Pariser Autosalon Zwiespalt an der Seine

Auf dem Autosalon in Paris sind zwar auch moderne Elektroautos zu sehen, aber meist nur als Studien. Beherrscht wird das Bild von schweren SUVs und Kombis, die wie SUVs daherkommen.

Von Thomas Harloff

Autonomes Fahren, vernetzte Fahrzeuge, Elektromobilität: Diese Themen beherrschen derzeit herstellerübergreifend die Statements der Automanager. Bei einem Branchentreff wie dem noch bis zum 16. Oktober stattfindenden Pariser Autosalon bietet sich eine gute Gelegenheit, zu überprüfen, ob sie ihre großen Worte auch mit Inhalt füllen. Ein Rundgang durch die Messehallen zeigt: Nun ja, ein bisschen.

Beispiel VW: Der in der Konzernagenda "Strategie 2025" formulierte Anspruch, Verbrennungsmotoren nach und nach durch Elektroantriebe zu ersetzen, schimmert in Paris immerhin durch. Einerseits in Form des überarbeiteten Elektro-Golfs, der nun eine Reichweite von 300 Kilometern schaffen soll. Andererseits durch die Studie I. D., die der Vorbote einer neuen Elektrofahrzeugflotte ist, über einen 125 kW (170 PS) starken E-Motor verfügt und mit einer Batterieladung zwischen 400 und 600 Kilometer weit kommen soll. Die Serienversion wird aber erst von 2020 an eine markeninterne Alternative zum Golf sein. Weitere fünf Jahre später soll der I. D. auch selbständig fahren können. Deshalb lässt sich das Lenkrad der Studie vollständig im Armaturenbrett versenken.

Opel gibt die Reichweite des neuen Ampera-e mit mehr als 500 Kilometern an

Am Mercedes-Stand fährt mit dem Elektroauto-Showcar Generation EQ der erste Repräsentant einer neuen Submarke vor. EQ heißt bei den Schwaben künftig das, was bei BMW unter dem Buchstaben "i" läuft. Der Elektroantrieb der Mixtur aus SUV und Coupé leistet bis zu 300 kW (409 PS), die Batterien sollen für maximal 500 Kilometer elektrische Energie an die beiden E-Motoren abführen. Im Gegensatz zum VW ist der Mercedes aber für Selbstfahrer gebaut, was das asymmetrische, nach links orientierte Cockpit verdeutlicht.

Die dritte wichtige Elektroauto-Studie stammt von Renault. Sie heißt Trezor und soll im Gegensatz zum eher unbeweglichen Namensgeber ein flinkes und dynamisches Wesen zeigen. Ein auf Fahrspaß ausgelegter Sportwagen mit Null-Emissions-Antrieb - Renault rechnet also damit, dass der Durchbruch der Elektromobilität früher kommt als der selbstfahrender Autos.

Neue Batterieautos, die schon bald gekauft werden können, sind in Paris rar gesät. Eines ist der neue Smart Electric Drive, den es erstmals auch als Cabrio und Viersitzer gibt. Der im Heck verbaute Elektromotor leistet 60 kW (81 PS), genug für elektronisch abgeregelte 130 km/h Höchstgeschwindigkeit. Die Reichweite fällt mit 160 Kilometern laut NEFZ jedoch sehr gering aus, zumal der Aktionsradius in der Realität noch kleiner sein dürfte. Der Marktstart in Europa ist auf das Frühjahr 2017 terminiert, die Preise starten bei 21 940 Euro für den geschlossenen Fortwo ED.

Mit dem Ampera-e will Opel ein Elektroauto anbieten, dass im Alltag funktioniert. Platz für fünf Insassen und einen geräumigen Kofferraum bringt es schon mal mit. Außerdem ein Infotainmentsystem, in das sich Smartphones leicht einbinden lassen. Der Elektromotor leistet 150 kW (204 PS), die Batterien liefern laut Opel genug Strom für mehr als 500 Kilometer (nach NEFZ-Messung). Eine Zahl, die verwundert, schließlich gibt Chevrolet die Reichweite des fast baugleichen Bolt EV mit nur 383 Kilometern an.

Von diesen Helden der Zukunft abgesehen präsentiert sich die Branche auf dem Autosalon jedoch als Anachronismus ihrer selbst. Das Bild prägen in Paris nämlich, und das ist keineswegs neu, zahlreiche SUVs. Darunter die seriennahe Studie des BMW X2. Er verwendet die Plattform der 2er-Vans und des X1, sieht aber stämmiger aus als die klassisch konzipierte Verwandtschaft. Der neue Audi Q5 wird in Paris ebenso enthüllt wie die vierte Generation des Land Rover Discovery, der nun vom kernigen Offroader zum Allrounder mutiert. Bei Škoda dreht sich alles um den geräumigen Kodiaq, während Peugeot beim Heimspiel mit dem neuen 3008 und 5008 gleich ein SUV-Duo vorstellt.

Die Hersteller müssen mit den Autos von gestern das Geld für die Autos von morgen verdienen

Was nicht ins SUV-Segment gehört, wird zumindest in diese Richtung getrimmt. Bei Volvo hat das Tradition, die Cross-Country-Modelle der Schweden erfreuen sich seit 20 Jahren großer Beliebtheit. Das dürfte beim plastikbeplankten V90, der Anfang 2017 mit je zwei Diesel- und Benziner-Antrieben auf den Markt kommt, nicht anders sein. Bei dessen neuem Konkurrenten, der Mercedes E-Klasse All Terrain, wirkt das Konzept dagegen gezwungen. Auch beim Opel Karl Rocks erschließt sich der Zweck der üppigen Plastikanbauten und der um 18 Millimeter erhöhten Karosserie nicht sofort. Zumal er, im Gegensatz zu Volvo und Mercedes, auf Allradantrieb verzichtet.

Viele Facelifts bekannter Autos ergänzen das Programm. Eine Aufzählung ohne Anspruch auf Vollständigkeit: BMW 3er GT, Dacia Logan und Sandero, Fiat Panda, Hyundai i10, Mazda 6, Opel Zafira und Mokka X, Renault Clio sowie Subaru BRZ und Toyota GT86. Die Neuheiten in der Golf-Klasse sind der Hyundai i30 und die zehnte Generation des Honda Civic. Frische Kleinwagen zeigen Citroën mit dem C3 Picasso, Kia mit dem Rio und Ford mit dem Ka+. Renault stemmt sich mit dem neuen Grand Scénic gegen den schleichenden Niedergang der Van-Kategorie. Nach Sportwagen muss man intensiv suchen. Fündig wird man am Ferrari-Stand, wo der offene LaFerrari und der GTC4Lusso T mit V8-Turbo debütieren. Mercedes bringt den AMG-Roadster in zwei Varianten mit nach Paris, Audi hat den A5/S5 als Coupé und Sportback im Gepäck.

Auf dem Autosalon lässt sich der Wille zu Veränderung durchaus erkennen. Aber es zeigt sich auch, dass die Hersteller noch nicht heraus können aus ihrer Haut. Das Geld für die Autos von morgen müssen sie mit den Autos von heute verdienen. Das sind vor allem SUVs und auf kernig getrimmte Kombis - und damit Autos von gestern.