Neue Enthüllungen:Sind auch die ADAC-Reifentests eine Farce?

Lesezeit: 4 min

ADAC Winterreifentest

Der ADAC soll auch bei seinen Reifentests getrickst haben.

(Foto: ISP Wolfgang Grube)

Nun gibt es auch bei den Produkt-Tests des ADAC Ungereimtheiten. Der Autoclub soll bei Reifentests getrickst haben. Zudem hinterließ der Club bei Geschäften in der Türkei Schulden in Millionenhöhe.

Von Bastian Obermayer und Uwe Ritzer

Ein Reifen ist ein Reifen, man sieht ihm nicht an, was er kann. Trägt er durch die steile Kurve? Rutscht er bei Nässe? Der normale Verbraucher kann nicht erkennen, ob ein Reifen etwas taugt oder nicht. Reifen schauen im Grunde alle gleich aus, sie haben dieselbe Form, ähnliche Profile, ähnliche Farben. Kein Mensch kauft einen Reifen, weil er schön ist, oder modisch.

Entscheidend sind allein Funktionalität und Tauglichkeit. Also verlässt sich der Kunde viel häufiger als etwa beim Autokauf auf das Urteil von Experten und deren Testergebnisse. Umgekehrt bedeutet dies für die Hersteller: Die Tests sind für ihr Geschäft unglaublich wichtig. Ein "sehr gut" als ADAC-Urteil, das hört man aus der Branche, ist nahezu die Garantie für ausverkaufte Baureihen.

Nun gerät, wie an so vielen Stellen in diesen Wochen, die Glaubwürdigkeit des ADAC auch beim sensiblen Thema Reifen ins Wanken. Ein Insider dieser Branche behauptet, auch hier werde getrickst. Der Insider, es handelt sich um einen ehemaligen hochrangigen Mitarbeiter eines Reifenherstellers, offenbarte sich der WDR-Sendung "Servicezeit". Auch der Süddeutschen Zeitung liegt seine Aussage an Eides statt vor.

Der Mann schildert ein mit den Kriterien neutraler Tests schwer vereinbares Vorgehen. Sobald der ADAC entschieden habe, welches Reifenmodell er prüfen will (es werden immer nur ausgewählte Größen getestet), wo er diese Reifen testen möchte und unter welchen Bedingungen, erfahren nach Angaben des Insiders die großen Herstellerfirmen davon; zumindest die, mit denen der ADAC in gutem Einvernehmen stünde. Woraufhin die Hersteller ihre Techniker an genau jenes Reifenmodell setzen.

Klassischer Fall von Kundentäuschung?

Ergebnis ADAC Winterreifentest 2013

Das Ergebnis des ADAC Winterreifentests 2013.

(Foto: ADAC)

Mit enormem Aufwand, so behauptet der Insider, würden die Pneus verbessert und speziell für die jeweiligen Testbedingungen präpariert. Mit dem eigentlichen Serienmodell hätten diese Reifen dann nur mehr wenig zu tun. Anschließend, so der Insider weiter, würden die Herstellerfirmen diese besonderen Reifen an jene Verkaufsstellen liefern, bei denen der ADAC seine Testreifen kauft.

Welche dies seien, hätten die Hersteller ebenfalls vorab erfahren. So sei die Chance groß, für ihre Reifen besonders gute Bewertungen des gemeinsamen Tests von ADAC und Stiftung Warentest zu bekommen - und in der Folgezeit dementsprechend hohe Abverkäufe. Und das, obwohl die Serienreifen nicht zwangsläufig jene speziell aufgebesserten Eigenschaften aufweisen, die beim Test zugrunde lagen.

Sollte sich das bewahrheiten, wären die Reifentests eine Farce. Ein klassischer Fall von Kundentäuschung.

Anmerkung der Redaktion: Inzwischen hat Jan Hennen, unsere Quelle, ein früherer langjähriger Michelin-Mitarbeiter, der nun für einen chinesischen Reifenhersteller tätig ist, seine Aussagen dahingehend präzisiert, dass es sich dabei zwar sehr wohl um einen feingetunten, aber eben nicht um einen völlig anderen Reifen handele.

Zudem weist Hennen darauf hin, dass die Reifenhersteller, anders als in seiner ursprünglichen im Präsens gehaltenen Erklärung dargestellt, seit einigen Jahren nicht mehr wüssten, wo der ADAC und seine Testpartner die Reifen für den Test einkaufen. Deswegen müsse inzwischen in dem Zeitraum, in dem die Tester kaufen (laut Hennen im Herbst), alle in Frage kommenden Händler mit den speziell auf den Test hin feingetunten Reifen beliefert werden. Gleichzeitig bekräftigt Hennen aber erneut seine Behauptung, dass zuvor jahrelang Insidern die Händler bekannt waren, wo der ADAC und seine Partner einkauften.

Wie zuvor schon der ADAC weist auch die Stiftung Warentest seine Anschuldigungen zurück und betont, dass die gemeinsamen Tests manipulationssicher seien. Alle Hersteller hätten die gleichen Informationen, und die Reifenkäufe würden zu drei verschiedenen Zeitpunkten bei verschiedenen Händlern erfolgen.

Millionenschulden bei Tochterfirma des ADAC

Der ADAC bestreitet die Anschuldigungen des Insiders vehement. Es gäbe verschiedene Stufen der Qualitätssicherung, erklärt ein Sprecher, so würden dreimal bei verschiedenen Händlern Reifen geordert, um zu verhindern, dass man auf Spezialanfertigungen treffe. Zuletzt kaufe man kurz vor der Veröffentlichung des Tests noch einmal nach, um Manipulationen vorzubeugen. Es sei hochgradig unwahrscheinlich, dass ein Hersteller all dies erfahre, und dann auch noch seine Produktion daraufhin umstelle.

Was der ADAC einräumt, ist, dass die Hersteller über das sogenannte Testdesign informiert sind. Wie die nächsten Reifentests aussähen, würde nicht vom ADAC allein entschieden, sondern von allen Kooperationspartnern im Testkonsortium, darunter die Stiftung Warentest und andere europäische Automobilclubs, per "Mehrheitsbeschluss". Allerdings erführen die Hersteller genau nicht, für welche genaue Reifengröße man sich entscheide, insofern sei auch an dieser Stelle "Manipulation ausgeschlossen", erklärt ein Sprecher des ADAC.

Aber nicht nur die Reifentests setzen dem ADAC weiter zu. Am Mittwochabend wurden im ARD-Politmagazin "Report Mainz" auch Vorwürfe anderer Art publik. Danach hat der ADAC bei seinem Versuch, in der Türkei ein weiteres Standbein zu gründen, vor allem eines hinterlassen: Millionenschulden.

Der ADAC hatte 2008 eine Tochterfirma in der Türkei gegründet und über externe Dienstleiter eine eigene Flotte mit Pannenhelfern aufgebaut. Die Idee war, türkische Autofahrer langfristig für einen eigenen türkischen Automobilklub zu gewinnen, einen ADAC Türkei sozusagen. Allerdings blieb es bei der Idee: Im Jahr 2010 ging die türkische Tochterfirma pleite. Die ADAC-Partner gerieten in Existenznot. Eine Reihe von ihnen behauptet nun "Report Mainz" zufolge, ihnen seien über Monate Rechnungen nicht mehr bezahlt worden. Etwa zehn Millionen Euro sollen offen sein.

Besondere Brisanz erhält die Sache, weil der ohnehin angeschlagene ADAC-Präsident Peter Meyer persönlich involviert gewesen, oder zumindest seit Jahren Bescheid gewusst haben soll. Meyer soll die Türkei-Expansion mit betrieben haben.

"Report Mainz" liegt ein Brief vor, den Meyer 2011 an die türkische Botschaft schrieb. Darin bestreitet er nicht, dass es offene Forderungen gebe, gleichzeitig gibt er an, er sehe "keinen Weg zu einer Regulierung der Verbindlichkeiten." Außerdem seien türkische Mitarbeiter mitverantwortlich für die finanziellen Probleme. Der ADAC lässt dazu erklären: "Wir bedauern ..., dass türkische Unternehmen aufgrund der Insolvenz der ADAC Service A. S. Forderungsausfälle zu beklagen haben." Die Vorwürfe würden derzeit von "unabhängigen, externen Prüfern untersucht und aufgeklärt".

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