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Neue Motoren bei Mercedes:Diesel mit rustikaler Geräuschkulisse

Unterm Strich werden vor allem die Benziner neu und höher positioniert. Mit bis zu 100 Kilowatt Literleistung mutiert auch der kleine Otto zum Sportmotor. In China wird er sogar eine S-Klasse antreiben. Trotz des Leistungszuwachses soll der Vierzylinder-Benziner mehr als zehn Prozent gegenüber seinem Vorgänger sparen. Die Höherpositionierung bedeutet aber auch, dass der Reihensechser für viele Otto-Normalverbraucher nahezu unerschwinglich wird. Trost spendet vielleicht der neue R6-Diesel, der seine Sache auch ohne Elektrifizierung ordentlich macht - zumindest auf dem Papier. In der neuen E-Klasse ist der nah verwandte Vierzylinder-Diesel ja bereits angelaufen. Mehrtägige Testfahrten mit dem Saubermann aus Stuttgart hinterließen allerdings einen zwiespältigen Eindruck. Ja, der neue Selbstzünder ist sparsam und unabhängige Messungen zeigen auch, dass er sauber ist. Dafür entwickelt er eine rustikale Geräuschkulisse, die zum vornehmen E-Gleiter nicht so recht passen will.

Für die S-Klasse kommt der Landmaschinenmotor ohnehin nicht in Frage. Das Angebot startet mit dem neuen Reihensechszylinder OM 656. Auch er hat um rund 55 PS auf 230 kW (313 PS) kräftig zugelegt. Anders als die Münchner, die künftig auch bei Vierzylinder-Dieseln eine zweistufige Aufladung einsetzen, ist Mercedes bei den Selbstzündern nur noch mit Mono-Turbos unterwegs. Selbst der 3,0-Liter-Motor wird nur noch von einem Lader zwangsbeatmet.

Viel Feinschliff haben die Stuttgarter stattdessen in eine mehrstufige Abgasrückführung (AGR) gesteckt: "Wir haben neben der üblichen Hochdruck-AGR direkt hinter den Auslassventilen eine Niederdruck-AGR eingesetzt, in der die Abgase bereits die gesamte Reinigung durchlaufen haben", erklärt Peter Lückert, Leiter der Dieselmotorenentwicklung. Die Kunst bestehe darin, das gesamte System so nah am Motor zu platzieren, dass die Niederdruck-AGR noch immer hochdynamisch regelbar sei. Der Fahrer ruft per Gasfuß also nicht nur Fahrspaß ab, sondern aktiviert eine ganze Chemiefabrik. Vehementer als die Antriebsleistung hat die Rechenpower zugelegt, um diese Regelprozesse zu steuern. Viel Aufwand also, damit der Selbstzünder auch bei künftigen Abgasttests auf der Straße (RDE) sauber wird.

Die neue Mercedes-Motorenstrategie wirkt wie ein Rettungsring, falls die reine Elektrozukunft doch noch länger auf sich warten lässt. "Verbrennungsmotoren werden noch lange eine wichtige Rolle spielen. Aus gutem Grund: Bisher sind sie in den Kategorien Reichweite, Preis und Infrastruktur den rein elektrischen Antrieben klar überlegen", betont Peter Lückert. Selbst die aufwendigsten feinmechanischen Lösungen sind noch immer günstiger als die Batteriepakete für eine große elektrische Reichweite. Wie bei BMW sind auch bei Mercedes jetzt aber alle Motoren modular aufgebaut. Der Produktionsanteil von Benzinern und Dieseln lässt sich dadurch schnell variieren. Nur zur Vorsicht - falls die Zukunft doch noch Überraschungen bereithalten sollte.

© SZ vom 29.10.2016/edi
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