Süddeutsche Zeitung

Renault Kadjar im Fahrbericht:Talentierter Nachzügler

Renault drohte, den Trend zu kompakten SUVs zu verschlafen. Nun wollen die Franzosen mit dem Kadjar kräftig aufholen. Das könnte dank vieler Qualitäten gelingen.

Es gab Zeiten, da schickte Renault Autos auf die Straße, die andere längst noch nicht hatten. Denken wir dabei nur an den R4, den Twingo, den Kangoo oder den Espace. Heute muss sich die französische Marke bemühen, den Anschluss zu halten. Das gilt insbesondere für das Thema SUV oder neudeutsch Crossover. Im Segment der kleinen Hochbeinigen hatte man zumindest vor zwei Jahren noch den richtigen Riecher: Der Captur ist in Deutschland inzwischen Bestseller in seinem Segment.

Doch die Verantwortlichen in Paris scheuten sich lange, Vergleichbares eine Klasse höher zu tun. Hier führt unangefochten der VW Tiguan. Auch Hyundai, Kia, Toyota, Mitsubishi und Ford haben längst attraktive Modelle im Programm. Nicht zu vergessen Nissan: Renaults Schwestermarke landete schon 2007 mit dem Qashqai einen Volltreffer. Die Japaner und Franzosen arbeiten seit mehr als 15 Jahren zusammen. Umso unverständlicher ist Renaults langes Zögern.

Gutes Platzangebot

Nun soll jedoch alles besser werden. Der Kadjar nutzt die technische Plattform des neuen Qashqai und wird vom 21. Juni an bei den Händlern stehen. Mit einer Länge von 4,45 Metern positioniert er sich genau zwischen einem Renault Scénic und Mégane Kombi (Grandtour).

Weil er fast genauso niedrig ist wie der kleinere Captur, kann man dem Kadjar durchaus eine gewisse Sportlichkeit bescheinigen - zumindest optisch. Renault spricht wenig bescheiden von "athletisch-sinnlichen" Linien. Das wellige Design geht zumindest nicht zulasten der Insassen. Vorne wie hinten sind Kopf- und Beinfreiheit mehr als ausreichend. Auch in puncto Kofferraum zeigt der Kadjar, dass sich seine Entwickler ein paar mehr Gedanken gemacht haben als üblich. Ist der variable Ladeboden in der oberen Raste, können Getränkekisten und Ähnliches bequem hineingeschoben werden. Keine Stufe stört. Zudem lassen sich Teile des Ladebodens senkrecht arretieren, um Gegenstände zu trennen oder gegen Verrutschen zu sichern. Einziger Makel: Die Rücksitzlehnen fallen nicht komplett in die Waagerechte. Dennoch schluckt Renaults neues SUV bis zu 1478 Liter. Bei normaler Sitzanordnung sind es immerhin 472 Liter. Und gönnt man sich die umlegbare Beifahrersitzlehne, passen sogar Gegenstände bis zu 2,56 Meter Länge in den Kadjar.

Bei den Antrieben hält Renault am Downsizing fest. Kein Motor hat mehr als 1,6 Liter Hubraum. Zum Marktstart kann der Kadjar-Kunde zunächst zwischen einem 1,2-Liter-Benziner mit 130 PS, einem 1,5-Liter-Diesel mit 110 PS und einem 1,6-Liter-Diesel mit 130 PS wählen. Aktuell kann nur der 110-PS-Selbstzünder mit einem Doppelkupplungsgetriebe geordert werden, nur der 130-PS-Diesel ist mit Allradantrieb zu haben.

Kräftige und sparsame Motoren

Alle Aggregate sind Turbo-Direkteinspritzer. Schon der kleine Benziner hinterließ auf unserer ersten Testfahrt einen agilen Eindruck. Er läuft ruhig, dreht geschmeidig hoch und harmoniert gut mit der manuellen Sechsgangschaltung. Zu klein fühlt er sich im Kadjar nicht an. Mehr Elastizität bieten prinzipbedingt die Dieselmotoren. Besonders der 1,6-Liter-dCi gefällt durch leisen Lauf und kräftigen Durchzug schon aus niedrigen Drehzahlen. Und natürlich verbrennen Selbstzünder ihren Kraftstoff effizienter als Benziner. Renault gibt für die 110-PS-Version gar lediglich 3,8 Liter als Normverbrauch an. Der größere Motor mit 130 PS kommt auf 4,3 Liter je 100 Kilometer - ebenfalls ein guter Wert, selbst wenn der im Alltag kaum zu schaffen ist.

Im Cockpit verabschiedet sich Renault von den klassischen Rundinstrumenten und ersetzt sie durch modernste Elektronik. Das TFT-Display ist - einmalig in dieser Form und in diesem Segment - sogar personalisierbar. Fünf Farben und vier Designs stehen zur Auswahl. Der Fahrer kann zum Beispiel dem Tacho oder dem Drehzahlmesser optisch den Vorzug geben oder das Cockpit lieber rot, blau, grün oder in schrillen Farben erstrahlen lassen. Die Ablesbarkeit ist in jedem Fall dennoch einwandfrei.

Nach vorne unübersichtlich

Apropos Sicht: Gewöhnungsbedürftig beim Kadjar sind die hohen vorderen Kotflügelkanten - besonders dort, wo sie in den Windschutzscheibenrahmen (A-Säule) überlaufen. Hier ging Design offenbar vor Funktion. Die Folge: Poller, hohe Kantsteine oder Begrenzungspfähle können beim Rangieren leicht mal übersehen werden.

Vorne mitfahren will Renault auch bei den Assistenzsystemen. Je nach Ausstattungslinie stehen unter anderem die automatische Spurhaltung, City-Notbremsfunktion, Parkpilot, Verkehrszeichenerkennung und der Fernlichtassistent in der Preisliste. Allerdings fehlt ein Abstandsradar. Laut Frédéric Posez, Marketingvorstand Renault Deutschland, soll dieses Feature aber "im Laufe des Modell-Zyklus" nachgereicht werden.

Preislich beginnt der Kadjar mit 19 990 Euro. Die Basisversion gibt es ausschließlich als Benziner. Immerhin sind bereits Klimaanlage, Radio und geteilt umlegbare Rücksitzlehnen serienmäßig an Bord. Deutlich teurer wird es mit den Dieselmotoren. Die 110-PS-Variante beginnt mit 25 290 Euro. Sollen es 130 PS sein, sind bereits 26 990 Euro fällig. Und wer seinen Kadjar mit einem Allradantrieb für zusätzliche Bodenhaftung im Winter ausstattet, der muss knapp 30 000 Euro als Grundpreis einplanen.

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Quelle:
SZ vom 06.06.2015/harl
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