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Notfall-Übung am Skilift:Gefangen in der Kälte

Rettungsübung von Samstag im Skigebiet 3 ZINNEN DOLOMITEN
an der neuen 8er Premium Sesselbahn Hasenköpfl.

Übung macht den Meister - das gilt auch für die Rettungskräfte am Skiberg Helm in Südtirol.

(Foto: Christian Tschurtschenthaler/3 Zinnen Dolomites)

Bevor ein Skilift in den Alpen in Betrieb gehen darf, muss die Rettung im Notfall geübt werden. Unser Autor hat sich abseilen lassen.

Die Durchsage krächzt blechern aus dem Lautsprecher des Sessellifts. "Achtung, Achtung!" Und sie verheißt nichts Gutes. Auch wenn nur einzelne Fetzen wie "technische Störung", "keine Weiterfahrt möglich" und "Sie werden gerettet" zu vernehmen sind, wird schnell klar, dass gerade der größte anzunehmende Albtraum eines jeden Skifahrers droht: im Lift stecken bleiben. Genau das passiert dann auch: Der neue Achter-Sessel "Hasenköpfl" am Skiberg Helm im Dolomiten-Gebiet Drei Zinnen bei Sexten in Südtirol bewegt sich nicht mehr. Keinen Zentimeter mehr, weder nach vorn noch nach hinten. Na, servus.

Da nutzen auch die schick gepolsterten und beheizten Sitze wenig. Das Ding steht. Mit vier Mitfahrern hängt man nun auf 2000 Metern Höhe hilf- und ratlos in der Luft, zu hoch über dem Boden, um an einen Sprung nach unten auch nur zu denken. Nur gut, dass es nicht allzu kalt ist, knapp über null Grad, wenig Wind, leichter Schneefall. Für mittags ist allerdings Föhnsturm angesagt, und da will man dann nicht im Sessellift sitzen. Wie lang es wohl dauert, bis die Retter kommen? Und: Wie retten die einen überhaupt aus dieser schaukelnden Sitzgelegenheit?

Fragen, die man sich als Bergbahnnutzer zum Glück selten stellen muss. "In den vergangenen 15 Jahren ist mir in Bayern kein einziger Fall untergekommen", sagt Christoph Bos. Der Sachbearbeiter ist bei der Regierung von Oberbayern für die 120 Seilbahnen und 609 Schlepplifte im Freistaat zuständig. "Die technische Entwicklung ist weitergegangen", sagt Bos. An jeder Stütze und an jeder Rollenbatterie gebe es heute Seilfänger, so dass eine Gondel oder ein Sessel "fast nicht mehr auf den Boden stürzen kann".

Genau das aber ist am Helm bei Sexten schon mal passiert, 1996 war das. Einer, der damals dabei war, erinnert sich: "Ein schöner Sonntag war das, alle Lifte voll besetzt - und dann hat sich an einem Zweier-Sessellift ein Bolzen gelöst, das Seil ist entgleist, und die Sessel sind aus sieben, acht Metern runtergeknallt. Ein paar Leute wurden regelrecht rauskatapultiert." Passiert ist bis auf einige leichte Verletzungen nichts, doch der Schock saß tief.

Um für solche Fälle gewappnet zu sein, muss bei jeder neuen Liftanlage - und sei sie noch so Premium wie die sündteure Hasenköpfl-Bahn - vor der offiziellen Inbetriebnahme eine Evakuierungsübung stattfinden. Das relativiert das Albtraum-Gefühl der "Steckengebliebenen", ist aber dennoch eine prima Übung in Demut angesichts der Fähigkeiten der für die Rettung zuständigen Bergwachtler. Wie es sich auswirkt, wenn diese karabinerbewehrten Burschen ihr Handwerk nämlich nicht aus dem Effeff beherrschen, auch das wird bei dieser Übung deutlich werden.

"Die Leute stehen Schlange dafür"

In Bayern erfreuen sich diese Übungen großer Beliebtheit, sagt Christoph Bos: "Die Liftbetreiber schreiben das öffentlich aus, und die Leute stehen Schlange dafür. Für die ist Abseilen das Größte." Wie die Meinungen doch auseinandergehen. Die Vorstellung, nur an einem fingerdicken Seil über dem Abgrund zu baumeln, ist nicht Jedermanns Sache. Bis 100 Meter über Grund darf abgeseilt werden, "alles andere ist gesundheitlich nicht zumutbar", sagt Bos. Wer also beispielsweise in der neuen Zugspitz-Gondel stecken bleibt, muss nicht ans Seil, sondern darf in luftiger Höhe in einen Bergungskorb umsteigen - maximal 120 Meter über Grund.

Rettungsübung von Samstag im Skigebiet 3 ZINNEN DOLOMITEN
an der neuen 8er Premium Sesselbahn Hasenköpfl.

Um die Evakuierung des Sessellifts zu trainieren, haben sich 28 Freiwillige gemeldet. 36 Retter sollen sie auf den Boden bringen.

(Foto: Christian Tschurtschenthaler/3 Zinnen Dolomites)

Wie die Rettung aus einer Gondel oder einem Sessellift zu erfolgen hat, ist europaweit geregelt: in den "Sicherheitsanforderungen an Seilbahnen für den Personenverkehr, Räumung und Bergung, DIN En1909:2017". Denen zufolge muss spätestens nach dreieinhalb Stunden auch der letzte Fahrgast wieder auf festem Boden sein. Neben der Sicherheit geht es vor allem um den Faktor Zeit. Selbst in einem funktionierenden Lift können einem Wind, Kälte und Niederschlag ordentlich zu schaffen machen - nicht auszudenken, man müsste im Schneesturm auf Rettung warten. Im sogenannten Securplan der Drei Zinnen heißt es in der Rubrik "Schadensrelevanz-Analyse": "Bereits ein geringes Absinken der Körpertemperatur kann zu Problemen, zum Beispiel verminderter Körperbeherrschung, führen und stellt somit ein Sicherheitsrisiko dar. Bei starker Unterkühlung können die Auswirkungen bis zur Bewegungsunfähigkeit, Bewusstlosigkeit, Versagen von Atmung und Kreislauf und somit zum Tod führen. Selbst Temperaturen über dem Gefrierpunkt können zu einer lebensbedrohenden Unterkühlung führen."

Muss bei Temperaturen von minus 20 Grad Celsius evakuiert werden, sollten die Fahrgäste in einer Sesselbahn ohne Wetterschutzhaube innerhalb von 30 Minuten gerettet werden, um Erfrierungserscheinungen zu vermeiden. Bei höheren Windgeschwindigkeiten verringert sich die Einsatzzeit. Zahlenmäßig kann das Ausmaß der Gefährdung durch Kälte durch die sogenannte Wind-Chill-Temperatur angegeben werden. Dadurch erhält man Grenzwerte für die Aufenthaltsdauer unter bestimmten Bedingungen, jenseits derer Erfrierungen zu befürchten sind. Klar ist in jedem Fall: Es muss bitteschön schnell gehen.