Auto-Tuning So schön kaputt

In Berlin-Mitte fährt seit einigen Jahren ein VW Golf III im Superschrott-Look herum. Sein Besitzer Robin Waschow kann sich nicht mehr vorstellen, ein normales Auto zu fahren.

(Foto: Robin Waschow)

Sie gießen Sahne, Olivenöl und Red Bull auf das Blech, um zu sehen, was passiert. Besitzer von "Ratten-Autos" bringen ihre Fahrzeuge absichtlich zum Rosten. Über eine kleine Gruppe mit einer großen Liebe zum Schrott.

Von Jan Kedves

Wer rattet, der rostet. Richtig gelesen, bei Rattenautos geht es um Rost, je mehr, desto besser. Die Besitzer bringen das Blech absichtlich zum Korrodieren, mithilfe einer Schleifmaschine und einem Spray aus Wasserstoffperoxid, Essig und Salz oder mit einer Mischung aus Klarlack und Eisenpulver. In einem Land, in dem das Auto heilig ist, immer schön poliert sein muss und keine Schramme und keine Delle haben darf, erscheint das als schockierende Transgression. Bisweilen kann es einem ja so vorkommen, als wollten die Deutschen sich mit ihrer Auto-Picobello-Neurose davon ablenken, dass das Auto, das in ihrem Land erfunden wurde, keine saubere Sache ist. Rattenautos machen bei dieser Augenwischerei nicht mit.

In Berlin-Mitte fährt zum Beispiel seit einigen Jahren ein VW Golf III, Baujahr 1992, im Superschrott-Look herum. Er heißt "Dachsbau 2.0", ist komplett verrostet, so weit tiefergelegt, wie man in Deutschland sein Auto nun mal tieferlegen darf, und hat sein eigenes Instagram-Profil. Sein Besitzer heißt Robin Waschow. Der 30-jährige Berliner arbeitet tagsüber in einer, wie er sagt, "Bundesbehörde mit einem langen Namen", nach Dienstschluss trägt er dann Kapuzenpulli und Turnschuhe und veredelt seine Ratte. Etwa, indem er Olivenöl und Sahne auf ihre Karosse kippt und abwartet, was für interessante Farbeffekte das unter der Wettereinwirkung auf dem Rost erzeugen wird. Oder er züchtet Moos in den Fugen der Rückleuchten, damit sein Auto noch mehr aussieht, als habe es "dreißig Jahre lang im Wald gestanden".

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Denn das ist das Ziel beim Ratten-Look: seiner Karre den Anschein zu geben, als sei sie schon lange stillgelegt und den Elementen ausgesetzt gewesen, und als habe man dann gerade nur so viel Geld in sie reingesteckt, das sie eben so wieder fährt. Innendrin ist aber alles funktionstüchtig. Von außen mag es dann so wirken, als erobere sich die Natur, die unter den Autos leidet, ein Stück weit ihr Terrain zurück. Ein ziemlich interessanter Eindruck in Zeiten des Klimawandels. Und zugleich scheint so ein Ratten-Golf auch "Leck mich, neue hochpolierte Mitte!" ins Berlin des Jahres 2019 zu schreien, wenn Robin Waschow mit seinem Doppelrohr-Sport-Auspuff über den Rosenthaler Platz röhrt und die Touristen und Superfood-Hipster vor den Cafés ihre Hälse recken.

Ursprünglich kommt der Rat Look natürlich aus den USA und geht historisch zurück auf die sogenannten Hot Rods der Fünzigerjahre: reanimierte, aufgemotzte Schrott-Boliden, die man verchromte und aufwendig in Bonbon- und Metallicfarben lackierte. Wann diese automobile Subkultur um ihr rotziges Pendant, die Ratten, ergänzt wurde, darüber gibt es im Netz unterschiedliche Ansichten. Manche sagen in den Siebzigern, manche in den Achtzigern. Florian Wagner, der Betreiber der deutschen Website Ratlookforum.de, sagt, der Ratten-Look sei etwa Mitte der Nullerjahre auch auf die deutschen Straßen geschwappt. Wobei schwappen so klingt, als gebe es in Deutschland nun Tausende Ratten. Eher seien es deutlich weniger als hundert, schätzt Wagner. Dass der Trend nicht groß durchgestartet ist, liegt wohl auch daran, dass viele dieser Wagen gar nicht erst durch den TÜV kommen.

Robin Waschow aus Berlin bestätigt, dass viele Ratten-Besitzer nach einer Weile wieder abspringen, "weil der Grat zwischen kreativ und illegal doch schmal ist". Es sei sehr viel Recherchearbeit nötig, um herauszufinden, was man an sein Auto alles "ranbamseln" dürfe, sprich: wie man es möglichst individuell auf Schrottkiste trimmen kann, ohne die Zulassung zu verlieren. Die deutsche Straßenverkehrsordnung kennt ja für alles Mögliche eine Vorschrift. "Ich habe Papier ohne Ende vom TÜV im Handschuhfach, das ist bei Kontrollen immer nützlich", sagt Waschow. Kürzlich sei er innerhalb einer Woche dreimal von der Polizei angehalten worden. "Trotzdem könnte ich mir nicht mehr vorstellen, mit einem normalen Serienauto zu fahren. Ich möchte mein eigenes Auto haben", sagt Waschow und grinst: "Wenn ich an der Ampel mal vor oder hinter einem Lamborghini stehe und die Leute dann nur auf mein Auto starren, merke ich, wie die Sportwagenfahrer das ärgert."

Ehrliche Dreckschleudern, draußen wie drinnen

Die kleine deutsche Ratten-Szene trifft sich einmal jährlich im Mai zur "Rattenplage" in der Nähe von Regensburg, oder im Juni in Sachsen-Anhalt zur "Rattenfalle". Wassow fährt nicht regelmäßig zu solchen Treffen. Er betreibt mit "Bro.Werks" selbst eine englischsprachige Facebook- und Instagram-Gruppe, in der Ratten-Fans aus aller Welt Fotos ihrer Kreationen posten können.

Vielleicht bekommt die Szene ja demnächst wieder Zulauf. Es vergeht ja kaum ein Tag, an dem nicht weitere unappetitliche Details über die Abgas-Pfuscherei der deutschen Autoindustrie ans Licht kommen. All diese Neuwagen, die so modern, sauber und reif für die grüne Zukunft sein sollten, und es nun gar nicht sind. Düpierte Käufer könnten das Äußere der Autos ihrem Inneren angleichen, aus Protest. Ehrliche Dreckschleudern, draußen wie drinnen: pfui!

Das geht ja wie gesagt ganz einfach. Mit Säure und Salz oder mit Eisenpulver oder sogar mit Energy-Drinks. Florian Wagner von Ratlookforum.de weiß: "Wenn man Red Bull auf Blech kippt, rostet es innerhalb von zwei Stunden."

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