Radfahren in der Stadt Kampf um die Wiener Straßen

Am Schwarzenbergplatz in Wien treffen die Verkehrsphilosophien besonders stark aufeinander.

(Foto: imago stock&people)

Jeder neue Radweg in der österreichischen Hauptstadt wird von Protesten begleitet. Dabei ist Wien eine wunderbare Stadt zum Radfahren - wenn nur die Öffis nicht so gut wären.

Von Leila Al-Serori, Wien

Der österreichische Dramatiker Franz Grillparzer soll einmal gesagt haben: "Es muss was geschehen, aber es darf nix passieren." Das Zitat bemühen Wiener gerne, wenn sie ihre eigene Grundhaltung beschreiben sollen. Veränderung mag der Wiener nicht so gern; sich über den Status Quo ärgern hingegen umso mehr.

Daran sei zu denken, wenn man mit dem Rad durch Wien fährt. Die Kulisse: traumhaft. Wie auf der Ringstraße, wo man unter Kastanien fahrend fast alle großen Sehenswürdigkeiten der Stadt erleben kann. Hier sind die Radwege breit, nur ein paar verirrte Touristen müssen manchmal energisch auf die Seite geklingelt werden.

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Aber es lässt sich nicht überall so vorbildlich und sicher radeln wie auf dem Prachtboulevard. "Knochenbrecherstrecke" haben Einheimische den Getreidemarkt genannt, weil für Radfahrer einfach keine Spur eingeplant war. Sie mussten zwischen den Autos radeln, die dort gerne mit 70 km/h herunterbretterten.

Als die Stadt dort vergangen Herbst endlich einen Radweg eröffnen wollte, waren viele nicht begeistert. Nein, sie waren dem Nervenzusammenbruch nahe. Die rechte FPÖ bekämpfte die Pläne vehement und hatte Boulevardblätter und viele Autofahrer auf ihrer Seite. Es half alles nichts, die rot-grüne Stadtregierung setzte sich durch.

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Jeder Radweg muss erkämpft werden

Beruhigt haben sich die Gemüter inzwischen nicht, nur verlagert. Nun soll nämlich ein anderer Radweg an der Wienzeile beim Naschmarkt errichtet werden. Damit würden den derzeit für Autos reservierten acht Spuren zwei weggenommen. Auch hier sind die Proteste wieder enorm. "Jeder einzelne Radweg muss in Wien erkämpft werden", seufzt der zuständige grüne Stadtrat Christoph Chorherr. "Radfahren ist leider ein politisches Symbol geworden. Wer in Wien radfährt, gilt als weltfremder Linker." Um zu zeigen, wie gefährlich es derzeit an der Wienzeile ist, hat er sich kürzlich selbst auf ein Rad gesetzt und ist publikumswirksam mit angespanntem Gesicht vor Journalisten an Bussen und Autos vorbeigeschlängelt.

"Die Verkehrsplanung dort ist aus den 50er Jahren, alles ist nur auf das Auto ausgerichtet. Das kann ja so nicht bleiben", sagt der Kommunalpolitiker und schaltet in den Wahlkampfmodus. Bis zur nächsten Wien-Wahl im Herbst 2020, nach der die Grünen vielleicht nicht mehr in der Stadtregierung sitzen, wollen sie ihm zufolge noch so einiges durchsetzen. Das Radfahren als eine der "günstigsten und umweltfreundlichsten Fortbewegungsmittel", wie Chorherr sagt, solle besonders gestärkt werden. Auch für die Zukunft. Denn Wien wächst alle zehn Jahre um 200 000 Einwohner - also in etwa der Größe von Mainz.

Aber wenn die bekannten Straßen und Plätze plötzlich anders aussehen sollen, müssen viele Bewohner erst einmal schlucken. So gab es Proteste, als der berühmte Jugendstil-Architekt Otto Wagner um 1900 ein Kaiser-Franz-Josef-Stadtmuseum am Karlsplatz bauen wollte. Eine Fürstin soll ihren Wohnzimmerausblick gefährdet gesehen haben und initiierte eine erfolgreiche Bürgerinitiative, die dem Projekt ein Ende setzte. Ebenso kritisch waren die Bewohner, als 1990 gegenüber vom Stephansdom das verspiegelte Haas-Haus ("Schaas-Haus") errichtet wurde, das heute fast ebenso als Sehenswürdigkeit gilt wie der Dom selbst. Oder als 2015 die zentrale Einkaufsstraße, die Mariahilfer Straße, zu einer Fußgänger-Zone umgebaut wurde. Damals kannte der Boulevard monatelang kein anderes Thema als die bald fehlenden Parkplätze.

Die größte Konkurrenz für das Rad ist die U-Bahn

Vielleicht liegt es an diesem immer noch tobenden Glaubenskrieg zwischen Auto- und Fahrradfahrern, dass der Anteil der Radfahrer am allgemeinen Transportaufkommen seit Jahren bei sieben Prozent stagniert. Zum Vergleich: In München sind es 17,4 Prozent, in Berlin 13 Prozent. Die Stadt Wien will den Anteil nun auf zehn Prozent steigern.

Das gestaltet sich aber nicht nur wegen des Widerstands mancher Autofahrer schwierig. Die große Konkurrenz ist nämlich gar nicht das Auto, sondern die U-Bahn. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind in Wien sehr gut ausgebaut, in Stoßzeiten kommt die U-Bahn alle zwei Minuten. Mit 365 Euro für das Jahresticket sind sie auch vergleichsweise günstig. Fast 40 Prozent nutzen daher bevorzugt die Öffis, um sich in der Stadt zu bewegen.

Und die Stadt investiert weiter massiv in den U-Bahn-Ausbau. Eine komplett neue Line bekommt Wien bis 2024. Gegenstimmen gibt es bisher keine. Veränderungen dürfen also in der österreichischen Hauptstadt durchaus manchmal sein - nur am besten unter der Erde.

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