Nissan Micra Auf dem Weg in die Zukunft

Allerdings ist der Preis von 17 595 Mark kein Sonderangebot

(SZ vom 02.06.1993) Früher haftete Kleinwagen das Odeur von Möchtegern-Autos an: Zu mehr hat es halt nicht gelangt. Diese Zeiten sind seit dem Erscheinen einer neuen Generation von Superkompaktwagen endgültig vorbei. Die neuen Kleinen verfügen über verbesserte Innenraumkonzepte, eine komplette Ausstattung, die bis zum Niveau der Oberklasse hin aufgewertet werden kann, Motoren, die technisch auf der Höhe der Zeit sind, und sie fügen sich mit geringen Verbrauchswerten in das Anforderungsprofil ein, das an das Auto von morgen gestellt wird.

Ein typischer Vertreter dieser neuen Gattung ist der Nissan Micra: Ach, ist der putzig, haben wir uns beim ersten Augenschein gedacht - und leise Zweifel gehegt, ob dieses 3,70 Meter lange und rund 800 Kilogramm leichte Wägelchen wirklich den Anforderungen an ein alltagstaugliches Auto gerecht werden kann. Nach nahezu 2000 Kilometern wissen wir es: Der Micra erfüllt diese Ansprüche - und sogar noch ein bißchen mehr. Da wäre zum einen das Platzangebot, das bisher in dieser Klasse - zumindest subjektiv - immer enger ausfiel als in diesem schnuckeligen Japaner: Auch Großgewachsene finden bequem hinter dem Volant Platz, die Ellenbogenfreiheit ist ausreichend, und auf den Rücksitzen findet zumindest ein Kind genügend Raum.

Nichts auszusetzen gibt es auch an dem 1,0-Liter-Vierzylindermotor, der 40 kW (55 PS) bereitstellt. Eine Höchstgeschwindigkeit von 150 km/h reicht auf deutschen Autobahnen heutzutage allemal aus, die 100 km/h-Grenze ist nach 16,4 Sekunden erreicht. Dies kling relativ lahm - im Fahrbetrieb macht der Micra einen ausgesprochen agilen Eindruck, wenn der Motor auch nach einem etwas höheren Drehzahlniveau verlangt. In diesem Punkt ist er ein typischer Vierventiler. Auf der Haben-Seite steht dagegen der Benzinverbrauch, den Nissan mit 5,8 Litern unverbleiten Superkraftstoff auf 100 Kilometer im Drittelmix angibt. Wir waren im Durchschnitt mit etwa sieben Litern unterwegs - ein ordentlicher Wert.

Das Fahrverhalten des Micra ist mit dem Wort problemlos am besten zu beschreiben. Die Federung tendiert eher in Richtung straff. Bodenwellen und Straßenunebenheiten bekommt man deutlich zu spüren, was aber auch an den kleinen Rädern und dem geringen Achsabstand liegt. Dafür ist der Kofferraum ordentlich groß - ein Samsonite-Koffer und zwei, drei kleine Taschen lassen sich problemlos hineinpacken.

Der Micra wird in drei Ausstattungsversionen geliefert: Die Basisversion heißt L, kostet 17 595 Mark und wird nur dreitürig angeboten. Für die LX- und SLX-Versionen kann auch ein 1,2-Liter- Motor mit 55 kW (75 PS) geordert werden. Die teuerste Version, der SLX für 23 995 Mark, verfügt über eine Ausstattung, wie sie bisher Limousinen der gehobenen Mittelklasse vorbehalten war: Servolenkung, ABS, elektrische Fensterheber, Zentralverriegelung und getönte Scheiben. Nur die Klimaanlage kostet 2200 Mark extra. Das Konzept, kleine Autos hochwertig auszustatten, ist ein Schritt in die Zukunft, den die meisten europäischen Hersteller noch nachvollziehen müssen.

Von Otto Fritscher