Süddeutsche Zeitung

Neuer Ford Mustang:Der Wilde wird zur Stangenware

Der Ford Mustang war ein Sportwagen für die Massen und wurde sogar zum Filmstar. Jetzt baut der US-Konzern sein Coupé auch für den Weltmarkt - und der Wild-West-Wagen droht, seinen ungehobelten Charme zu verlieren.

Von Thomas Fromm

Das Auto Mustang zu nennen, war natürlich von Anfang an geniales Marketing. Autos wurden oft einfach nur durchnummeriert, manchmal hießen sie auch Käfer oder Isetta, später dann Lupo, Adam, Twingo, Fiesta oder - nun ja - sogar i-Miev.

Aber Mustang? Ein Auto, das so hieß wie Wildpferde im Wilden Westen, war ein Versprechen. Und wenn man schon nicht über die Prärie reiten konnte, weil man in einem Vorort von Detroit lebte, wo man einmal in der Woche seinen Rasen mähte und Marshmallows statt T-Bone-Steaks grillte, so konnte man doch zumindest mit einem Auto durch die Suburbs cruisen, das Mustang hieß. Manchmal ist Freiheit eben reine Gefühlssache.

Das Rezept war klar: Die lange Motorhaube war sportlich, fast europäisch und erinnerte an Euro-Klassiker wie Maserati. Schon zuvor hatten die Amerikaner mit dem Ford Thunderbird und der Corvette von Chevrolet sportliche Wagen ins Programm genommen, aber der Mustang war dann so etwas wie ein Sportwagen für viele: Knapp 2300 Dollar kostete das Coupé, als es vor 50 Jahren auf den Markt kam. Ein wildes Pferd als Gegenentwurf zu den verchromten Giga-Kreuzern der 50er.

Ein Wild-West-Wagen als Verkaufsschlager

Das war 1964, und schon nach zwei Jahren hatte der Konzern die erste Million seiner Ponys verkauft. Die Entwicklungskosten von damals 40 Millionen Dollar waren da schon lange eingespielt, für den Konzern wurde der Wild-West-Wagen ein Verkaufsschlager: 9,2 Millionen Mustangs hat Ford seitdem verkauft, und vielleicht sah es manchmal ja so aus, als wäre der Pferdewagen nur noch ein Fall für Retro-Fahrer und Seventies-Nostalgiker.

Möglich aber, dass der Mustang seine größte Zeit noch vor sich hat. Ford hat nun die Produktion einer neuen Mustang-Serie gestartet, es ist die sechste Generation der Marke, die im Herbst auf den Markt kommen soll. Zum ersten Mal in der Geschichte des Mustangs sollen die Sportwagen aus dem US-Bundesstaat Michigan weltweit in 120 Länder exportiert werden, zum ersten Mal auch als rechtsgelenkte Linksverkehr-Variante für Großbritannien, Australien und Südafrika.

Mustangs mit 300 und 435 PS, mit V6- und V8-Motor für die Welt, 50 Jahre später: Es ist ein spannendes Experiment, das die Amerikaner da wagen. "Wenn Sie dieses Auto nicht mögen, mögen Sie keine Autos", sagte Ford-Chairman Bill Ford neulich bei der Präsentation einer Sonderausgabe des Mustangs. Der Manager weiß natürlich: Ein Auto, das in über 120 Ländern verkauft werden soll, muss auch überall gefallen. In den USA, in Europa, in Asien.

Der Mustang war ganz großes Kino

Die große Kunst besteht dann darin, keine Stangenware zu produzieren. "Das Fahrzeug ist mit dem Ziel einer globalen Kundenakzeptanz gestaltet worden", sagt Autoanalyst Michael Robinet vom US-Beraterhaus IHS Automotive. Das klingt betriebswirtschaftlich durchdacht, aber auch so, als habe man das Pferd nun gezähmt. Schwingt da noch diese Freiheit mit, mit der der Mustang 1964 an den Start ging? Die Autowelt ist heute anders als damals, als es nur wenig brauchte, um aus einer kleinen Idee den großen Kult zu machen. Ganz anders.

Es war die Zeit, in der Autos selbst Filmkarrieren machten. Als Dustin Hoffman einen Alfa Romeo Spider in der Reifeprüfung zum Kultauto machte, war der Mustang schon ein Kino-Star. Er hatte seinen ersten Auftritt bei James Bond, später ritt ihn der große Steve McQueen in Bullit. 1966 schaffte es der US-Schlitten sogar ins französische Kino - in Claude Lelouchs Ein Mann und eine Frau. Der Fahrer, er hieß da nicht McQueen, sondern: Jean-Louis Trintignant. Der Mustang kam in der Nouvelle Vague an, das war in der Tat: ganz großes Kino. Nur: Wer erinnert sich noch an die frühen und wilden Auftritte des Mustangs?

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Quelle:
SZ vom 30.08.2014/harl/sks
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