Süddeutsche Zeitung

Rolls-Royce-Museum:Emily im Wohnzimmer

Das wohl spektakulärste Rolls-Royce-Museum liegt versteckt in einem Städtchen im Rhein-Main-Gebiet. Im Fundus: der berühmteste Rolls aller Zeiten. Ein Besuch.

Sebastian Viehmann

Wo steht der berühmteste Rolls-Royce aller Zeiten? Weder in England noch in der Privatsammlung eines reichen Scheichs. Ein Besuch bei Hans-Günter Zach und seiner faszinierenden Rolls-Kollektion mitten in Deutschland."Na, dann kommen Sie mal mit." Hans-Günter Zach öffnet die schwere Metalltür, die den Weg in eine große Halle freimacht. Die Lichter an der Decke flammen auf. Was nun zum Vorschein kommt, verschlägt ...

... jedem Autofan den Atem. Ein Rolls-Royce Wraith von 1938 parkt neben einer Reihe von Edelholz-Schränken, auf dem Dach des Wagens steht ein Schaukelstuhl.

Schräg gegenüber stehen weitere Autos mit der geflügelten Emily auf dem Kühler Spalier.Sogar von der Decke ...

... hängt ein Rolls herab. Dazwischen glänzt ein Bentley Mark VI, was übrigens kein Stilbruch ist - schließlich gehörte die Marke Bentley einst zu Rolls-Royce.Hans-Günter Zachs Sammlung, die versteckt in einigen Hallen in einem Städtchen im Rhein-Main-Gebiet vor sich hin schlummert, gehört zu den spektakulärsten ihrer Art.

Es sind nicht nur die Autos selbst, all die Phantoms, Corniches und Silver Ghosts, die den Betrachter in Erstaunen versetzen. Es geht auch um das Ambiente, in dem Werkzeugunternehmer Zach sein exklusives Hobby präsentiert.Die automobilen Schätze parken zwischen ...

... antiken Möbeln und handgeknüpften Teppichen, sind umgeben von elektrischen Klavieren oder seltenen Sammlerstücken wie der mannsgroßen "Emily"-Kühlerfigur aus Holz. Man fühlt sich wie in einem überdimensionalen Wohnzimmer.Im Bild: Das "Baloon Car" ist das älteste Auto in Zachs Sammlung und ein absolutes Einzelstück. Der aus adligem Hause stammende Charles S. Rolls war leidenschaftlicher Ballonfahrer, Rennfahrer und Sportflieger. 1908 ließ er sich deshalb extra den ersten Ballon-Transport-Zweisitzer auf einen Silver Ghost anpassen und aufbauen. Sandsäcke, Seile und alles Kleinzubehör hatte man in der Stauraumfläche hinten untergebracht, der Korb war ebenfalls hinten aufgebaut und im Korb war die Hülle des Gasballons verstaut.An Ort und Stelle machte man nun das Luftgefährt flugfähig, C.S.Rolls stieg auf, der Adjutant folgte ihm mit dem Ghost auf Sichtweite bis zum Landen.

Auch der berühmteste Rolls-Royce aller Zeiten hat seinen Weg in Zachs Sammlung gefunden: Der "Stern von Indien", ein Phantom II Continental Cabriolet Baujahr 1934, wurde nach dem größten geschliffenen Sternsaphir der Welt (563 Karat) benannt.Das safrangelb und ocker lackierte Gefährt wurde für den ...

... Maharadscha von Raijkot angefertigt und diente als repräsentative Staatslimousine. Der Wagen hat sogar bewegliche ...

... Frontscheinwerfer, die sich in der Kurve mitdrehen - ein System, dessen Grundprinzip heute als Kurvenlicht bekannt ist und von vielen Herstellern als der neueste Schrei der Technik gefeiert wird.

Mit dem "Stern von Indien" nahm Rolls-Sammler Zach (Bild) sogar an der Parade zum 50. Thronjubiläum der britischen Königin teil.

Nicht nur der Stern von Indien hat eine berühmte Geschichte. Fast jeder Wagen in Zachs Sammlung, die 27 Raritäten umfasst, hat eine ganz besondere Biographie.Zum Beispiel der Silver Ghost Boattail Roadster von 1926 (Bild), der einst im Besitz ...

... von Hollywood-Legende John McCormick war. Ursprünglich als Piccadilly Speedster geliefert, wurde 192i die Karosserie als Roadster mit Bootsheck umgebaut.Oder das "Doctor's Coupé" aus dem Jahr 1934, eine Einzelanfertigung mit immerhin 25 PS unter der Haube - damit konnte der betuchte Besitzer nicht nur stilvoll bei seinen Patienten vorfahren, sondern auch schnell.

Besonders faszinierend ist der grüne Phantom II von 1929, den sich der Maharadscha von Rewa einst zum ...

... Jagdwagen umrüsten ließ. Die Fondpassagiere können ihre Häupter auf ein Tigerfell betten, und im Fußraum finden an einer Halterung zwei Jagdflinten Platz.

Dieser Rolls-Royce 20 H.P. Twenty Dorchester von 1926 verfügte nur über etwas mehr als drei Liter Hubraum im Gegensatz zu den "großen" Phantom mit mehr als sieben Litern Hubraum. Aber seine Technik war so unverwüstlich, wie das für Rolls-Royce legendär ist.Die luxuröseste Ausführung war der "Dorchester", ein Drei-Positionen-Cabriolet. Das Dach erlaubte die Nutzung in drei Positionen: ersten komplett geschlossen, zweitens komplett aufgeklappt oder drittens mit dem Dachteil nur über den Vordersitzen geöffnet (das sogenannte Sedanca Coupé).Exakt diese Karosserie erhielt kurz vor Ausbruch des II. Weltkrieges auch dieser "Baby-Rolls".

Im Bild: Rolls-Royce 20/25 H.P. Coupé B2 mit "Schwiegermuttersitz" (1934)Der sogenannte "kleine" Rolls-Royce - nur 3669 ccm Hubraum im Vergleich zu den "großen" Phantom-Modellen - wurde in den weitaus meisten Fällen als Limousine ausgeführt.Mit Trennscheibe ausgerüstet zeigte er deutlich, dass er für den Betrieb mit Chauffeur vorgesehen war. Ein Coupé oder ein Cabrio gehören deshalb zu den selteneren Aufbauten.In diesem Fall ist die Karosserie ein Unikat, denn ...

... P.W. Watson schuf diesen Aufbau nur ein einziges Mal als Sonderbestellung im Auftrag eines Kunden; tatsächlich war es der einzige Rolls-Royce, den dieser Karosseriebaubetrieb jemals einkleidete. Kaum nachvollziehbar, denn in jedem Detail des Aufbaus ist perfektes Handwerk und einwandfreie Materialwahl dokumentiert - eventuell würde hier eine Schwiegermutter widersprechen, nachdem sie auf dem ausklappbaren Sitz hinten Platz nehmen musste - völlig ungeschützt vor Wund und Wetter ...

Dieser Rolls-Royce Phantom V wurde von 1959 bis 1968 insgesamt 516 mal gebaut. Mit dem gewaltigen Radstand von 368,3 cm und einem erwindungssteifen, hochbelastbaren Chassis eignete sich der Phantom V perfekt als Basis für die letzten Höhepunkte, mit denen die schwindete Zunft der Karossiers ihre Kunstfertigkeit unter Beweis stellte.Rolls-Royce hatte bereits in der Vorkriegszeit die Firma Park Ward aufgekauft und dazu noch 1955 die Firma H.J. Mulliner. Ab 1963 wurden die Vorderkotflügel überarbeitet und erlaubten dann den Einbau der neuen Doppelscheinwerfer, die lange Zeit viele Rolls-Royce zierten.

Dieser Rolls-Royce Phantom VI wurde von 1968 bis 1991 insgesamt nur 374 mal gebaut. Der PPH 4566 war einer der letzten Wagen, bei dem die hinteren Türen auch hinten angeschlagen waren. Die Karosserie wurde ohne jegliche Eile in traditioneller Handarbeit gebaut und dieser Präzisions-prozess nahm viele Monate in Anspruch. Der Motor wurde aus dem damals aktuellen Silver Shadow übernommen und hatte bis 1979 eine Viergang-, danach eine Dreigang-Automatik.Dieses Modell wurde von einem gewissen Mr. P.C. Hegard mit Fernseher, Bar und anderen Kleinigkeiten bestellt und gefahren. Ab 1974 befand es sich in königlich-englischem Besitz und wurde als Staatslimousine - mit Dachstandarte und Emblem - verwendet.

Sammler-Nachwuchs: Auch für die jüngsten Rolls-Royce-Fans finden sich passende Autos in Hans-Günter Zachs Sammlung - etwa dieses Miniatur-Modelle.

... Kühlergrill des Wagens hatte es ihm angetan."Wie ein klassischer Tempel geformt - Klassizismus in Reinform. Dieses Bild hat sich bei mir eingeprägt", schwärmt Zach noch heute. "Ich habe mir damals gesagt: Du musst so hart arbeiten, dass du dir irgendwann auch einmal so einen Wagen leisten kannst."An seinem 50. Geburtstag war es schließlich so weit. Ein Rolls-Royce Corniche II Cabrio wurde zum Grundstein von Zachs Sammlung. Die schwarze Nobelkarosse aus den späten achtziger Jahren ist gleichzeitig eines der jüngsten Modelle des Rolls-Panoramas.

Hans-Günter Zachs Faszination für die noblen Briten begann während seiner Ausbildungszeit. Als der damals 24-jährige Werkzeugmacher Ende der sechziger Jahre auf den Rolls-Royce Silver Shadow seines Chefs blickte, war es um ihn geschehen.Vor allem der mächtige ...

Der Sammler hat schon tausende Menschen durch sein privates Museum geführt und den Erlös sozialen Zwecken gespendet. Dicke Gästebücher zeugen von den begeisterten Reaktionen der Besucher. Doch die Führungen, die oft an Feiertagen und Wochenenden stattfinden, bringen auch viel Arbeit mit sich."Vor etwa einem Jahr wurde es mir einfach zuviel. Ich hatte praktisch kein Wochenende mehr, das ganze Leben wurde von den Autos bestimmt", berichtet Zach.

Die ganze Arbeit rund um das Museum sei letztlich an ihm hängen geblieben. Im Sommer kündigte er an, seine ganze Sammlung verkaufen zu wollen. Schnell trudelten Anfragen aus aller Welt ein, von Kanada über Saudi-Arabien bis Indien. Noch ist die Sammlung aber an ihrem Platz, und Zach hat es mit dem Verkauf auch nicht eilig.So sehr sich der Rolls-Enthusiast für seine Nobelkarossen begeistern kann - im Alltag baut der Mann, der sich vom Werkzeugmacher zum Unternehmer hocharbeitete und sein Hobby mit Immobilengeschäften finanzierte, auf Understatement: "Mein Alltagsauto ist eine S-Klasse mit Sechszylinder."Alle Fotos: Pressinform / Rolls-Royce-Sammlung Zach

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