Namibia:Ein Training, das Geduld und Langsamkeit lehrt

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Schulze-Neuhoff steht jetzt in dem kleinen Vortragsraum seiner liebevoll eingerichteten Farm zwischen viel dunklem Holz und redet davon, wie sich der Überschlag vermeiden lässt. Das ist im Prinzip auch gar nicht so schwer. Er kommt ja anders als ein Frontalzusammenstoß eher selten durch Fremdverschuldung zustande oder gar aus heiterem Himmel, sondern ist die Folge eines Traktionsverlusts. Der wird neben Straßenbeschaffenheit, Fahrzeugschwerpunkt und Feinheiten wie Lenkbewegung und Reifenprofil wiederum vor allem vom Tempo beeinflusst. Es hat auch einen Grund, warum namibische Autovermieter ihre Wagen mit einem nervigen Piepston ausstatten, sobald ein bestimmter Stundenkilometer-Wert auf Schotterstraßen überschritten wird. Die wohl wichtigste Regel von Schulze-Neuhoff setzt genau dort an: "Fuß vom Gas. Und nicht über 80 Kilometer pro Stunde fahren."

Damit gibt er den Grundton seines eigentlichen Fahrsicherheitstrainings vor. Das soll trotz aller praktischen Tests mit dem eigenen Wagen primär eher ein Erlernen von Geduld und Langsamkeit sein als eine wilde Kurbelei in der Ausweichmanöver-Tradition des Elchtests. Die radikale Temporeduktion hilft schließlich auch bei anderen Verkehrseigenheiten des Landes wie dem plötzlichen Wildwechsel von durchaus kräftigen Oryxantilopen oder einem hinter der Kuppe dahinzuckelnden Eselskarren. "Anders als die Autos produzieren die auch keine Staubwolken und sind daher auch nicht schon von Weitem zu sehen", meint Schulze-Neuhoff.

Ihm geht es allgemein mehr um das Sensibilisieren für die Eigenheiten von Namibias Straßen und das Entwickeln eines Gefühls für das Auto als um das Pauken von technischen oder mathematischen Details, die man nur wenige Kilometer später womöglich schon wieder vergessen hat. Ein wichtiger Punkt seines Theorieteils ist neben nur vermeintlichen Banalitäten wie der richtigen Sitzposition aber schon auch die Berechnung des Bremswegs. "Doppelte Geschwindigkeit heißt doppelte Strecke, bis es zur Reaktion kommt - und dann vierfacher Bremsweg."

Das heißt nicht, dass für weite Bremswege auf seiner Farm nicht genug Platz wäre. Sie ist in etwa so groß wie das Münchner Stadtgebiet und ein sehr trockenes Stück Land. Im Schnitt regnet es nur 100 bis 150 Millimeter im Jahr, von den einst mehr als 300 Rindern sind weniger als 30 übrig. Die Gäste sind vielleicht nicht unbedingt genügsamer, aber rentabler als die Viehwirtschaft.

Namibia kann noch ein echtes Abenteuer sein

Ihnen bietet sich außerdem neben allerlei Wild und Wildnis auf der Farm auch das perfekte Terrain, um im zweiten Kurs, dem Offroad-Training, über den Schotterstraßenrand hinauszublicken. Dort ziehen sich die nur während der Regensaison Wasser führenden Flussläufe, Rivieren genannt, durchs Land; bestes Gelände, um das Fahren im Sand ausgiebig zu üben. So bieten die vielen Hügel haarsträubende Steilauffahrten, die "Bergwertung", wie Schulz-Neuhoff die Disziplin nennt. Und immer mal wieder schwingt unterschwellig der Hinweis mit, dass Namibia noch ein echtes Abenteuer sein kann, mit allen Vor- und Nachteilen. "Hilfe ist oft weit."

Nutzt Schulze-Neuhoff einmal nicht die natürliche Geografie seines Anwesens, schickt er seine Schüler einfach in einen eigens angelegten Parcours, über steile Sandhügel, durch tiefe Schlaglöcher. Er sagt dann Sätze wie: "Gerade stand der hintere Reifen richtig weit in der Luft." Oder: "Was man mit dem Wagen machen kann, ist unglaublich." Oder auch: "Frauen sind die besseren Schüler. Die sind langsamer, vorsichtiger." Natürlich bekommt jeder bei Bedarf neben geschlechtsspezifischen Eigenheiten auch Technikdetails erklärt. Differentialsperre. Wagenheber. Seilwinde. "Das sind dann vor allem Leute, die für mehrere Wochen auf große Tour fahren."

Und wer sich schließlich endgültig auf die Piste begibt, auf große oder nur kleine Tour, dem bleibt womöglich ein großer Vorteil Namibias in Erinnerung: "Es gibt rechts und links von der Straße meistens genügend Platz." Statt den Wagen mit aller Gewalt auf der Straße zu halten versuchen, sollte man ihn notfalls in den Graben setzen, meint Schulze-Neuhoff. "Lieber habe ich drei kaputte Reifen, als nach einem Überschlag auf dem Dach zu liegen."

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