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Mythos Märklin:Metallisch, beißend, süßlich

Warum die Modellbahn Kinder und Erwachsene fasziniert - und dennoch in der Krise steckt. Ein Pictorial.

6 Bilder

Märklin

Quelle: SZ

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Zug gegen Zug

Der Geruch war das Beste. Metallisch, beißend, süßlich. Mit zehn oder zwölf hatte ich ihn zuletzt eingesogen und fest gespeichert. Er entstand immer dann, wenn ich die alte schwarze Märklin-Lok über die Schienen hetzte, wenn sie über Weichen knatterte und schnell, viel zu schnell, durch den Bahnhof fegte. Höher, immer höher, drehte ich das Rad am Trafo und gab Strom. Bis das 40 Jahre alte Gefährt schließlich Funken sprühte und stilvoll aus der Kurve flog. Dann war es still, und in der Luft roch es nach Übermut: metallisch, beißend, süßlich. Auch mein Vater hatte sich als Kind an Märklin-Zügen berauscht, er schenkte mir eine moderne silberne Lok, die seltener aus der Puste kam. Allein zu Hause, baute ich mit Schienen eine Rennstrecke. Positionierte die alte Lok rechts, die neue links - die Zugspitzen einander zugewandt - und ließ sie aufeinander zu rasen. Das alte Ding gab alles; funkte, stank und prallte am Rivalen ab. Ein letzter Fall vom Gleis. Ade.

Text: Kristina Läsker

Märklin

Quelle: SZ

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Vom Karton zum Computer

Es ist ein alter, brauner Pappkarton, den mein Vater gehütet hat wie einen Schatz. Wir Kinder konnten es gar nicht abwarten, bis er einmal im Jahr die bunten Schachteln mit dem Schriftzug Märklin hervorholte. Fein säuberlich gestapelte Metallschienen mit Gleisbett in vielen Größen. Hochempfindliche elektrische Weichen, die man an ein kleines blaues Schaltpult anschließen musste. Silberne, blaue, rote und grüne Personenwagen, die wir von Reisen kannten, als es noch eine pünktliche Bundesbahn ohne Mehdorn gab. Höhepunkt waren die Dampfloks. Doch dieser braune Karton, der schönste Pappkarton meiner Kindheit, steht mittlerweile auf meinem Dachboden und wird nicht mal mehr einmal im Jahr geöffnet: Für eine Anlage ist zu wenig Platz im Haus. Die Kinder habe ich mit einer Playmobil-Bahn auf dem Wohnzimmerteppich vertröstet. Und mittlerweile ist ihnen eine virtuelle Fahrt mit dem Zugsimulator am Computer sowieso lieber - je nach Laune durch die Schweizer Alpen oder die Cascades von Seattle nach Vancouver.

Text: Dieter Sürig

Märklin

Quelle: SZ

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Glückliche und unglückliche Schüler

Nicht nur die H0 gehörte bei Göppinger Kindern zum guten Ton. Auch ein Ferienjob bei den Miniaturbahnern an der Stuttgarter Straße war bis in die frühen 90er Jahre mehr als eine gute Empfehlung für spätere Praktika. Abiturienten verdienten sich bei Märklin gerne etwas dazu, schraubten filigran an Loks herum oder kontrollierten Baukästen, bevor diese in den Verkauf gingen. Wer zu den Glücklichen zählte, die bei Märklin unterkamen, verdiente den ganzen Sommer gut, hatte geregelte Arbeitszeiten und konnte jeden Abend ins Freibad gehen. Doch wer beim Bewerbungsgespräch preisgab, die Spurgrößen von Märklin nicht auswendig zu kennen, hatte keine Chance: Jene unglücklichen Schüler mussten die Bundesstraße 10 entlang in benachbarte Gemeinden radeln, um beim damaligen Arbeitgeberpräsidenten Dieter Hundt (Allgaier-Werke) oder einem der vielen anderen Autozulieferer zu arbeiten.

Text: Simone Boehringer

Märklin

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Verbotene Kammer

Unter dem Dach unseres Hauses gab es eine verbotene Kammer. Verboten war sie vor allem für die kleine Schwester, die gern alles anfasste und kaputtmachte. Bis spät in die Nacht fiel schummriges Licht durch den Schlitz unter der Tür, und drückte man das Ohr an die Tür, konnte man seltsame Geräusche vernehmen. Wochenlang war ein Kratzen und Rühren und Fluchen zu hören - und irgendwann außerdem ein gleichbleibendes, leises Summen. Es war das Eisenbahnzimmer des älteren Bruders, der mit Pappmaché und Filz, Häuschen, Bäumchen und Plastikfiguren ein kleines Abenteuerland bastelte. Drehte man an einem Knopf, zuckelte eine Eisenbahn über gerade entstehende Berge und Täler. Es dauerte Wochen, bis ich ihn überredet hatte, auch einmal den Knopf drehen zu dürfen. Doch irgendwann war es vorbei. Die Elektrik versagte, unsere Bahnhöfe wurden abgewickelt. Das Eisenbahnzimmer ist heute wieder verboten. Für Besuch. Es ist die Rumpelkammer für ausgeträumte Kinderphantasien.

Text: Katja Riedel

Märklin

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Lieber Individualverkehr

Unsere Eltern schenkten uns zwar irgendwann einen Märklin-Kasten, aber wir zwei Brüder waren da längst eingefleischte Individualverkehrsteilnehmer: Gegen die Carrera-Bahn hatte Märklin bei uns nie eine Chance. Schließlich konnte man mit den chicen Wagen Wettrennen gegeneinander fahren, hatte mit dem kleinen roten Temporegler das Gefühl, selber am Drücker zu sein und konnte die kleinen wendigen Autos nach Lust und Laune aus der Kurve jagen, während die prügellangen Lokomotiven dank eines DDR-plumpen Trafokastens, also quasi auf Autopilot, durch langweilig bundesdeutsche Landschaftsidyllen ratterten. Die Ironie an der Geschichte? Ich halte den Individualverkehr heute für den Weltuntergangsbeschleuniger Nummer eins, habe mir geschworen, nie ein Auto zu besitzen, und fahre selbst an die abgelegensten Orte mit der guten alten Eisenbahn.

Text: Alex Rühle

Märklin

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Soldaten auf Schienen

Ein Stadtturm mit aufgesetztem Fachwerkhäuschen, stolze Paläste der Gründerzeit, Wälle und Mauern vor Obstgärten; draußen vor der kleinen Stadt Höfe, Gärten, Kühe, Gänse. So sah die Stadt aus, durch die die Märklinschienen liefen, und die Eisenbahnlandschaft, die ein kleiner Junge an Weihnachten vor sehr vielen Jahren bekam. Für den Schienenverkehr freilich brachte er nur ein sehr geringes Interesse auf. Seine Strecke war schon stillgelegt, lange bevor die Deutsche Bahn dieses Mittel zur Vorbereitung ihres Börsengangs entdeckte. Er kaufte lieber Häuser, errichtete ein Schwimmbad und altmodische Lichtspiele. Er baute seine Stadt und freute sich daran. Später, als der grüne Klee der Kindheit problematischeren Phasen wich, benutzte er die Bahn wieder, als Truppentransporter für todgeweihte Airfix-Soldaten, die den Burgberg zu stürmen versuchten, auf dem sich seine Lieblingstruppen verschanzt hatten. Ob er das seinen Kindern erlauben würde? Die Bahn steht noch im Speicher. So etwas gibt man nicht her.

Text: Joachim Käppner

Alle Fotos: Märklin

(SZ vom 06.02.2009/jw)

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