Süddeutsche Zeitung

Revolutionäres Straßenbau-Konzept:Eine Straße aus Solarzellen

Ein Ehepaar aus den USA hat einen Fahrbahnbelag entwickelt, der Strom aus Sonnenenergie gewinnen und speichern kann. Was absurd klingt, halten Physikexperten für umsetzbar.

Von Steve Przybilla

Manchmal muss man ein Spinner sein, um die richtigen Fragen zu stellen. Oder ein Quereinsteiger. Julie Brusaw war beides, als sie vor neun Jahren "An Inconvenient Truth" sah. Der Dokumentarfilm, publikumswirksam inszeniert von Ex-Vizepräsident Al Gore, rechnet schonungslos mit der amerikanischen Klimapolitik ab. Es geht um Treibhausgase, spritfressende Autos und alternative Energien. Danach stellte Brusaw, Psychologin in Sandpoint, einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Idaho, eine banale Frage, die ihr Leben fortan veränderte: Warum müssen Straßen eigentlich aus Asphalt oder Beton sein? Könnte man nicht einfach Solarzellen verbauen?

Eine Idee hat Fahrt aufgenommen

Als sie ihrem Ehemann Scott, einem Elektroingenieur, von der Idee berichtete, musste er erst mal lachen. Doch dann ging die Idee auch ihm nicht mehr aus dem Kopf: Wie viel Strom man wohl produzieren könnte, wenn alle Straßen, Bürgersteige, Autobahnen, Parkplätze und Garagen-Einfahrten eines Landes mit Solar-Panels ausgestattet wären? Hätten Elektroautos dadurch die perfekte Stromquelle? Ist das technisch möglich? Und warum hat es noch niemand erfunden?

Zumindest über die letzte Frage müssen sich die Brusaws keine Gedanken mehr machen. Ihre "Solar Roadways" haben sie patentieren lassen; in der 2006 gegründeten Firma arbeiten inzwischen fünf Angestellte. Die Idee, die am Anfang so durchgeknallt klang, hat Fahrt aufgenommen: Erst genehmigte das Verkehrsministerium eine Anschubfinanzierung von 100 000 Dollar, umgerechnet etwa 90 000 Euro. Später wurden noch einmal 750 000 Dollar nachgeschossen, damit ein Prototyp gebaut werden kann.

Und tatsächlich: Neben der Garage der Brusaws ist ein elf Meter langer Mini-Solarhighway entstanden. Die Teststrecke besteht aus sechseckigen Solar-Elementen, die von einer Glasoberfläche bedeckt werden. Der Clou: Die Solar-Straße soll sich durch Heizelemente nicht nur von Schnee und Eis freihalten können, sondern mithilfe von LEDs auch Warnungen direkt auf die Fahrbahn einblenden.

Erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne

Wieder so eine Spinnerei, könnte man meinen. Da aber nun ein Prototyp existierte, konnten die Firmengründer der Welt etwas Handfestes präsentieren. Sie posteten Fotos und Videos im Internet und riefen zu einer Crowdfunding-Kampagne auf, mit deren Hilfe die Serienproduktion beginnen sollte. Die Internetgemeinde zeigte sich angetan - und spendabel. Das Youtube-Video "Freaking Solar Roadways" wurde bis heute mehr als 20 Millionen Mal angesehen; statt der angepeilten Million Dollar kamen 2,2 Millionen Dollar an Spenden zusammen. Julie Brusaw hat unterdessen ihre Praxis aufgegeben, um sich in Vollzeit der Firma zu widmen. Von Idaho bis Dubai erreichen sie Anfragen. Brusaw sagt, sie habe 16 000 E-Mails in ihrem Posteingang.

Damit endet die Erfolgsgeschichte, zumindest fürs Erste. Die Spenden-Kampagne ist seit über einem Jahr abgeschlossen, die einst so medienaffinen Brusaws haben sich zurückgezogen, "um sich ganz auf die Produktion zu konzentrieren", wie es heißt. Was ist aus der ersten Solar-Straße geworden, die in Sandpoint entstehen sollte? Die Dame in der Tourist-Information winkt ab: "Passiert ist da ewig nichts mehr." Anfrage bei Solar Roadways. Auf einen Interview-Wunsch reagiert zunächst niemand. Ob man den Prototypen einmal sehen könne? Keine Antwort. Auch die Stadtverwaltung hält sich bedeckt. Die kommunale Wirtschaftsförderung verweist auf die nächsthöhere Behörde auf Kreisebene - die wiederum alle Anfragen ins Leere laufen lässt.

Wie sinnvoll ist eine Solarstraße im US-Norden?

Auch die Bürgermeisterin verweigert einen Kommentar. Einzig Shelby Rognstad, Präsident des Gemeinderats und Bürgermeisterkandidat, ist zu einem Treffen bereit. "Jahrelang hatten wir diese Firma überhaupt nicht auf dem Schirm", sagt Rognstad, der in Sandpoint ein kleines Café mit angeschlossenem Buchladen betreibt. Der 41-Jährige bezeichnet sich selbst als progressiven Politiker. Er mag umweltfreundliche Projekte und frische Ideen; in seinem Café liegen Unterschriftenlisten aus, die zur Legalisierung von Marihuana aufrufen. "Idaho ist ziemlich konservativ", findet Rognstad. "Deshalb würde ich mich freuen, wenn dieses innovative Projekt klappt."

Die Kommune sieht das offenbar genau so. 500 000 Dollar sind im aktuellen Haushalt eingeplant, um die erste Solar-Straße auf städtischem Gebiet zu realisieren. "Länger als 500 Meter wird sie bei dieser Summe wohl nicht", sagt Rognstad. Wahrscheinlich laufe es auf einen Parkplatz oder eine kleine Brücke hinaus. "Ich bin vorsichtig optimistisch", sagt Rognstad. Noch sei nicht einmal klar, ob die Kosten-Nutzen-Rechnung aufgehe. Dann wäre da natürlich noch der harte Winter in Idaho: "Wir liegen hier sehr weit nördlich, ständig schneit es und gefriert. Ich frage mich, ob wir die Solar-Highways nicht eher im Süden ausprobieren sollten."

Die Brusaws sind vorsichtig geworden

Am nächsten Tag dann die Überraschung: Die Brusaws stimmen einem Treffen doch noch zu. Zur Begrüßung legt Scott Brusaw eine Glaswabe auf den Tisch, ein schwerer Brocken. "Das ist superhartes Material, wie Panzerglas", sagt der Ingenieur, damit die am häufigsten gestellte Frage erst gar nicht aufkommt: Wie sollen Solar-Highways den Schwerverkehr überstehen? Auch müsse man keine Angst vor rutschigen Fahrbahnen haben, denn Heizelemente sorgten dafür, dass Schnee und Eis schmelzen. Und wenn die Sonne mal nicht scheint? "Dann holen wir uns den Strom aus dem Netz", kontert der Ingenieur.

Zu anderen Punkten schweigen die Firmengründer hartnäckig. Wie hoch sind die Produktionskosten? "Können wir erst sagen, wenn die neuen Module fertig sind." Wann das ist? "Bald." Nach der anfänglichen Euphorie, sagt Julie Brusaw, habe es viele hämische Reaktionen gegeben. Deshalb sei man nun vorsichtiger im Umgang mit der Öffentlichkeit. Welche Wissenschaftler das Projekt unterstützen, möchte sie ebenfalls nicht sagen - "aus Rücksicht, damit sie von Anfragen nicht überrollt werden." Etwas genervt schiebt sie nach: "Wenn die ersten Autos in Sandpoint über unsere Solar-Panels rollen, wird das alle überzeugen. In spätestens fünf Jahren nutzt die ganze Welt unsere Technologie."

Physikalisch scheint es möglich

Ganz abwegig scheint das nicht. Harry Wirth, Leiter des Bereichs "Photovoltaische Module" am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme, steht der Erfindung wohlwollend gegenüber. Er sagt: "Physikalisch ist das möglich - und der Prototyp ist ein Meilenstein." Ob der Straßenbelag massentauglich ist, hänge von den Kosten ab. "In den letzten Jahren haben wir einen Preisverfall bei PV-Modulen beobachtet", erklärt der Solar-Experte, "wobei dieses Produkt natürlich speziell ist." In jedem Fall sei die Idee verlockend, sagt Wirth. "Wenn man bedenkt, wie groß die nutzbare Fläche wäre, sieht man das enorme Potenzial."

Das gilt auch für Deutschland mit seinem 650 000 Kilometer langen Straßennetz. "Würden wir nur 15 Prozent der Verkehrsfläche nutzen, könnten wir auf alle Atomkraftwerke verzichten", sagt Donald Müller-Judex, der die Firma Solmove gegründet hat. Auch er möchte Solar-Autobahnen bauen, allerdings mit einem flexiblen Belag. Noch steht das Projekt ganz am Anfang, denn so spendabel wie in den USA sind die Geldgeber hierzulande nicht: Das Startkapital von einer Million Euro hat der Firmengründer bis heute nicht zusammen.

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Quelle:
SZ vom 26.09.2015/harl
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