Süddeutsche Zeitung

Probleme beim Carsharing:Teure Tücken der Technik

Car- und Bikesharing liegt im Trend. Doch was, wenn man den geteilten Wagen oder das Teilzeit-Fahrrad wegen technischer Probleme nicht mehr loswird? Ein leidvoller Erfahrungsbericht.

Von Maximilian Schönherr

Carsharing ist ein Rennen gegen die Uhr. Das merkt man spätestens bei der Parkplatzsuche. Für die Raumnot in den Metropolen können die Kurzzeitvermieter nichts, aber sie verdienen daran. Denn jede dritte Minute wird ein Euro fällig. Abhilfe könnte zum Beispiel ein Sondertarif schaffen: Wenn das System merkt, dass der Kunde zehn Minuten um denselben Block kurvt, könnte es auf Parkplatzsuche schließen und nur drei statt 30 Cent pro Minute berechnen. Hat man endlich eine Lücke gefunden und das Auto per Kundenkarte verriegelt, dann springt die Miniampel von Rot auf Grün und die Mietuhr steht endlich still.

Wo man diese Autos gar nicht los wird, sind von GPS- und Mobilfunk abgeschattete Gebiete. Nicht nur in Manhattan herrscht chronisch schlechter GPS-Empfang, auch in Berlin gibt es enge Straßen, wo kein Kontakt mit dem Betreiber hergestellt werden kann. Wer im Funkloch steckt, muss eine Ecke weiter fahren, bis der Himmel frei und der nächste Mobilfunkmast in Rufweite ist - Parkplatz hin oder her. Bei DriveNow ist dieses Mastproblem bekannt, wenn der Wagen wegen schlechten Mobilfunkempfangs den Kunden nicht loslassen möchte. Die Carsharing-Tochter von BMW und Sixt hat inzwischen M2M (Maschine zu Maschine)-Karten in allen Fahrzeugen verbaut, die anders als die SIM-Karten unabhängig vom Mobilfunkanbieter sind. Gegen GPS-Abschattung ist allerdings selbst die neue Technik nicht gefeit.

Ungewöhnliche Rituale

Wie wäre es daher mit einem Bonussystem für Kunden, die solche Schwachstellen melden? Doch von Freiminuten kann keine Rede sein, im Gegenteil: Bei Auscheck-Problemen wird der Kunde mit Schuldzuweisungen traktiert. Ein leidvolles Beispiel ist der Flughafen Köln/Bonn. Da haben Car2go und DriveNow ganz praktisch am Kopfende des Terminals 2 einige Stellplätze gebucht und legen dafür einen Teil der Kosten auf den Kunden um.

Als ich das erste Mal frühmorgens um 3.30 Uhr mit einem BMW von DriveNow dorthin fuhr, hatte ich ausgerechnet: 20 Minuten Fahrt kosten sechs Euro plus die Flughafengebühr von rund fünf Euro. Die Bahnen (2,80 Euro) fuhren noch nicht, ein Taxi hätte an die 40 Euro gekostet. Der Parkplatz war leicht zu finden, es waren auch genügend DriveNow-Parkplätze vorhanden. Doch mein BMW wusste nicht, wo er war und konnte keine Verbindung zur Zentrale aufnehmen. Der Grund war vermutlich eine hohe Böschung, die den Parkplatz von der Start- und Landebahn trennt. Neben mir auf dem Parkplatz rangierte in der Dunkelheit ein Leidensgenosse in seinem Car2go-Smart hin und her, bis sein Wagen wieder ein Netz fand. Der Mann arbeitete bei einer Airline und sagte mir, das er dieses Ritual regelmäßig praktiziere. Die Zeit müsse man einfach einplanen.

"Ziemlich ruppige" Call-Center-Mitarbeiter

Also fing auch ich an, auf dem kleinen Parkplatz von einer Stelle zur nächsten zu fahren, um über das Display die Miete beenden zu können. Dort war aber immer lapidar zu lesen, ich könne hier nicht auschecken, da keine Verbindung bestehe. Es verging eine Viertelstunde. Weil ich zum Gate musste, lud ich mit sehr ungutem Gefühl das Gepäck aus, ließ den Wagen unabgeschlossen stehen, wo er war und ging ins Terminal durch die Security, um direkt die Hotline anzurufen. Nach zehn Minuten in der Warteschleife nahm ein ungehaltener Mitarbeiter ab und ließ mich wissen, ich hätte einen großen Fehler gemacht, den Wagen einfach offen da stehen zu lassen: "Sie müssen für eventuellen Vandalismus am Fahrzeug aufkommen." Letztendlich wurde mir der durch das Parken entstandene zusätzliche Rechnungsbetrag von zehn Euro zurückerstattet.

Airport-Carsharing ist an sich eine feine Sache, deshalb fuhr ich ein weiteres Mal zum Flughafen Köln/Bonn, diesmal mit einem Smart von Car2go. Dasselbe Problem. Nur kam ich diesmal so in Zeitnot, dass ich erst in Berlin angekommen die Hotline anrief . Mein Konto wurde mit knapp 30 Euro zusätzlich belastet, weil ich angeblich 156 Minuten am Flughafen geparkt hatte, ohne auszuchecken. Wieder war die Ansage die, ich dürfe auf keinen Fall einen Wagen einfach so verlassen. Ja, wie soll das gehen? Indem ich in die Stadt zurückfahre und mir ein Taxi nehme? Entsprechende schriftliche Anfragen an den Kundenservice blieben unbeantwortet. Die Anbieter reagierten erst, nachdem ich mich als Journalist an die Pressestellen wandte: Ein Pressesprecher gab zu, dass die Call-Center zum Teil "ziemlich ruppig" seien.

Kinderkrankheiten als lukratives Geschäft

Der Platzhirsch beim Radelteilen ist Call-a-Bike der Deutschen Bahn. Hier liegt ein Defekt im System, der dem Kunden hohe, stille Kosten aufbrummt. In München fuhr ich kürzlich mit einem dieser Mieträder zum U-Bahnhof Studentenstadt, wo schon mehrere seinesgleichen standen. Anders als noch im letzten Jahr muss man nicht mehr mit einem Code auschecken, eine Bestätigung am Display genügt. Die Fahrt dauerte nur eine Minute, also acht Cent. Einige Wochen später kam via Mail die Rechnung, die sich auf mehr als 20 Euro belief. Auch für eine Fahrt zuvor waren zehn Euro Strafgebühr für das Abstellen "außerhalb Standort" angefallen.

Beim Anruf des Supports sagte mir die Mitarbeiterin, ich hätte wohl die AGB nicht gelesen, das Rad dürfe man nicht außerhalb des Geschäftsgebiets abstellen. Nicht nur das Rad unterschlug mir diese Information. Auch die Android-App, über die ich es angemietet hatte, warnte mich (und viele andere Mieter von Call-a-Bike) nicht vor meiner Überschreitung: Sie zeigt das Geschäftsgebiet erst gar nicht an. Wenn man das Rad nicht gerade im Stadtkern anmietet und dort wieder abstellt, wird man leicht zum digitalen Grenzgänger.

Mag sein, dass es sich um Kinderkrankheiten eines neuen Mobilitätsangebots handelt, bei dem viele Schnittstellen reibungslos funktionieren müssen. Aber diese Tücken der Technik sind sicherlich ein lukratives Geschäft für die Bahn. Gerade weil Spontanmieter wie Touristen so leicht in diese Falle laufen, dass es nach Abzocke riecht. Auch hierzu stellte ich zwei schriftliche Anfragen an Call-a-Bike und an die Presseabteilung. Nach über einem Monat warte ich weiter auf die Antwort.

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Quelle:
SZ vom 06.09.2014
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