Radl-Metropolen Radfahrer in Paris brauchen eine große Portion Urvertrauen

Nur vier Prozent aller Pariser geben an, regelmäßig mit dem Rad zu fahren.

(Foto: Kenzo Tribouillard/AFP)

Paris soll nach dem Willen der Bürgermeisterin bis 2020 zur "Fahrrad-Hauptstadt" werden. Doch auf den Straßen der Metropole zeigt sich: Das ist noch ein ziemlich langer Weg.

Von Nadia Pantel, Paris

Ein Geburtstagsessen vor ein paar Wochen. Einer der Gäste ist mit dem Fahrrad gekommen. In jeder deutschen Stadt wäre das nicht weiter der Rede wert, in Paris sind ganz grundsätzliche Überlegungen übers Fahrradfahren jedoch ein beliebtes Gesprächsthema. An diesem Abend sind alle typischen Vertreter solcher Unterhaltungen am Tisch versammelt.

Da ist zunächst der Spanischlehrer Pierre, der sich schnell als Skeptiker outet. Pierre ist in Paris geboren und lebt dort seit 30 Jahren, ohne jemals in der Stadt ein Fahrrad genutzt zu haben. "Das ist doch viel zu gefährlich", stellt Pierre fest.

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Mit dem Elektrorad die Metromisere umgehen

"Überhaupt nicht", entgegnet Antoine, der auch in der Hauptstadt versucht, seiner Jugend als südfranzösischer Hippie treu zu bleiben. Er fährt täglich auf einem scheppernden Uraltfahrrad durch die halbe Stadt und verhält sich dabei wie ein Fußgänger, nur viermal so schnell. Er fährt mal auf dem Bürgersteig, mal auf der linken, mal auf der rechten Seite der Straße und wenn er pfeifend um die Ecke biegt, machen seine Hände irgendwas, nur ganz sicher kein Abbiegezeichen.

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Jules schließlich, der Auslöser der Fahrraddebatte, hat vor dem Haus sein Elektrofahrrad angeschlossen. Es ist sein zweites, das vorige wurde ihm vor ein paar Monaten gestohlen, genau zu dem Zeitpunkt, als Jules gerade Kisten packte, um vom Zentrum in die Vorstadt zu ziehen. Das erste Kind ist da und eine größere Wohnung kann Jules sich nur außerhalb leisten. Das E-Fahrrad soll ihn vor der täglichen Metromisere bewahren. Vom Motor unterstützt radelt Jules jetzt täglich eine Stunde zur Arbeit und abends eine Stunde nach Hause.

Kreisverkehre und Busse als natürlicher Feind des Radlers

Und dann sitzen da noch die zwei Deutschen am Tisch, die früher alles mit dem Fahrrad gemacht haben und es jetzt doch manchmal mit der Angst zu tun bekommen, wenn sie am Rand der Busspur hoffen, nicht übersehen zu werden.

Eigentlich ist Paris eine ideale Fahrradstadt. Es gibt kaum Hügel, breite Boulevards zeichnen übersichtliche Routen ins Gewirr der alten Straßen und die Stadt ist flächenmäßig gerade mal so groß wie Mainz. Und weil in Paris anders als in Mainz nicht 200 000, sondern zwei Millionen Menschen auf 105 Quadratkilometern leben, muss man in Frankreichs Hauptstadt meist nie mehr als eine Viertelstunde radeln, um ganze Welten zu durchqueren.

Der Nachteil des geballten Lebens: In Paris ist es verdammt eng. Es gibt wenige Fahrradwege und meistens soll man sich, zumindest wenn es nach den Verkehrsplanern geht, als Radfahrer auf der Busspur einfädeln, wo man dann im minütlichen Wechsel entweder selbst überholt (Bus hält an, Passagiere steigen aus) oder überholt wird (Bus fährt wieder los).

Wer diesen Schlängeltanz lange genug geübt hat, ist irgendwann bereit für die großen Prüfungen: die Place de la Concorde und die Place de la Bastille. Zwei riesige Kreisverkehre, der eine im Zentrum, der andere im Osten der Stadt, beide von einer ganz besonderen Anarchie belebt. Wer nicht mit einer großen Portion Urvertrauen gesegnet ist, steigt hier lieber ab und schiebt. Wobei auch das nicht unbedingt sicherer ist, in Paris werden mehr Fußgänger überfahren als Radfahrer. 2017 zählte das Rathaus auf den Straßen 13 getötete Fußgänger und zwei getötete Radler. Doch in einer Stadt, wo laut der Zeitung Le Monde nur vier Prozent der Bevölkerung von sich sagen, dass sie regelmäßig mit dem Rad fahren, ist es nicht überraschend, dass die Radler die Verkehrsteilnehmer sind, die am seltensten verletzt werden.