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Elektroauto im Test:Winterscheuer Stadt-Stromer

Der Renault Twingo Electric wurde für die Stadt konzipiert, dort soll er bis zu 270 Kilometer schaffen. Im SZ-Test kam er nicht einmal nah dran.

(Foto: Renault)

Der Renault Twingo Electric ist klein, schick und günstig. Doch wehe, er landet auf der Autobahn. Und allzu kalt werden sollte es auch nicht.

Von Felix Reek

Reichweite "126 Kilometer" steht auf dem einfachen schwarz-weißen Display des Renault Twingo Electric. Nach 17 Stunden Laden an der heimischen Haushaltssteckdose der Garage wohlgemerkt. Noch einmal genau hinschauen, aber ja, es sind eindeutig 126 Kilometer. Und das, obwohl der elektrische Twingo laut Hersteller im Schnitt bis zu 190 Kilometer schafft. Im reinen Stadtverkehr sollen sogar 270 Kilometer möglich sein. Die Erklärung kommt auf Nachfrage bei Renault: Die Restkilometer errechnet die Software des Twingos anhand des persönlichen Fahrprofils. Im Fall unseres Tests heißt das: Ein klassischer Pendlertrip aus dem Speckgürtel von München in die bayerische Landeshauptstadt bei Minusgraden und zurück reicht, um die Restreichweite nachhaltig einzudampfen. Über 130 Kilometer wird der Twingo in den nächsten beiden Wochen nicht mehr anzeigen. Sehr alltagstauglich ist das nicht.

Zumindest nicht für all jene, für die der Twingo Electric das einzige Auto sein soll. Wer hingegen einen Zweitwagen sucht oder ein reines Stadtauto, der ist bei dem kleinen Stromer genau richtig. Bereits seit sechs Jahren ist das Modell mit Benzinmotor auf dem Markt, jetzt liefert der französische Hersteller pünktlich zur Verlängerung der Innovationsprämie bis 2025 den Kleinwagen als Elektroauto. So kostet der Twingo Electric, der zunächst nur in der teuren Sonderedition "Vibes" verfügbar ist, nach Abzug aller Vergünstigungen nur noch 14 000 statt 24 000 Euro. 2021 wird auch ein abgespecktes Basismodell auf den Markt kommen, der Preis sinkt dann noch einmal um 4000 Euro. Damit ist der Stromer mit einem Preis von etwas mehr als 10 000 Euro günstiger als ein Twingo mit Benzinmotor.

Ab 20 km/h ist es still im Renault Twingo Electric

Für den Stromer spricht neben dem Preis ein weiteres Argument: Statt eines ratternden Dreizylinders herrscht im Twingo Electric Stille. Beziehungsweise es flirrt und sirrt. Bis Tempo 20 müssen Elektroautos laut einer EU-Verordnung ein Geräusch absondern, damit sie von Fußgängern und Radfahrern gehört werden können. Im Fall des Twingo Electric klingt das in etwa so, wie wenn in "Star Trek" ein Crew-Mitglied gebeamt wird. Darüber hinaus sind nur noch die Abrollgeräusche der Reifen und der Wind zu hören.

Das Raumangebot des Kleinwagens ist für diese Klasse in Ordnung, große Fahrer passen hinein, auch wenn die Kopflehnen recht kurz geraten sind und sich nicht in der Höhe verstellen lassen. Die Rückbank ist eher Deko. Erwachsene müssen sich hier arg zusammenfalten, um Platz zu finden, zwei Kindersitze passen erstaunlicherweise problemlos hinein, auch dank der vier Türen. Das ging beim Vorgänger nur unter Protest und mit kleinen Füßen, die gegen den Fahrersitz trommelten. Die Verarbeitung ist einfach, aber schick. Im Falle des Testwagens wechseln sich schwarzer und weißer Kunststoff ab, das erinnert an Fiat 500 und Mini, an denen sich Renault offensichtlich orientiert hat.

Der Innenraum des Renault Twingo ist einfach gehalten, aber schick.

(Foto: Renault)

Bedient wird das meiste über den sieben Zoll großen Touch-Bildschirm in der Mittelkonsole, der seinen Zweck erfüllt, aber mittlerweile ein wenig altbacken wirkt. Auf allzu viele Knöpfe verzichtet der Twingo weitgehend. Am Lenkrad gibt es ein paar, die Klimaanlage wird haptisch bedient. Der Kofferraum ist vorhanden, aber eher ein größeres Handschuhfach. Da sich unter dem Boden der Elektromotor befindet, passen nur 210 Liter hinein, hinzu kommen zwei große Taschen mit den Ladekabeln, die an die Wand der Rücksitze geklettet sind, was weiteren Platz kostet. Der konventionelle Twingo kann aber auch nicht mehr, sein Kofferraum fasst 219 Liter. Für einen Wochenendeinkauf reicht das allemal.

Der Twingo Electric manövriert sich auch in die kleinste Parklücke

Die eigentliche Stärke des knuffigen E-Twingo ist aber das Fahren. Flott sprintet der Kleinwagen los, per Automatikwahlhebel lassen sich drei Rekuperationsstufen auswählen, die den Stromer abbremsen, wenn der Fuß vom Gaspedal geht. Der Unterschied ist gering, aber mit der höchsten Rekuperation lässt sich der Twingo annähernd ohne den Einsatz der Bremse mit nur einem Pedal fahren, zumindest, wenn er in der Stadt unterwegs ist. Das ist aber auch die natürliche Umgebung des Twingo. Mit einem Wendekreis von nur 8,60 Meter und seinen Vorderrädern, die bis zu 42 Grad einschlagen, lässt er sich in jede noch so kleine Parklücke manövrieren.

Nur wenn es auf die Landstraße oder Autobahn geht, offenbaren sich Schwächen. Der kurze Radstand macht sich bemerkbar, die Lenkung ist arg feinfühlig, und sobald die Geschwindigkeit über 100 km/h steigt, sinkt die Reichweite deutlich. Abhilfe schafft der Eco-Modus, der den Twingo Electro deutlich zähmt, aber zumindest dafür sorgt, dass der kleine Renault ziemlich genau die Restkilometer schafft, die der Bordcomputer vor Fahrtbeginn berechnet hat.

Das Kundenprofil des E-Twingo ist eng: Städter auf Kurzstrecke

Das Einsatzgebiet des Twingo Electric ist damit ziemlich eng umrissen. Abgesehen vom Honda e schaffen die meisten aktuellen Stromer eine Reichweite von mindestens 300 Kilometern und mehr. Studien zeigen zwar, dass die meisten Autofahrer nicht mehr als 50 Kilometer am Tag fahren, aber sie wollen zumindest die Gewissheit haben, dass es auch wesentlich mehr sein können. Sinn ergibt der Twingo nur dort, wo er ständig geladen werden kann. In überfüllten Innenstädten, wo nur die wenigsten auf einen Stellplatz mit Ladestation oder Steckdose zugreifen können, dürften das die wenigsten Autofahrer sein. Zum Pendeln reicht die Reichweite zwar, aber auch nicht zu viel mehr. Platz bietet der Twingo Electric eigentlich nur für zwei Erwachsene.

Wer also genau zu dieser spitzen Zielgruppe das Stadtbewohners, der vor allem auf Kurzstrecken unterwegs ist, nicht mehr als 15 000 Euro ausgeben will und auf einen Garagenplatz mit Ladestation zurückgreifen kann, gehört, für den ist der Twingo Electric das ideale Auto. Alle anderen legen noch einmal 5000 Euro drauf und entscheiden sich für den Renault Zoe. Der bietet mehr Platz und mit 319 Kilometer eine deutlich größere Reichweite. Zumindest im Sommer.

Hinweis der Redaktion

Ein Teil der vorgestellten Produkte wurde der Redaktion von den Herstellern zu Testzwecken zur Verfügung gestellt und/oder auf Reisen präsentiert, zu denen Journalisten eingeladen wurden.

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