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Opel-Stammsitz Rüsselsheim:Weil das Prinzip Wachstum an seine Grenzen gestoßen ist

Rüsselsheim ist Opel. Doch der SC Opel Rüsselsheim spielt in der Kreisoberliga, das baufällige Opel-Bad ist geschlossen und statt 42.000 Menschen wie im Jahr 1978 arbeiten heute dort knapp 18.000 im Opel-Werk. Ein Besuch in einer Arbeiter-Burg, die fällt. Jeden Tag ein Stück mehr.

Sie hießen Heinz und Willi, Horst und Heinrich, Wilfried und Norbert. Sie waren Arbeiter und Familienväter. Wenn sie zur Arbeit gingen, dann gingen sie in den Betrieb, ins Werk. Das Werk hieß Opel.

Opel war nicht in Rüsselsheim, Opel war Rüsselsheim. Sie hatten es in der Wirtschaftswunderzeit zu etwas gebracht, je nach Ausbildungsgrad zu einem bescheidenen Wohlstand, zu einem Haus in einer der vielen Nachkriegssiedlungen, die nach Sozialdemokraten der Vorkriegszeit benannt sind, zu einer eigenen Wohnung oder zumindest zu einem sicheren Auskommen. Dessen Fortbestand in alle Ewigkeit stellte niemand infrage in den späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahren, der Ölkrise und den ersten Dellen in der bundesrepublikanischen Erfolgskurve zum Trotz.

Opel war die Überlebensgarantie für eine ganze, nicht allzu kleine Stadt; rund 60.000 Menschen immerhin; der Sicherheitsfaktor im Leben der meisten Rüsselsheimer. Man schaffte "beim Opel", und selbstverständlich war auch der Weg der Söhne bereits durchgeplant. Man würde sie dort unterbringen, das war klar, und ihr Lebensweg wäre zwar vorgezeichnet, aber auch ökonomisch gefahrlos bis zur Rente.

Keine Chance, in Rüsselsheim Opel zu entkommen

Von der Innenstadt aus, hinter dem damals noch schmuddeligen Bahnhof, an den sich das Backsteingebäude mit dem imposanten, von drei mächtigen Laternen flankierten Opel-Hauptportal anschloss, dehnte sich das wachsende Werk in Richtung Westen und Südwesten aus; ein Gewirr von Gebäuden und Hallen, über das sich der weit sichtbare Turm mit dem Opel-Blitz erhob. Keine Chance, in Rüsselsheim Opel zu entkommen.

Von Süden her kommt man über die vierspurige Adam-Opel-Straße in die Stadt; zur Rechten liegt die ausgedehnte Siedlung "Dicker Busch", ein beeindruckendes, beinahe beängstigendes Sechzigerjahre-Hochhausensemble in Grau, das mittlerweile bunt angestrichen wurde und dadurch etwas von seiner Wucht verloren hat. Der ausgefranste Stadtrand, so heißt es in der offiziellen Geschichtsschreibung der Stadt, sei mit dem "Dicken Busch" begradigt worden.

Ging man in Rüsselsheim schwimmen, dann ging man ins Opel-Bad, das heute geschlossen ist, weil die Renovierung der maroden Becken zu kostspielig wäre. Nun sind sie zugewuchert und rotten vor sich hin. Manchmal stehlen sich Nostalgiker hinein, um Fotos zu machen. Geplant ist, an dieser Stelle Sportplätze für den Traditionsfußballklub der Stadt zu errichten. Der Verein heißt selbstverständlich SC Opel Rüsselsheim und hatte seine beste Zeit Mitte der Sechzigerjahre. Das Vereinsgelände in der Stadt soll verkauft und bebaut werden.

Ein anderer Fußballverein, der VfR, hatte seinen seinerzeit gefürchteten staubigen Aschenplatz in der Böllenseesiedlung. Eine Halbzeit lang spielte man dort immer auf die hohe graue Wand des Opel-Spritzwerkes zu, vor der das Tor stand, vom Werksgelände getrennt durch einen hohen Zaun.

Eine Stadt im Zeichen der Industrie bringt ihre eigene Soziokultur hervor. Jeder hatte einen türkischen Gastarbeiter, so hieß das damals noch, in seinem näheren Umfeld. Je nach Schichtplan führte der am Abend oder am Morgen in der eigenen Garage die notwendigen Reparaturarbeiten an den Autos der Nachbarn durch - vorausgesetzt, es handelte sich um einen Opel.

Wer sich daran erinnert, welch erbitterter Konkurrenzkampf seit den Siebzigern zwischen dem VW Golf und dem Opel Kadett um die Vormachtstellung in der sogenannten unteren Mittelklasse (und wer die untere Mittelklasse beherrschte, beherrschte das Land) ausgetragen wurde, der weiß, dass der Kauf eines VW, eines Golf gar, in Rüsselsheim mehr als ein Stilbruch war. Es war eine Provokation.

Es gab alte Opelaner, die nach der Verrentung über den Betriebsparkplatz liefen und sich die Kennzeichen derjenigen Autos notierten, die keine Opel waren. Was sie damit angefangen haben? Es war möglicherweise nur der Versuch, die Verräter zumindest zu registrieren und zu kennen, wenn man ihnen schon nicht mit legalen Mitteln Einhalt gebieten konnte.

Chronologie des Leids

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