Rüsselsheim Wo warst du, Adam?

Die Opelstadt Rüsselsheim, einst Hauptort der aufsteigenden Mittelklasse, am Ende des Automobilzeitalters.

Von Volker Breidecker

"Jazz-Band" wurde das erste deutsche Fließband von den Opelarbeitern genannt. Nach amerikanischem Vorbild wurde es im Jahr 1924 im Rüsselsheimer Fahrradwerk in Betrieb genommen: "Morgen kommst du nach Amerika" - der Satz über den Erinnerungen eines Opelaners (hrsg. von Peter Schirmbeck, Dietz Verlag, Bonn 1988) - stand synonym für die mit höherer Entlohnung verbundene Versetzung ans Fließband. Indem die Arbeit am Band mit der Auswanderung nach Übersee gleichgesetzt wurde, war auch etwas über die realen Wahlmöglichkeiten von aufgrund rapider industrieller Entwicklung aus handwerklichen oder agrarischen Verhältnissen freigesetzten Individuen gesagt: Allein aus der hochindustrialisierten Untermainregion brauchte man jetzt nicht mehr nach Amerika auszuwandern, jedenfalls nicht mehr aus ökonomischen Gründen. Denn Amerika war in Deutschland angekommen und nahm die Rüsselsheimer Opelwerke in Besitz: Für die Einführung rationalisierter "fordistischer" Fertigungsverfahren fand General Motors dort eine technologisch bereits herangereifte Industrieanlage und eine hochgradig disziplinierte Arbeiterschaft vor.

Die Wurzeln der Verbundenheit zwischen Opel und Rüsselsheim liegen im dörflichen Hintergrund des Arbeiterstamms begründet.

(Foto: Foto: ap)

Mit den Worten "Opel ist keine Lebensversicherung" soll sich ein Vertreter des neuen Managements von GM damals, am 17.März 1929, auf einer Betriebsversammlung der Rüsselsheimer Belegschaft vorgestellt und die Ehe, die jetzt vor ihrer Auflösung steht, verkündet haben. Die Mahnung zielte schon zu jener Zeit auf die Infragestellung einer stark ortsverbundenen Firmenphilosophie, die sich selbst unter total gewandelten Verhältnissen als gleichsam familiäre Anhänglichkeit der - wie sie sich selbst nennen - "Opelaner" an ihren Betrieb im Grunde bis heute erhalten hat. Die Wurzeln dieser engen Verbundenheit, die in der Vergangenheit auch eine beinahe natürliche Generationenfolge in der Werkszugehörigkeit wie selbstverständlich machte, liegen im vorwiegend dörflich-agrarischen Hintergrund des Arbeiterstamms von Opel begründet. Der Betrieb zog noch bis in die Nachkriegszeit viele "Arbeiterbauern" an, Beschäftigte, die vom Lande kamen - und Rüsselsheim selbst blieb trotz eines enormen Wachstums bis heute ein Industriedorf - und oft auch noch einer landwirtschaftlichen Nebentätigkeit nachgingen.

Mit General Motors war auch die Ideologie des "Sloanismus" nach Rüsselsheim gekommen: Unter seinem Detroiter Firmenchef Alfred Sloan hatte GM sich seit den zwanziger Jahren die hierarchische Differenzierung seiner Produkte nach Preis, Qualität und Statussymbolik - mit Sloans eigenen Worten - "in aufsteigender Linie" zur Firmenphilosophie gemacht. Zwischen dem nachgeschobenen Kadett, den im dazu eigens gegründeten Zweigwerk Bochum produzierten "proletarischen" Gefährt, und dem Diplomat verläuft die motorisch vom Rekord in Richtung Kapitän und Admiral angetriebene Linie der aufsteigenden "Mittelklasse" im zweifachen Sinn automobiler und sozialer Modellbildung.

Wie ein barockes Schloss sich von der Cité abgrenzt, wendet sich das Opelwerk von Rüsselsheim ab

Gehört Opel zur sentimentalen Geschichte der Deutschen, so konnte die Opelstadt Rüsselsheim selbst lange Zeit als Hauptstadt der aufstrebenden Mittelklasse firmieren, war sie doch lange Zeit eine der reichsten Städte der Nachkriegszeit und die vielleicht am rasantesten wachsende aller wachsenden und am Ende wieder schrumpfenden Städte: Autostadt und autogerechte Musterstadt zugleich. Doch im Unterschied zum kontinuierlich gewachsenen Werksgelände, das auch im historischen Wandel seiner architektonischen Stile ein gut lesbares und zusammenhängendes Bild ergibt, ist Rüsselsheim trotz einer reichen Vielfalt städtischer Infrastrukturen nie im urbanen Sinn gewachsen, sondern unter den Prämissen "autogerechter" Stadtplanung entlang mehrspuriger Asphaltbänder gesichtslos ausgefranst. Ganz anders bringt dagegen das Werk hinter seinem mächtigen Portalbau, durch den beim Ertönen der Werkssirenen die Opelarbeiter einst in Früh-, Spät- und Nachtschichten massenweise hinein- und hinausströmten, eine palastartige Geschlossenheit zum Ausdruck: Wie ein barockes Schloss sich mit deutlichen Distanzgesten von seiner Cité abgrenzt, die es dennoch beherrscht, so scheint auch das Rüsselsheimer Opelwerk sich von der Stadt, die keine ist, abzuwenden.

Opel-Historie

Ein Pionier in Not