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Neue Doppeldecker in London:Zwischen Nostalgie und Nutzen

Der Nahverkehr in London ist mehr als nur ein Mittel, um von A nach B zu kommen. Hier geht es auch um Tradition und um Design. Nun fahren schicke neue Doppeldecker in der Metropole. Doch die teuren Fahrzeuge haben nicht nur Freunde.

Wer Londons neuestes Wahrzeichen verstehen will, muss zuerst durch den Hinterhof. Dort, hinter zwei Meter hohen Stahltoren und einer modrigen, dunklen Einfahrt, liegt die Zentrale der Heatherwick Studios: ein Designbüro, das schon Prestige-Objekte wie den britischen Expo-Pavillon entwickelt hat. Doch nicht mal ein einfaches Schild hängt am Eingang des Hauses, das nur wenige Schritte vom Bahnhof King's Cross entfernt liegt. So hält man sich neugierige Gäste vom Hals, damit die Mitarbeiter nur ja nicht abgelenkt werden. Zum Beispiel von der Entwicklung des modernsten und umstrittensten Busses der britischen Hauptstadt.

Neuer Doppeldeckerbus in London

Der Boris Bus - ein weiterer Name für das 11,3 Meter lange, von einem Dieselhybridmotor angetriebene Gefährt.

(Foto: picture alliance / dpa)

In seinem Büro lehnt sich Stuart Wood zufrieden zurück. Hinter ihm hängt ein Panoramafoto, das zeigt, woran er und sein fünfköpfiges Team in den vergangenen zwei Jahren gefeilt haben. Das Werk ist inzwischen in acht Exemplaren in London unterwegs, hat die Stadtverwaltung bisher rund 13 Millionen Pfund (etwa 16,1 Millionen Euro) gekostet und hört auf den schlichten Namen "New Bus". "Die meisten Leute sprechen aber lieber vom neuen Routemaster", sagt Wood - das ist eine Anspielung auf den legendären roten Doppeldeckerbus mit der offenen Plattform, auf die Fahrgäste während der Fahrt aufspringen konnten. Bis 2005 waren die betagten Modelle im Einsatz, bevor sie nach und nach durch moderne Dieselbusse ersetzt wurden. "Für viele war das ein harter Schlag", sagt Wood. London, das bedeute schließlich Big Ben, rote Telefonhäuschen - und eben Doppeldeckerbusse.

Seit Februar ist London nun wieder um ein Wahrzeichen reicher. Der konservative Bürgermeister Boris Johnson hatte seine Wiederwahl eng mit dem Schicksal der neuen Busse verknüpft. Der Boris Bus - ein weiterer Name für das 11,3 Meter lange, von einem Dieselhybridmotor getriebene Gefährt - gilt als sein Lieblingsprojekt. "Unser Bürgermeister mag keine Vision für unsere Stadt haben, aber in großen Gesten ist er gut", schrieb Justin McGuirk vom Guardian anlässlich der Jungfernfahrt. Trotz anfänglicher Kritik war McGuirk von der Spritztour überwältigt: "Erst wenn man einmal mit dem neuen Routemaster gefahren ist, merkt man, wie lieblos unsere aktuelle Busflotte daherkommt." Zahlreiche Kollegen und Blogger stießen ins gleiche Horn. An mehreren Haltestellen gab es sogar Applaus, als der Doppeldecker einfuhr.

Das neue Fahrerlebnis zu testen, ist für Passagiere aber gar nicht so einfach. Alle acht Fahrzeuge, die momentan im Einsatz sind, bedienen die Linie 38 zwischen der zentralen Victoria-Station und Hackney im Osten der Stadt. An einem normalen Wochentag sind etwa 6800 Busse in London im Einsatz, verteilt auf 700 verschiedene Linien. Alle fünf Minuten fährt ein 38er-Bus vorbei, nur vom neuen Doppeldecker keine Spur. Also heißt es warten am Piccadilly Circus. Zwei Stunden später kommt er dann endlich. Zwar sind fast alle Plätze belegt, aber im Vergleich zur ersten Fahrt ist der Andrang geradezu mäßig. Bei der Jungfernfahrt am 27. Februar hatten sich so viele Schaulustige um die Haltestellen gedrängt, dass der Routemaster Mühe hatte, überhaupt vorwärts zu kommen. Nun surrt er leise vor sich hin. Wie ein Bus klingt der Hybridmotor kaum, eher wie ein Motorboot, das gemächlich schnurrt. Auch das dunkelrote Innere hat wenig vom effizienten Plastik-Dasein normaler öffentlicher Verkehrsmittel. Die Sitze erinnern gar an moderne Kunst, nur bequemer als andere sind sie auch nicht.

Kunststoff, der weniger nach Kunststoff aussieht", bezeichnet Designer Stuart Wood das Grundkonzept der Innenausstattung. So bestehen die Treppen an den drei Eingängen aus einer speziellen Kork-Gummi-Mischung, was sie für den täglichen Gebrauch widerstandsfähig machen, gleichzeitig aber stilvoll aussehen lassen soll. Der gleiche Eindruck beim Aufstieg in die obere Etage: Alles wirkt hell und freundlich, weil die Treppe von einer abgerundeten Fensterscheibe umgeben ist. "Das war immer an der Grenze des technisch Machbaren", sagt Wood. Nicht alle Raffinessen, die sich die Designer ausgedacht hätten, habe die produzierende Firma Wrightbus in die Praxis umsetzen können - die wichtigsten Vorschläge aber schon. So wie die Plattform zum Aufspringen, über deren Benutzung tagsüber eine Art Schaffner wacht. Oder die Haltewunsch-Knöpfe, die nicht mehr über ein Kabel mit dem Cockpit verbunden sind, sondern ihre Signale per Funk senden.

Mehr als nur ein Fortbewegungsmittel

Wie eng die Londoner mit ihrem Verkehrssystem verbunden sind, zeigt nicht nur das aktuelle Interesse am New Bus. Im London Transport Museum, einer städtischen Ausstellung rund um den öffentlichen Nahverkehr, wird die Bedeutung von Bussen und (U-)Bahnen für die Entwicklung der Metropole deutlich. "Das Londoner Verkehrssystem war und ist ständig im Umbruch", erklärt ein Führer auf einem Rundgang. Als Beleg gewährt das Museum Einblicke in laufende Großprojekte wie Crossrail - ein 21,5 Kilometer langer Tunnel unter der Stadt, der London noch besser ans britische Bahnnetz anbinden soll.

Auch die künstlerische Wirkung der Routemaster-Busse nimmt im Museum einen hohen Stellenwert ein, wenngleich der New Bus bisher noch unerwähnt bleibt. Der Tenor: Der ÖPNV in London ist mehr als nur ein Fortbewegungsmittel, um von A nach B zu kommen. Vielmehr gehe es auch ums Design, wie man beim Londoner U-Bahn-Logo eindrucksvoll sehe. Der hohe Wiedererkennungswert war wohl letztlich auch der Grund, warum die alten Routemaster-Busse (Baujahr ab 1954) bis 2005 im Einsatz blieben. Ursprünglich angelegt war eine Betriebsdauer von 15 Jahren.

Ganz anders die politische Stimmung außerhalb des Museums: So schön das fahrende Kunstwerk auch sein mag, so heftig wettern führende Politiker gegen das Millionenprojekt, das aus ihrer Sicht nur Prestigezwecken dient. Und womöglich höhere Fahrpreise zur Folge hat. "Wenn man die Kosten eines Busses auseinanderdividiert, ist ein Sitz so teuer wie ein neuer Dreier-BMW", spottet der Labour-Abgeordnete David Lammy, der für den Wahlkreis Tottenham im britischen Parlament sitzt. Im Vergleich zu den weit mehr als eine Million Pfund teuren neuen Modellen koste ein regulärer Doppeldeckerbus gerade einmal 190 000 Pfund (rund 235 440 Euro). Viele fürchten, dass die hohen Entwicklungskosten früher oder später über die Fahrpreise weitergegeben werden. Auch die Grünen mäkeln. "Das viele Geld hätte man lieber in Umweltprojekte stecken sollen", sagt etwa Stadträtin Jenny Jones.

"Größte Hybridbus-Bestellung, die Europa bisher gesehen hat"

Die Londoner Verkehrsbetriebe widersprechen solchen Aussagen entschieden. David Hamson-Ghani, Projektleiter für den New Bus, spricht sogar von einem guten Kosten-Nutzen-Verhältnis: "Alte Busse müssen so oder so ersetzt werden. Wir investieren dabei lieber in fortschrittliche, umweltfreundliche Technologie als in den Status quo." Das Geld sei bereits im kommunalen Haushalt eingeplant. "Vergessen wir auch nicht den wirtschaftlichen Effekt", sagt Hamson-Ghani.

"Immerhin sprechen wir von der größten Hybridbus-Bestellung, die Europa bisher gesehen hat." Doch selbst Hamson-Ghani räumt die gigantische Finanzbelastung ein, die den Verkehrsbetrieben und der Stadt durch die Busse entstehen. So sei der Vertrag mit Wrightbus über die Nachbestellungen noch nicht ganz unter Dach und Fach. "Wir verhandeln noch über den Preis", sagt der Projektleiter, ohne konkrete Zahlen zu nennen. Nur eins stehe fest: "Wenn wir die Exemplare in Serie bestellen, müssen sie auch billiger werden."

Dass der Vertrag zustande kommt, gilt in London dennoch als Formsache. Bürgermeister Johnson wurde erst im Mai wiedergewählt und sieht sich in seinen Plänen bestätigt. Wenn die Prototypen keine gravierenden Schwächen offenbaren, sollen bis 2016 nach und nach 600 der neuen Doppeldeckerbusse durch London fahren. Inwieweit Nostalgie und Nutzen beim jüngsten Routemaster im Einklang stehen, wird sich bis dahin gezeigt haben.

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