich die Schweden gerne auf ihre Fahne heften: Solidität, zeitlose Eleganz und ein bißchen Understatement.

Unter dem Blechkleid hat sich allerdings einiges verändert: Der 900er basiert auf einer neuen Bodenplatte, die von Opel stammt, der Motor wird erstmals quer eingebaut. Die Karosseriesteifigkeit hat gegenüber dem Vorgängermodell um 50 Prozent zugenommen. Von September an ist der Saab 900 auf dem deutschen Markt ausschließlich als Fünftürer lieferbar, die Motorenpalette bietet drei Auswahlmöglichkeiten. Das Einstiegsmodell ist der 900 S 2.0i, in dem ein 2,0-Liter- Vierzylindermotor mit 98 kW (133 PS) Leistung arbeitet. Es kostet 39 900 Mark. Bei ersten kurzen Fahrten kristallisierte sich dieser Motor als eine Spur zu flachatmig heraus, ein häufiges Betätigen der leichtgängigen und exakt geführten Fünfgang-Schaltung ist nötig, um wirklich flott unterwegs zu sein. Niedertouriges Fahren scheint dieses Triebwerk nicht sonderlich zu mögen, wobei die Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h und die Beschleunigungsmöglichkeit von Null auf 100 km/h in 11,0 Sekunden auf den verstopften deutschen Straßen eher theoretische Bedeutung haben.

Für 44 900 Mark gibt es den 900 S 2.3i, dessen 2,3-Liter-Vierzylinder-Aggregat 110 kW (150 PS) aus den Töpfen schüttelt. Dies ist aber nicht wörtlich zu nehmen, denn der Vierzylinder ist ein ruhig und ausgeglichen laufender Motor, dessen harmonische Drehmomententwicklung gut zum defensiven Image des 900ers. Die möglichen Fahrleistungen in Zahlen: Höchstgeschwindigkeit 210 km/h, Spurt von Null auf 100 in 10,0 Sekunden.

Der Opel-Motor im Saab-Gewand

Erstmals bietet Saab einen Sechszylinder an, der allerdings nicht im eigenen Hause entwickelt worden ist: Der 2,5- Liter-V6-Motor arbeitet bisher im Opel Vectra. 125 kW (170 PS) sind mehr Pferdchen unter der Haube, als man eigentlich braucht - aber beim Griff zu einem Sechszylinder stehen vor allem Qualitäten wie Laufruhe und Akustikkomfort im Vordergrund. Und gerade bei diesen Eigenschaften könnte der V6 mehr bieten. Er erinnert eher an ein kerniges Sporttriebwerk als an ein aus seinem relativ großen Hubraum Ruhe und Kraft schöpfendes Aggregat. Dabei sind die Fahrleistungen über jeden Zweifel erhaben: Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 225 km/h, der obligatorische Sprint dauert 9,0 Sekunden. Mit 54 800 Mark läßt sich Saab den V6 honorieren, allerdings zählen Annehmlichkeiten wie eine Klimanalage, beheizbare Vordersitze, Tempomat, elektrische Fensterheber und elektrisch einstellbare Außenspiegel (übrigens ist auch der Bedienknopf von Opel) zur Serienausstattung des 900 SE 2.5 V6.

Computer kuppeln besser

Erst im nächsten Frühjahr kommt dann das Topmodell nach Deutschland, der 2.0 Turbo, dessen Motor 136 kW (185 PS) leistet. Der Turbo erweist sich im Antritt als bärenstark, und das in jedem Drehzahlbereich - über den Benzinverbrauch liegen allerdings noch keine Angaben vor. Zwei technische Novitäten haben die Ingenieure dem Turbo spendiert: Beheizte Metallplättchen im Einspritztrakt und ein Fünfgang-Schaltgetriebe mit einer automatischen Kupplung. Dieses Sensonic genannte System ist zumindest am Anfang leicht gewöhnungsbedürftig: Die Gänge werden ganz normal von Hand geschaltet, aber das linke Bein kann sich derweilen ausruhen, weil das Kupplungspedal völlig fehlt. Die von Fichtel & Sachs entwickelte automatische Kupplung soll laut Saab nicht nur den Komfort, sondern auch die Verschleißfestigkeit erhöhen, da ein Computer in der Regel besser einkuppeln könne als ein Mensch. Nach den ersten Kilometern überkamen uns aber Zweifel, was die Sensonic wirklich bringt, außer einen extrem schnellen Gangwechsel zu ermöglichen. Uns scheint eine konventionelle Automatik sinnvoller zu sein.

Mit den Plättchen im Einspritztrakt wird der Saab zum 'saubersten Auto der Welt', das sogar die neue schwedische Abgasnorm M1 schafft. In diese dürfen nur Fahrzeuge, die auf die doppelte Kilometerleistung erheblich weniger Kohlenwasserstoff (HC) emittieren. In Deutschland wird dieser Motor aber vorerst nicht angeboten, da, wie man bei Saab offen zugibt, der gesetzliche Zwang fehlt. Bis zum nächsten Jahr müssen sich die Fans des Saab-Cabriolets gedulden. Es wird noch einige Monate in der alten Form weiterproduziert - Klassiker sterben eben langsam.

Von Otto Fritscher