Süddeutsche Zeitung

Neu: Mercedes CLS:Der mit dem Bentley-Muskel

Lesezeit: 4 min

Das Original, zum Zweiten: Mercedes will den Erfolg des ersten CLS wiederholen und die inzwischen zahlreichen Konkurrenten in die Schranken weisen. Ob die Übung gelingt? Die erste Ausfahrt

Günther Fischer

Es war 2003, als Mercedes den ersten CLS vorstellte. Ein Auto, das man so von Mercedes nicht erwartet hatte: Es war von italienischer Eleganz, einer gewissen Leichtigkeit und mit vielen filigranen Details versehen.

Plötzlich fanden sich auch Kunden, die sich zuvor für Mercedes nicht unbedingt begeistern konnten und die Stuttgarter Autos regelmäßig als biedere Altherrenkutschen abqualifizierten. Der erste CLS wurde, und das hatte selbst Mercedes so nicht erwartet, zum Erfolg: Man verkaufte 170.000 Fahrzeuge.

Inzwischen sind andere viertürige Sportcoupés vorgefahren: Audi A5 Sportback und A7 Sportback, der Porsche Panamera, selbst BMW hat das neue 6er Coupé, auch als Viertürer, schon mal als Studie ins Schaufenster gestellt. Die Stuttgarter, die die Auto-Gattung zwar nicht erfunden, aber mit dem ersten CLS doch zum Erfolg geführt hatten, mussten also nachlegen.

Nun ist CLS Nummer zwei da - wie zuvor 4,94 Meter lang, 1,88 Meter breit, leer rund 1,8 Tonnen schwer, aber diesmal mit einem Hauch von Bentley versehen. Erneut steht der CLS auf der Basis der E-Klasse, auch der gespannte, flache Dachbogen und die rahmenlosen Scheiben blieben erhalten - als Reminiszenz an das Original.

Aber: Der nun höhere und sehr steil stehende Kühlergrill, die Seitenflächen mit ihren dekorativen Sicken und vor allem die kräftig ausgestellten Radhäuser an den hinteren Rädern (zur Vergleich sei ein Blick auf den Bentley Continental empfohlen) machen klar: Die Zeiten italienisch anmutender Raffinesse sind vorbei, hier steht wieder ein wuchtiger deutscher Mercedes, Solidität versprechend und Vertrauen einfordernd.

Es ist eine Entwicklung ins Maskuline, die zumindest aus Mercedes-Sicht durchaus Sinn macht: "Der CLS war immer ein Männer-Auto", so Michael Krämer, Baureihen-Leiter des CLS. Und er erklärt weiter: "64 Prozent von ihnen haben das Design als wichtigsten Kaufgrund angegeben." Ob auch der Neue gefällt, wird der Verkaufserfolg zeigen.

Der Innenraum zeigt sich edler denn E: Ein neu gestalteter Armaturenträger, Rundinstrumente mit neuer farbiger Mittelanzeige und die von E-Klasse abgeleitete Mittelkonsole vermitteln sofort ein wohlig vertrautes Mercedes-Gefühl. Das Platzangebot ist reisetauglich - auch wenn man vorne und hinten ab 1,80 Meter Körpergröße dem Dachhimmel doch bedrohlich nahe rückt.

Der Laderaum fasst für vier Personen stehts ausreichende 520 Liter. Wer noch mehr Platz braucht, kann die Rückbank umklappen - ein kleiner Zugewinn an Variabilität. Wer wirklich noch mehr Platz braucht, muss auf den Shooting Brake, den Edelkombi, warten. Er war in Peking bereits zu sehen und ist für 2012 angekündigt.

Aber Mercedes verlässt sich nicht allein aufs Design - auch unterm Blech hat sich eine Menge getan. Der Fahrer hat nicht nur ein neu gestaltetes Lenkrad vor sich, sondern auch eine völlig neu entwickelte elektromechanische Lenkung, die bei Bedarf sehr direkt und sportlich agiert. Sie erlaubt auch den Einsatz neuer Assistenzsysteme - wie etwa das automatische Einparken.

Beim Bremsen auf unterschiedlich griffigem Untergrund links und rechts bekommt der Fahrer nun Hilfestellung - in Form von zielgerichteten Lenkimpulsen. Neu sind auch Spurwechsel- und Totwinkelassistent: Im Gegensatz zu VW oder Audi wird hier aber nicht über die Lenkung agiert, sondern über dosierte, ESP-gesteuerte Bremseingriffe.

Eine Weltpremiere stellt der erste Voll-LED-Scheinwerfer dar. Uwe Kostanzer, Leiter Entwicklung Lichtsysteme: "Der neue CLS ist weltweit das erste Auto, bei dem alle adaptiven Lichtfunktionen heutiger Xenon-Systeme mit LED dargestellt werden." Mit dabei ist sogar ein Infrarot-LED-Strahler für das Nachtsicht-System.

Überhaupt gibt's auch sonst jede Menge elektronischer Hilfestellungen. Michael Krämer: "Für optimale aktive Sicherheit bieten wir zwölf intelligente Fahrerassistenzssysteme an." Dazu zählen unter anderem auch die Müdigkeitserkennung (Kaffeetasse!), der adaptive Fernlichtassistent, das Nachsichtgeräte und die Pre-Safe-Bremse. Völlig neu sind die Hüft-Airbags vorne. Wer der Überbehütung entgehen will, sollte sie einfach abschalten (ja, das ist möglich).

Auch das Fahrwerk wurde - natürlich - überarbeitet und agiert bei den ersten Ausfahrten in den Bergen nördlich von Florenz lässig, zeigt sich jeder Anforderung gewachsen. In Verbindung mit der Luftfederung gibt sich das Sportcoupé zudem noch ausgesprochen komfortabel.

Wer's sportlicher möchte, sollte nicht nur in den Sportmodus schalten, sondern sich auch das AMG-Paket gönnen (natürlich: Aufpreis): Dann gibt es nicht nur Ziernähte, sondern auch ein sportlicher abgestimmtes Fahrwerk. Von wirklich straff ist es aber selbst dann immer noch weit entfernt - man will die vermutlich doch etwas älteren Kunden schließlich nicht überfordern. Für eine äußerst vergnügliche Kurvenräuberei reicht es allemal.

Eine Überraschung hält die Motorenpalette bereit: Zwei Monate nach dem Verkaufsstart im Januar 2011 reicht Mercedes einen Vierzylinder für den CLS nach (in der ersten Generation gab es nur Sechs- und Achtzylinder), auf Wunsch sogar mit dem Allradantrieb 4matic. Dieser 250 CDI wird 204 PS leisten, über 500 Nm Drehmoment gebieten und mindestens 59.857 Euro kosten. Dafür soll er sich mit nur 5,1 Litern Diesel begnügen.

Zum Marktstart selbst sollen zwei Sechszylinder glänzen: der 225 kW / 305 PS starke Basisbenziner CLS 350 (0-100 km/h: 6,1 Sekunden; ab 64.617 Euro) und der 195 kW / 265 PS starke 350 CDI (0-100 km/h: 6,2 Sekunden; ab 63.427 Euro), der gewaltige 620 Nm Drehmoment ab 1600 U/min anbietet. Der CLS 500 mit seinen acht Zylindern sowie 300 kW / 408 PS folgt im April 2011.

Trotz aller Leistung verspricht Mercedes äußerste "Blue Efficiency"-Sparsamkeit: Der Normverbrauch des Benziners soll bei 6,8 Litern und der des Diesels bei 6,1 Litern liegen. Selbst der Achtzylinder wird mit rund neun Litern Normverbrauch angegeben. Das Start-Stopp-System ist jeweils von Anfang an mit dabei.

Die Voraussetzungen für ein Comeback des CLS, für eine Fortsetzung des Erfolgs, hat Mercedes auf jeden Fall geschaffen.

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