Süddeutsche Zeitung

Opel Adam Rocks im Fahrbericht:Unrasierter Freigeist

Der Adam gilt als Frauenauto. Um vermehrt Männer anzusprechen, kultiviert Opel bei der neuen Rocks-Variante das Flegel-Image. Der famos von einem Dreizylindermotor angetriebene Kleinwagen gibt sich entsprechend ungehobelt.

Von Thomas Harloff, Riga

Karosserieverkleidungen aus Kunststoff, angedeutete Unterfahrschutz-Elemente, große Rädern und verchromter Auspuff: Im Vergleich zum Opel Adam kommt dessen Rocks-Variante etwas unrasiert daher. Doch was Geländegängigkeit suggeriert, sind nur optische Spielereien. Obwohl die Karosserie des Rocks 15 Millimeter höher liegt, sollte man von ihm keine ausgeprägten Offroadeigenschaften erwarten, schließlich bleibt ein Allradantrieb außen vor.

Die robustere Optik lässt sich als Maßnahme interpretieren, die Kundschaft des Adam männlicher werden zu lassen. Bislang greifen vor allem Frauen zu Opels Kleinstem, der Anteil liegt bei 70 Prozent. Beim Rocks sollen es 60 Prozent sein.

Ob Frau oder Mann, für eines muss Opel dem Adam dankbar sein: Er schafft es, die Kundschaft zu verjüngen. Nach eigenen Angaben sind dessen Käufer im Schnitt 42 Jahre alt - zwölf Jahre jünger als der durchschnittliche Opel-Kunde. Das Konzept mit auffälligem Design und vielen Individualisierungsmöglichkeiten geht also auf.

Farbspiele

Der Rocks bietet in dieser Hinsicht noch mehr als sein unbeplankter Bruder. 18 Lackierungen können nach Lust und Laune mit Dachholmen in sechs unterschiedlichen Farben kombiniert werden. Das serienmäßige elektrische Panorama-Faltdach, das dem Rocks bislang exklusiv vorbehalten ist und ihn in nur fünf Sekunden in ein Halb-Cabrio verwandelt, ist entweder schwarz oder braun. Auch bei den Felgen- oder Innenraum-Dekors kann man sich beim Konfigurieren seines Autos austoben. Die Kunden nehmen das Angebot an, auch wenn es teils happige Aufpreise kostet - wenn man sich schon ein Auto kauft, dann ein möglichst eigenständig gestaltetes.

Technische Details interessieren einen Adam-Käufer nur am Rande. Wie viele Zylinder der Motor hat und wie groß dessen Hubraum ist, ist für sie nicht mehr als ein Randaspekt. Die Käufer anderer Opel-Modelle sehen das vielleicht etwas anders und schauen deshalb erwartungsvoll auf die Markteinführung des Adam Rocks am 27. September. Mit ihm präsentiert Opel eine neue Generation von Dreizylinder-Turbobenzinern, die irgendwann ihren Weg in den Corsa, Astra oder Mokka finden werden.

Kräftig, leise und laufruhig

Bei der Präsentation des Adam Rocks in Riga musste sich der Motor erstmals beweisen. Aus nur einem Liter Hubraum schöpft die Maschine dank Aufladung 115 PS und maximal 170 Newtonmeter. Das macht aus ihm das neue Adam-Topmodell und einen quirligen Sprinter. Im mittleren Drehzahlbereich marschiert der Adam Rocks so selbstbewusst nach vorne, dass der Null-auf-Hundert-Sprint bei Bedarf in 9,9 Sekunden gelingt. Auf der Autobahn sind nach offiziellen Angaben bis zu 196 km/h möglich.

Noch ein größeres Plus als die Kraft des Triebwerks ist dessen Laufruhe. Während viele andere Dreizylinder unangenehm vibrieren und sich das Auto deshalb im Standgas schüttelt, als würde es frierend zittern, verhält sich der Opel einfach still. Auch während der Fahrt bleibt es angenehm ruhig, und bei erhöhten Drehzahlen äußert sich der Dreizylinder nicht mit einem heiseren Sägen - sonst das akustische Erkennungsmerkmal von Motoren dieser Bauart -, sondern mit einem unaufdringlichen, niederfrequenten Brummen. Ein weiterer Vorteil des neuen Motors gegenüber den antiquierten, im Angebot verbleibenden Vierzylindern mit 70, 87 oder 100 PS ist dessen Euro 6-Abgaseinstufung. Die anderen Aggregate schaffen aktuell nur Euro 5.

Ein Spritsparer, wenn er will

Das neu entwickelte Sechsgang-Getriebe kann aber mit dem Motor nicht ganz mithalten. Das ist mit knapp 40 Kilogramm Eigengewicht zwar sehr leicht und macht seinen Job ordentlich, doch die Schaltwege könnten kürzer und exakter zu treffen sein. Allzu oft muss der Fahrer jedoch nicht zum Ganghebel greifen, denn dank seines hohen Drehmoments von 170 Newtonmetern bei nur 1800 Umdrehungen lässt sich der Adam Rocks schaltfaul fahren. Beherzigt man das, ist der Normverbrauch von 5,1 Litern durchaus in Reichweite. Wer die Gänge ausdreht oder sich dichten Stadtverkehr zumutet, kann dafür mit mehr als acht Litern Durchschnittsverbrauch bestraft werden.

Zur Strafe kann auch ein Fahrwerk werden. Nämlich dann, wenn ein Auto mit kurzem Radstand straff gedämpft, mit großen Rädern samt Niederquerschnittsreifen ausgerüstet und vorwiegend auf schlechten Straßen unterwegs ist. Im Fall des Adam Rocks ergibt sich diese unheilvolle Kombination. Trotz der im Vergleich zum normalen Adam um 15 Millimeter erhöhten Bodenfreiheit verpassten die Ingenieure dem Rocks eine harte Abstimmung. Diese wurde von den beim Testwagen montierten 18-Zoll-Felgen mit unnachgiebigen Niederquerschitts-Breitreifen verstärkt. Das schroffe Kopfsteinpflaster, die weit aus dem Boden ragenden Straßenbahnschienen und die zahlreichen Schlaglöcher Rigas deckten die Komfortschwächen dieser Fahrwerks- und Rad/Reifen-Kombination schonungslos auf. Andererseits macht sie den Rocks zusammen mit der feinfühligen Lenkung auf ebenem Geläuf zu einem agilen Kurvendynamiker.

Eng, aber hübsch - der Innenraum

Mag der Adam Rocks winzig anmuten, so klein ist er gar nicht. Mit 3,75 Meter Außenlänge übertrifft er nicht nur die Kleinwagen-Konkurrenz VW Up oder Fiat 500 deutlich, sondern auch den ersten VW Golf um immerhin fünf Zentimeter. Besonders ökonomisch sind Opels Innenraumdesigner mit dem Platz nicht umgegangen. Vorne passt das Raumangebot zwar, aber die schmalen Sitze vermitteln den Eindruck, auf einem Barhocker zu sitzen. Nehmen vorne Insassen Platz, die größer als 1,80 Meter sind, schrumpft der Fußraum für die hinteren Passagiere fast komplett zusammen. Dass der 170 Liter große Gepäckraum im Normalzustand nicht mehr als zwei kompakte Koffer fasst und nur auf maximal 663 Liter erweiterbar ist, zeigt, wie eng es im Adam-Fond zugeht.

Dafür ist das Adam-Cockpit sehr ansehnlich gestaltet. Wer möchte, kann sich das Interieur mit Leder oder farbenfrohen Dekorleisten ausstaffieren lassen. Die Kunststoffe muten für diese Fahrzeugklasse hochwertig an. Zudem lässt sich der kleine Opel narrensicher bedienen, und mit dem flink reagierenden "IntelliLink"-Infotainmentsystem funktioniert die Einbindung eines Smartphones problemlos. Über das Handy kann auch die Navigation gesteuert werden, allerdings reagiert die "BringGo"-Software teils träge und hat ihre Tücken bei der Bedienung.

Der Opel Adam Rocks hat also durchaus Schwächen, wenn auch der famose Antrieb, die markante Optik, der schicke Innenraum und sein flinkes Fahrverhalten positiv hervorstechen. Zudem treibt er das ohnehin hohe Preisniveau bei Opels Kleinstem weiter nach oben. Er ist 2350 Euro teurer als die für jede Motorisierung verfügbare Ausstattungsvariante "Jam", aber immerhin schon ab Werk reichhaltig ausgestattet. Wer unbedingt den Dreizylinder-Turbo möchte, erhöht den Basispreis von 15 990 auf 18 490 Euro für die 90-PS- oder 18 790 Euro für die 115-PS-Version. Hinzu kommen Aufpreise für die zahlreichen Individualisierungsmöglichkeiten oder Assistenzsysteme wie den Tote-Winkel-Warner oder die Einparkautomatik. Wenn es etwas brauchte, um Opels wiedererstarktes Selbstbewusstsein zu veranschaulichen - diese Zahlen tun es.

Die Reisekosten zur Präsentation des Opel Adam Rocks in Riga wurden teilweise vom Hersteller übernommen.

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