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Nachhaltiger Rohstoff:Bambus statt Stahl

My Boo lässt seine Fahrradrahmen in Ghana bauen. Bambus ist als Faserverbundstoff so stabil wie Stahl und fast so leicht wie Aluminium. Pro Fahrrad fließen außerdem etwa 100 Euro in soziale Projekte wie Schulen in Ghana.

Von Felix Reek

Auf den ersten Blick erinnert das My Volta E8000 von My Boo an ein Floß aus Robinson Crusoe. Bambusrohre, an den Enden zusammengebunden, um endlich der einsamen Insel zu entkommen. Ein wenig rustikal, aber irgendwie auch bereit, der See zu trotzen. Oder im Fall des My Boo dem Straßenverkehr. Dort sind Alternativen zu Stahl und anderen Materialien noch immer die Ausnahme. Anbieter wie My Esel fertigen Rahmen aus Holz, kleine Firmen wie Stark, Bam Original und My Boo haben sich für Bambus entschieden, der eigentlich zu den Gräsern zählt. Der Naturstoff ist ideal für den Bau von Fahrradrahmen. Er ist leicht, stabil und besitzt durch die Längsfasern gute Dämpfungseigenschaften. Etwas, das sich direkt bei der ersten Ausfahrt mit dem Bambus-Pedelec zeigt. Ob es die Federgabel von Rockshox ist oder das besondere Rahmenmaterial, das My Boo fährt sich äußerst komfortabel. Ein Unterschied zu einem herkömmlichen Fahrrad ist kaum auszumachen.

2,4 Kilogramm natürliche Fasern stecken in den Bambusfahrrädern. Der Bambus wächst wild in Ghana und muss nach der Ernte (im Gegensatz zu Holz) nicht neu angepflanzt werden.

(Foto: My Boo)

Auf die Idee kam Firmengründer Maximilian Schay vor acht Jahren, als ihm ein Freund aus Ghana ein Bild schickte. Darauf zu sehen ein rudimentäres Rad aus Bambus, das sich der Besitzer selbst zusammenbaute. Für den damaligen BWL-Studenten und seinen Kommilitonen Jonas Stolzke ein Glücksfall. Sie hatten schon lange die Idee, eine eigene Firma zu gründen. Produkte aus Bambus war einer der Favoriten. Es gab nur ein Problem: "Wir waren 20 und 21 Jahre und hatten von den drei Themen Fahrrad, Bambus und Ghana zu Beginn wenig Ahnung", erklärt Schay. Viele Start-ups aus diesem Bereich werden von passionierten Bikern gegründet, die beiden Studenten waren schlichte Alltagsradler und hatten sich mit Technik und Produktion nie wirklich auseinandergesetzt. Also fuhren sie zu einem lokalen Fahrradhändler in Rendsburg bei Kiel und ließen sich dort einen Crashkurs verpassen. Die Ingenieure eines Investors aus dem Bereich der Schiffslogistik lieferten weiteres Know-how.

Das Fachwerk der Bambusstäbe wird mit Sisal fixiert und dann in Harz getränkt. Als Faserverbundstoff ist Bambus stabil wie Stahl und fast so leicht wie Aluminium.

(Foto: My Boo)

Schay und Stolzke war von Anfang an klar, dass My Boo nachhaltig sein und sich auch sozial engagieren sollte. Die Rahmen werden lokal in Ghana gefertigt, dort wo auch der Rohstoff wächst. Im Januar wird der Bambus im Umkreis von 20 Kilometern von der Produktion geschlagen. Ausgewählt werden jeweils nur die Rohre, die vom Umfang her für den Fahrradbau passen. Nach dem Trocknen spannen die mittlerweile 40 Angestellten das Material ein, verbinden es mit fünf Aluminiumteilen und fixieren den Rahmen mit in Harz getauchten Sisalseilen, eine Naturfaser bestimmter Agaven. Das führt zu den charakteristischen Knubbeln, dort wo die Bambusstücke zusammentreffen.

Manufakturbetrieb: Jeder Rahmen braucht 80 Stunden Handarbeit in Ghana. Auf dem Bild werden die ausgehärteten Verbindungsstücke geschliffen.

(Foto: My Boo)

Die sind zunächst noch viel wulstiger als beim Endprodukt. In mühevoller Kleinarbeit schleifen die Arbeiter vor Ort die Stellen mit immer feinerem Werkzeug ab, bis die Verbindungen so aussehen, wie sie der Kunde später zu Gesicht bekommt. Zum Schluss erhält der Bambus eine Klarlacklackierung zum Schutz gegen die Witterung. Eine aufwendige Arbeit: "Jeder Rahmen braucht 80 Stunden Handarbeit in Ghana", erklärt Maximilian Schay. Per Schiffscontainer gelangen sie dann nach Kiel zur Endmontage, wo die restlichen Teile aus dem Großhandel hinzugefügt werden. Das sind beim Testrad unter anderem hydraulische Shimano Deore Scheibenbremsen oder der Shimano Steps E 8000 Motor, der in Kombination mit dem 504-Wh-Akku eine Reichweite von bis zu 180 Kilometern schafft.

Schließlich ist das Grasgewächs belastbar genug für den harten Downhill-Einsatz. Anbauteile aus Metall garantieren ein zeitgemäßes Technikniveau.

(Foto: Robert Strehler/My Boo)

Das Portfolio ist mittlerweile groß. Es gibt Trekking- und Cityräder, Mountainbikes und Rennräder. Die Modelle ohne Motor starten bei 1800 Euro, die Pedelecs kosten mindestens 3500 Euro, das Testrad ist mit 4700 Euro eines der teuersten Modelle. Das ist nicht wenig, angesichts des Aufwands, den My Boo betreibt, die Produktion fair zu gestalten, aber auch nicht weiter verwunderlich. Zumal ein Teil des Geldes an soziale Initiativen in Ghana geht. Zum Beispiel an das Yonso-Project, das vor allem Frauen und Kinder unterstützt. Im Fall von My Boo heißt das: Die Bambus-Fertigung in Ghana arbeitet eigenständig und verkauft die Rahmen an die Kieler. Was übrig bleibt, fließt in eine Modellschule, die mittlerweile 215 Kinder besuchen. Pro Jahr sei das "eine hohe fünfstellige Summe", sagt Maximilian Schay. Jedes Bambusrad des Start-ups trägt etwa 100 Euro dazu bei. Das Yonso-School-Project startete 2015, mittlerweile gibt es acht Klassen, die von 14 Lehrern unterrichtet werden. Aktuell spendet My Boo auch noch die Differenz der gesenkten Mehrwertsteuer an das Yonso-Project. "Das soziale Engagement ist einer der Hauptgründe, warum manche Leute bei uns arbeiten", ist sich Schay sicher.

Die außergewöhnlichen Fahrräder dürften der andere sein. Zwar sehen die Pedelecs von My Boo ungewöhnlich aus, doch wenn es ums Fahren geht, unterscheiden sie sich kaum von einem Fahrrad mit Metallrahmen und Motor. Ein kleines abnehmbares Display zeigt an, wie schnell der Radler gerade unterwegs ist, per Schalter lassen sich die unterschiedlichen Fahrmodi abrufen: Eco, Trail und Boost, die jeweils mehr Unterstützung vom Motor abrufen. Allerdings nur bis 25 km/h, dann schaltet sich der Motor aus und es muss mit Muskelkraft gestrampelt werden. Der Bambusrahmen hat allerdings auch seine technischen Grenzen. Beim My Volta liegt die Batterieeinheit auf dem Unterrohr auf. Das hat den Vorteil, dass sich der Akku abnehmen und in der Wohnung laden lässt. Der Trend geht aber zum Pedelec, dem seine elektrische Unterstützung nicht mehr anzusehen ist, die Batterien wandern in den Rahmen. Bei einem Naturprodukt ist das natürlich schwieriger. Doch auch das wäre vorstellbar, sagt Maximilian Schay. Wie eigentlich alles, wenn es um Bambus geht.

© SZ vom 01.08.2020

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