Süddeutsche Zeitung

Porsche 718 Cayman im Fahrbericht:"Gegen den neuen Cayman hat es der 911 nicht leicht"

Das meint Rallye-Legende Walter Röhrl. Dabei gibt es das Porsche 718 Coupé nur noch mit Vierzylindermotor - der noch dazu beim Soundcheck versagt.

Test von Jörg Reichle

Der Meister ist ganz bei sich. Ohne Hast und mit sanften Bewegungen, dabei im Höchstmaß konzentriert, steuert Walter Röhrl den Porsche Cayman über den Sturup Raceway, eine kleine Rennstrecke nahe Malmö in Schweden. Die leicht überhöhte Links am Ende der kurzen Start-und-Zielgeraden bremst Röhrl bei knapp 160 km/h im letzten Augenblick an. Die Reifen wimmern, die Senke im Scheitelpunkt knallt ins Fahrwerk, dann Rausbeschleunigen, zweiter Gang, dritter Gang, das PDK-Getriebe wechselt in Stellung Sport Plus die Fahrstufen wie Gewehrschüsse. 350 PS leistet der 2,5-Liter-Turbo-Boxer im Cayman S und Röhrl quetscht jedes einzelne aus bis zum Gehtnichtmehr. 285 km/h sind möglich mit dem Cayman S, 270 km/h mit dem Cayman. Nur nicht auf diesem Kurs.

Dass das Auto am Limit ist und der Fahrer noch Reserven hat, kommt eher selten vor, meist ist es umgekehrt, vor allem bei Nicht-Röhrls und Sportwagen vom Schlage des neuen Cayman, der jetzt den Namenszusatz 718 trägt und damit das renovierte Duo an der Seite des Boxsters komplettiert. Er wird dereinst in die Markengeschichte eingehen als erster Vierzylinder-Porsche seit der Transaxle-Ära vor 40 Jahren - und sicherlich nicht auch als der letzte. Eine Kulturrevolution?

Der Cayman geht fulminant

Theoretisch ja, in der Praxis eher nicht. Dazu macht der Boxer, der im normalen Cayman (ab 51 623 Euro) aus zwei Liter Hubraum immerhin 300 PS zaubert und als S-Modell (ab 64 118 Euro) aus 2,5 Liter Hubraum noch einmal 50 mehr, seine Sache zu gut. Spontanes Ansprechverhalten dank eines Wastegate-Turbos im Cayman und eines Laders mit variabler Turbinengeometrie (VTG) wie im 911 Turbo im S-Modell zeigt der Cayman auf der Rennstrecke, außerdem hat der Vierzylinder auch in Sachen Drehmoment zugelegt: 380 Newtonmeter zwischen 1950 und 4500 Umdrehungen (Cayman), das sind 90 Nm mehr als beim Vorgänger, beim S sind es 420 Nm zwischen 1900 und 4500 Umdrehungen (plus 50 Nm).

Kurz gesagt: Der Cayman geht fulminant, lässt sich millimetergenau dirigieren mit der direkter ausgelegten, elektromagnetischen Lenkung aus dem 911 Turbo und meistert dank des komplett überarbeiteten Fahrwerks so gut wie jede fahrphysikalische Herausforderung. Besonders hilfreich sind dabei die adaptiven Dämpfer im 20 Millimeter tiefer gelegten PSAM-Sportfahrwerk für 1666 Euro extra (Cayman S), die sich vorbildlich schluckbereit zeigen und in trauter Einheit mit der variablen Kraftverteilung zwischen den Hinterrädern (Torque-Vectoring) inklusive mechanischer Quersperre (plus 1309 Euro) für überlegene Traktion sorgen. Und natürlich lassen auch die Bremsen keinen Zweifel an ihrer Kompetenz zu.

Der Sound ist das einzige Manko

Nur mit dem Klang ist es so eine Sache. Für einen Vierzylinder tönt der Motor nicht schlecht, rau und angemessen aggressiv, und er kündet unüberhörbar vom Aufwand, den die hauseigenen Toningenieure getrieben haben müssen. Trotzdem nervt auf Dauer das ungewohnte Dröhnen zwischen 3000 und 4000 Umdrehungen, genauso wie das unterschwellig vernehmbare Schnarren, und da ist es ganz gleich, ob man sich für den optionalen Sportauspuff entscheidet oder nicht. Hier, und nur hier, vermissen wir den Sechszylinder.

Am allerwenigsten übrigens auf den Straßen Südschwedens, wo die Porsche-Presseabteilung die Fahrvorstellung für die Medien sinnigerweise hinverlegt hatte. Strenge Tempolimits - 70 km/h auf Landstraßen, 110 auf Autobahnen, dazu jede Menge 30er- und 40er-Bereiche und eine Polizei, die im Ruf steht, eher humorlos auf Regelverstöße zu reagieren - sind eher nicht das ideale Umfeld für ein Auto dieser Art. Oder sie stellen, andersherum betrachtet, gleich ganz die Sinnfrage für solche Hochleistungsmodelle. Wie auch immer, rekordverdächtig niedrige Verbräuche schaffte der neue Cayman trotz Bummeltempo nicht. 6,9 Liter auf 100 km gibt das Werk für den Cayman an (Cayman S: 7,3). Bei ersten, allerdings per Bordcomputer eher ungenauen Messungen, waren weniger als neun Liter aber nicht drin.

Mehr Charakter in der Linienführung

Trotz aller Höchstleistung ist der Cayman kein Extremist unter den Sportwagen. Das liegt mit am ordentlich komfortablen Fahrwerk, dazu kommen alltagstaugliche Zugaben wie die beiden Gepäckfächer, tolle Sitze, intuitive Bedienung. Ein rundum passgenauer Arbeitsplatz.

Unter der Leitung von Michael Mauer hat sich das Porsche-Design ohnehin klar zum Vorteil entwickelt. Schon beim aktuellen 911 und noch mehr beim gerade vorgestellten Panamera-Nachfolger ist es gelungen, mit moderaten Veränderungen deutlich mehr Charakter und feine Linienführung ins Blech zu bringen. Das gilt auch für die neue Cayman/Boxster-Generation, wo außer Kofferraumdeckel, Dach und der Windschutzscheibe praktisch alles verändert wurde: stärker profilierte Front mit größeren Lufteinlässen und Bi-Xenon-Scheinwerfern mit integriertem LED-Tagfahrlicht, markantere Kotflügel und Schweller, betonte Lichtkante zum seitlichen Lufteinlass. Und das Beste: Hinten ist der seltsam in den Leuchten auslaufende Heckspoiler endgültig passé.

Den Schnickschnack gibt es gegen Aufpreis

Dafür hat die Zukunft in Gestalt allerlei elektronischer Segnungen Einzug gehalten. Der optionale Tempostat kann jetzt moderat bremsen und der Abstandsregeltempomat in Verbindung mit dem PDK-Getriebe auch segeln. Dieses antriebslose Rollen soll Benzin sparen. Dazu kommt - ebenfalls gegen Aufpreis - ein Spurwechselassistent. Und natürlich gibt es obendrein so Sachen wie Handyvorbereitung, Audio-Schnittstellen und ein 150 Watt starkes, sogenanntes Sound Package Plus, erweiterbar mit Modulen für Navigation, Infotainment und Konnektivität.

Für Walter Röhrl, den Porsche-Repräsentanten, dürfte all das ein rechter Schnickschnack sein, auch wenn er es so nie sagen würde. Er sagt stattdessen: "Ein Wahnsinn, wie kompakt und präzise sich der Cayman fährt, da hat es der Elfer nicht leicht." Wohl wahr.

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Quelle:
SZ vom 16.07.2016/harl
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