Öffentlicher Nahverkehr:Mexiko zieht nach, aber Europa ist skeptisch

Zudem ist die Medellín-Seilbahn auch als "Clean Development Mechanism"-Projekt, kurz: CDM, im Rahmen des UN-Emissionshandels gelistet. Somit gibt es Geld für die Emissionszertifikate - die Industrieländer oder Unternehmen brauchen, um ihren erhöhten Ausstoß an Treibhausgasen zu kompensieren. Gut 20 000 Tonnen Kohlendioxid wurden 2016 dank der Seilbahn in Medellín eingespart.

Mexiko hat nachgezogen. Seit Oktober 2016 gibt es in der Ecatepec de Morelos vor den Toren von Mexiko-Stadt eine Seilbahn von knapp fünf Kilometern Länge - und wieder geht es darum - wie in La Paz oder Medellín -, die Viertel aufzuwerten, bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen, der Kriminalität den Boden zu entziehen.

"Wir brauchen 700 Seilbahnen in Deutschland"

In Europa hingegen betrachtet man diese Transportoption mit Skepsis. Welch ein Fehler angesichts verstopfter Straßen in den Städten, meint Verkehrsexperte Heiner Monheim. "Wir brauchen 700 Seilbahnen in Deutschland, wenn wir wirklich eine Verkehrsentlastung erreichen wollen", konstatierte er beim Kongress in Bozen. Statt dessen setze man nach wie vor auf Autos, und Gewinner sei "der Stau, das erfolgreichste Exportprojekt der Autoindustrie".

Seilbahnen seien vor allem dann eine interessante Lösung, wenn es darum gehe, Viertel an der Peripherie anzuschließen oder Flüsse und Täler zu überbrücken. Unverzichtbar aber: die Anbindung ans öffentliche Verkehrsnetz.

In Deutschland steht man den Projekten aber nur gelegentlich positiv gegenüber. Immerhin habe Nordrhein-Westfalen sein ÖPNV-Gesetz geändert, sagt Monheim. Werde eine Seilbahn ins Ticketsystem integriert, gebe es Förderung. Die Stadt Wuppertal hat sich im Juli entschlossen, ein Seilbahnprojekt weiter zu verfolgen. Die Bahn soll Hauptbahnhof, Universität, Schulzentrum Süd und Südhöhen verbinden. Erfolgsprojekte sind auch die Linien in Koblenz und in Berlin - beide für Gartenschauen gebaut und gut angenommen.

"Eine Seilbahn ist am billigsten und am schnellsten"

In Hamburg jedoch ist die Seilbahn durchgefallen. 2014 wurde das Projekt, das St. Pauli und die Musicaltheater am Hafen verbinden sollte, bei einem Bürgerentscheid abgelehnt. Auch in München wurden drei Seilbahnprojekte diskutiert: eine Tangentialverbindung am Tierpark im Süden der Stadt, eine Verbindung im Norden sowie eine zur Verbesserung der Anbindung des Messeareals im Osten an den Airport.

Alle kamen bislang über erste Vorüberlegungen kaum hinaus. Die Skepsis hat laut Verkehrsplaner Monheim vor allem eine Ursache: Europäer sehen Seilbahnen als touristische Institution, stets kombiniert mit einem gigantischen Parkplatz. Und Stadtbewohner fürchten, von oben beobachtet zu werden. Die Stadt Toulouse im Süden Frankreichs baut jetzt trotzdem, als eine der ersten in Europa: Das Viertel Ranggueil, früher Areal einer Chemie- und Waffenfabrik, heute Universitäts- und Klinikstandort, wird via Seilbahn an den Nahverkehr angebunden. Ende 2019 soll die von Poma, einer Tochter des Südtiroler Unternehmens Leitner, gebaute Bahn in Betrieb gehen. Cyril Ladier, Projektleiter in Toulouse, hat die Beweggründe schnell erklärt: "Eine Seilbahn ist am billigsten und am schnellsten."

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