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Luftfahrt:Für Drohnen gelten bald neue Regeln

Drohne wirft American Football

Was so ein Multikopter alles kann, zeigte vor einigen Jahren ein Drohnen-Pilot bei einem Football-Spiel in den USA: Die Drohne warf Bälle aus der Luft ab, Spieler am Boden mussten sie fangen.

(Foto: Gregory Payan/dpa)

Fachleute rechnen damit, dass in den kommenden Jahren vor allem Unternehmen auf kleine, unbemannte Flugobjekte setzen werden. Die EU hat nun neue Regeln für Drohnen-Piloten erlassen.

Florian Deißenböck wird beobachtet. Er läuft einen Feldweg entlang, hinter ihm liegt der Wald, links ein Naturschutzgebiet, rechts ist in einiger Entfernung die Bundesstraße 304 auszumachen, Häuser sind nicht in Sicht. Abrupt bleibt er stehen und schaut nach oben - direkt in die Kamera, die über ihm schwebt. "Wenn er jetzt noch singen könnte", sagt Michael Wartini und schmunzelt, "wäre das Musikvideo perfekt." In Händen hält Wartini eine Steuerung, die an eine Spielekonsole erinnert. Während er Deißenböck über den integrierten Bildschirm weiter im Blick hat, bewegt er mit den Daumen die beiden Joysticks an der Konsole. Die Kamera dreht sich und die Drohne, an deren Bauch der Apparat befestigt ist, surrt über das Feld davon. Wartini ist Flugschüler, Deißenböck sein Lehrer. Dessen Münchner Unternehmen Drone Media bietet Kurse zum Umgang mit Drohnen an.

Besonders bei klarem Himmel sind Drohnen, auch Multikopter genannt, vermehrt in der Luft zu sehen. Die unbemannten Fluggeräte werden vielseitig genutzt: Firmen setzen sie für Vermessungsarbeiten ein, Landwirte erkennen Wildtiere bevor eine Erntemaschine sie tötet, Techniker inspizieren Hochspannungsleitungen oder Windkraftanlagen, und Filmschaffende nutzen sie, um Luftaufnahmen zu produzieren. Kritiker sehen den Gebrauch jedoch skeptisch: Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) von 2018 assoziieren viele Negatives mit dem Begriff Drohne: So denken 30 Prozent der Befragten an Überwachung und Spionage, 16 Prozent an Militär und Waffen und 15 Prozent an alle möglichen Gefahren. Viele sorgen sich, dass die unbemannten Fluggeräte missbräuchlich genutzt werden könnten. Eine neue EU-Verordnung soll die Regeln für Drohnen demnächst vereinheitlichen und so für mehr Sicherheit im Luftraum sorgen.

Die Drohne als Pizzalieferant? Das wird sich nicht durchsetzen, glaubt die Flugsicherung

Im Münchener Nordwesten holt Deißenböck derweil einen Multikopter nach dem anderen aus dem Kofferraum. Manche sind lediglich so groß wie seine Handinnenfläche, andere sind auf einen halben Meter Länge ausklappbar. Mit den horizontal am Rumpf angebrachten Rotoren schwirren die unbemannten Fluggeräte wie Insekten durch die Luft. Sie werden vom Boden aus gesteuert, was viel Fingerspitzengefühl erfordert und daher "anspruchsvoll und gleichzeitig meditativ" sei, sagt Wartini. Wie die meisten Drohnen-Piloten macht er den Kurs bei Deißenböck in seiner Freizeit, als Hobby.

Von den knapp 500 000 Multikoptern in Deutschland würden etwa 90 Prozent privat genutzt, sagt Paul Eschbach vom Verband für unbemannte Luftfahrt, kurz UAV-Dach. Der Übergang zwischen privatem und kommerziellem Gebrauch sei jedoch fließend: "Nach spätestens einem halben Jahr versuchen viele, Luftaufnahmen anzubieten." Auch Deißenböck fotografiert und filmt gegen Bares aus der Luft.

Der Bundesverband der Luftverkehrswirtschaft geht davon aus, dass die Zahl der privat genutzten Multikopter in den kommenden Jahren konstant bleibt, während die kommerzielle Nutzung stark zunehmen wird. Gegenwärtig wird nur eine von 24 Drohnen kommerziell betrieben, im Jahr 2030 wird es voraussichtlich jede sechste sein. Werden demnach zukünftig Drohnen das bestellte Essen vor die Haustür liefern oder Pakete zustellen, wie es die Post bereits getestet hatte? "Wir glauben nicht, dass sich die Drohne als Pizzalieferant durchsetzt", sagt Ute Otterbein von der Deutschen Flugsicherung (DFS). "Das wollen auch viele Menschen nicht." Die Studie des Zentrums für Luft- und Raumfahrt bestätigt das: Mehr als die Hälfte der Befragten spricht sich gegen die Paketzustellung mittels Multikopter aus. Gegen den Gebrauch zu Werbezwecken stimmen sogar über 70 Prozent. Auf breite Zustimmung stößt der Einsatz von Drohnen hingegen, wenn es um die Rettung von Menschenleben geht, etwa in Katastrophensituationen oder bei Rettungseinsätzen.

Mit einer neuen Drohnenverordnung will die EU klarere Regeln für den Einsatz von Multikoptern geschaffen. So werden die Geräte von 2020 an in verschiedene Kategorien eingeordnet; je nach Gewicht, Einsatzbereich, Bauform und Sicherheitsrisiko des Fluggeräts gelten diverse Auflagen. Damit werden die vielen nationalen Regelungen, die derzeit noch in den 28 EU-Staaten existieren, aufeinander abgestimmt. Nach einer Umsetzungsfrist von zwei bis drei Jahren soll mit den kleinstaatlichen Regelungen Schluss sein, sagt Eschbach. Dann gelten europaweit einheitliche Standards: "Wer künftig eine Genehmigung für den Luftraum erteilt, erteilt sie für ganz Europa." Bislang läuft es anders: Wer in Deutschland eine Betriebserlaubnis für mehrere Bundesländer erlangen möchte, muss die Genehmigung bei jeder Landesluftfahrtbehörde einzeln einholen. Das behindere viele Unternehmen, die mit Multikopter-Anwendungen Geld verdienen wollen, meint Eschbach vom UAV-Dach.

So könnten künftig Drohnen vermehrt Vermessungsflüge vornehmen, aktuell werden diese zum größten Teil noch mit Hubschraubern abgewickelt. "Multikopter sparen nicht nur Zeit und Geld", sagt Ute Otterbein von der Flugsicherung, "sie sind auch leiser und umweltfreundlicher als Hubschrauber." Geforscht wird zudem am Transport von Medikamenten per Multikopter. Auch bei Kontrollflügen entlang von Pipelines könnten künftig mehr und mehr Multi- die Helikopter ersetzen.

In Deutschland gelten seit 2017 die Regeln einer speziellen Verordnung. Drohnen-Trainer Deißenböck geht sie zu Beginn der Flugstunde gemeinsam mit seinem Schüler Wartini durch: Drohnen dürfen nur bis 100 Meter Höhe und in Sichtweite geflogen werden. Doch das ist gar nicht so einfach: "Die Optik täuscht wahnsinnig", sagt Deißenböck. Schon nach 250 Metern können die meisten Drohnen nur noch als kleine Punkte am Horizont erahnt werden. Wer das Gerät mithilfe einer Flugbrille steuert, die das Bild der Drohnen-Kamera überträgt, muss daher von einer zweiten Person begleitet werden, die den Multikopter im Blick hat. Zudem muss man Geräte ab 250 Gramm mit einer Plakette mit Name und Adresse des Besitzers kennzeichnen, ab einem Gewicht von zwei Kilogramm ist ein sogenannter Drohnen-Führerschein notwendig.

2018 wurden 158 Drohnen in der Nähe von Flughäfen gesichtet, ein Jahr zuvor waren es nur 88

Zudem gelten Flugverbote etwa über Menschenansammlungen, Industrieanlagen und Wohngrundstücken. Eine Smartphone-App hilft den Multikopter-Piloten dabei: Die geben dort Modell und Standort ein; die App listet Verbotszonen und die jeweils geltenden Regeln für den Standort auf. Auch in der Nähe von Flughäfen dürfen Drohnen in der Regel nicht aufsteigen - die Fluglotsen können die Fluggeräte nicht auf dem Radar erkennen. Anfang Mai wurde eine Drohne am Frankfurter Flughafen gesichtet, aus Sicherheitsgründen wurde der Flugverkehr eine Dreiviertelstunde lang eingestellt. Laut DFS wurden im vorigen Jahr insgesamt 158 Drohnen in der Nähe deutscher Flughäfen gesehen, 2017 waren es nur 88.

Daher werde die Drohnenabwehr immer wichtiger, sagt Markus Müller vom Fraunhofer Institut. "Durch Fahrlässigkeit, Übermut oder Unwissenheit entstehen Bedrohungen für den Flugverkehr, die es frühzeitig zu erkennen gilt." Eine Möglichkeit wäre, Multikopter per Video zu erfassen. Das System detektiert das Ziel, verfolgt es digital und versucht, anhand des Bewegungsmusters zwischen Drohne und Vogel zu unterscheiden. Um die Drohne abzuwehren, kann beispielsweise die Steuerung übernommen oder ein anderer Multikopter losgeschickt werden, der das Fluggerät mit einem Netz einfängt. Zudem fordert die DFS, Drohnen zu registrieren und mit einer Art Handykarte auszustatten. Die würde es Fluglotsen ermöglichen, Multikopter über das Mobilfunknetz zu orten. Zudem könnten die Geräte so miteinander kommunizieren.

Deißenböck hofft darauf, dass die EU-Richtlinien nun rasch umgesetzt werden. Das Potenzial von Multikoptern sei noch nicht erschöpft, sagt der Drohnen-Trainer. In der Trainingsstunde achtet er daher besonders darauf, keinen der Spaziergänger oder Radfahrer zu stören. Er findet: "Einzelne Multikopter-Piloten, die sich nicht an die Regeln halten, schaden dem Image von Drohnen unglaublich."

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