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Neuer VW Golf:Überraschungen sehen anders aus

Heute Abend stellt Volkswagen die siebte Generation des Kompaktwagens Golf vor. Der Wolfsburger Kassenschlager wartet mit zahlreichen Technologien aus der Luxusklasse auf. Damit ist er nicht der erste. Doch seine Qualität ist beeindruckend.

Nur kurz hinter dem Lenkrad sitzen, die Oberflächen von Armaturenbrett und Mittelkonsole berühren, ein wenig an Knöpfen und Schaltern spielen. Mehr als diesen Einblick ins Cockpit des neuen Golf erlaubte VW bis vor einigen Tagen noch nicht. Die Karosserie hatte man dazu sorgfältig abgedeckt, nichts lugte hervor. Selbst die Außenspiegel waren verhüllt. In Wolfsburg herrscht höchste Geheimhaltungsstufe. Und obwohl seit Anfang August das " wichtigste Modell der Marke Volkswagen", wie Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg den Golf nennt, bereits vom Band läuft, war von der siebten Generation des Millionen-Sellers nichts zu sehen - selbst auf dem Werksgelände nicht. Die Premiere seines wichtigsten Modells spart sich Europas größter Autohersteller für den Abend des 4. September auf. Tatort: die Neue Nationalgalerie in Berlin - mit weniger gibt man sich bei VW seit Neuestem nicht mehr zufrieden.

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Geknickt und gefaltet: Bionisches Design nennen sich die futuristischen Formen des neuen Golf, die ihre Inspiration aus der Natur beziehen.

(Foto: Christian Schulte)

Wenn die Hüllen fallen, dann wird es keine wirklichen Überraschungen geben. Der Golf sieht auch in der siebten Generation aus wie ein Golf eben aussieht, auch wenn die Designer diesmal besonders stolz auf die Sicke sind, die entlang der Flanken verläuft und hinten die beiden Leuchten verbindet. Aber das war's auch schon mit den Experimenten. Superlative kündigt man anderweitig an. Der Golf soll das innovativste, sicherste, leichteste und je nach Motorisierung auch das sparsamste Auto im seinem Segment werden. Das meistverkaufte sowieso. Wie seit 38 Jahren und nach mehr als 29 Millionen gebauten Exemplaren hegt VW erneut den Anspruch, den Golf zum Leitwolf der Klasse zu machen.

Auf den Innenraum trifft dies in jedem Fall zu. Die erste Sitzprobe offenbart hohe Qualität, Verarbeitung und Materialanmutung liegen weit über dem üblichen Klassenstandard. Fugen, Anschlüsse, Radien, Nähte, alles passt auf den zehntel Millimeter genau. "Wir haben hier nochmals einen großen Sprung in der Wertigkeit gemacht", sagt Designchef Klaus Bischoff. Das Cockpit zeigt sich mit klassischen, sauber gezeichneten Rundinstrumenten sowie der deutlich zum Fahrer hin orientierten Mittelkonsole klar und funktional und "ist bar jeglichem Firlefanz" (Bischoff). Golf-Fahrer fühlen sich zu Hause, Neueinsteiger kommen intuitiv zurecht. Erstmals verfügt der Klassiker über einen Bildschirm, je nach Ausstattungsversion zwischen fünf und acht Zoll groß. Der herkömmliche Handbremshebel wurde durch eine elektronische Parkbremse ersetzt, was mehr Platz für Ablagen schafft. Stolz sind die Interieur-Designer zudem auf die weiße Ausleuchtung nicht nur der Instrumente, sondern auch aller Bedienelemente. So sieht Oberklasse aus.

Objektiv mehr Platz gibt es auch. Der Golf wurde mit 4,26 Metern 56 Millimeter länger, 13 Millimeter breiter und erhielt 59 Millimeter mehr Radstand, was in erster Linie die hinten Sitzenden freuen wird. Beim Kofferraum (nun 380 Liter) konnten die Entwickler 30 Liter mehr herausholen und vermelden eine besonders niedrige Ladekante. Golf spielende Golffahrer - gibt es die? - dürfen sich über eine um 23 Zentimeter gewachsene Kofferraumbreite freuen. Endlich sollen zwei Schlägersets quer hineinpassen. Der Kunde wird aufatmen.

Technisch baut der Golf auf dem Modularen Querbaukasten (MQB). Gegenüber dem Vorgänger konnte so das Gewicht um 100 Kilo reduziert werden. Ein gewaltiger Schritt, und dies ohne Einsatz von teuren Materialien wie Aluminium, Magnesium oder gar Karbon. "Wir sind 22 Kilo leichter als der leichteste Wettbewerber", freut sich Ingenieur Hackenberg. Zugute kommt der Leichtbau der Agilität und dem Verbrauch. Was die Motoren angeht, so wurden zwei Eckpunkte schon vor der Präsentation verraten. Der 1,4-Liter-Vierzylinder-Benziner (TSI) mit 140 PS und Zylinderabschaltung soll 23 Prozent sparsamer sein und nur noch 4,8 Liter verbrauchen. Bei den Dieseln glänzt als Verbrauchskünstler der 1.6 BlueMotion TDI mit 105 PS und 3,3 Liter. Vorerst bleibt es bei der Vierzylinder-Palette. Für nächstes Jahr steht ein neu entwickelter Dreizylinder-Benziner auf dem Programm. Außerdem folgen Erdgasantrieb (CNG), Hybrid (Plug-in-System) und eine reine Elektroversion. Sportlich Ambitionierte dürfen sich auf den GTI (220 PS) und den Golf R (290 PS) freuen. Damit wäre das Antriebsportfolio so umfangreich wie nie.

Das gilt auch für alles, was mit Elektronik und Infotainment zu tun hat. Allein die optionalen Assistenzsysteme zählen 13 Positionen, darunter Verkehrszeichen- und Müdigkeitserkennung, Spurhaltung mit Lenkeingriff oder auch die automatische Notbremsung nach einem Unfall. Was sonst dem Luxussegment vorbehalten war, arbeitet bei VW nun auch in der Kompaktklasse. Hackenberg nennt dies "Demokratisierung von technologischem Fortschritt". Wirklich teurer werden soll der Golf dennoch nicht. Noch produktivere Fertigungsmethoden - jede Minute wird eine Karosserie zusammengeschweißt - helfen, Kosten zu sparen, was wiederum Luft für preisliche Anpassungen schafft. VW verspricht einen Einstandstarif von weniger als 17.000 Euro. Verkauft werden soll der neue Golf mit zwei und vier Türen vom 2. November an.

Geschichte des VW Golf in Bildern

"Der wichtigste Volkswagen"