MuZ 500 Silver Star Classic Hell wie der Abendstern

Die Sachsen-Harley ist noch nicht auf japanischem Niveau

(SZ vom 04.09.1993) Zuletzt war die traditionsreiche ostdeutsche Motorradschmiede MuZ Anfang Juli für tot erklärt worden: 'Ende für die Motorräder aus dem Erzgebirge', lautete die Schlagzeile eines sogenannten Weltblattes. Nach 72 Jahren müsse die Produktion im sächsischen Zschopau wegen fehlender Landesbürgschaften eingestellt werden. Doch wieder einmal gilt die alte Weisheit: Totgesagte leben länger. Zwar ist MuZ (Motorrad- und Zweiradwerke, früher MZ) noch nicht über den Berg, aber die Firma darf weiter ums Überleben kämpfen. Nach Beteiligung des Bundes an den notwendigen Landesbürgschaften ist auch Licht am Ende des Tunnels sichtbar. Nicht zuletzt in ein 'Traum- Motorrad' setzen die MuZ-Macher ihre Hoffnungen: die mit einem Viertaktmotor ausgerüstete Silver Star Classic.

Silbern lackiert ist sie, ihre verchromten Kotflügel glänzen hell wie der Abendstern, und klassisch gezeichnet ist sie ohne Zweifel auch - die 'Silver Star Classic' macht ihrem klangvollen Namen durchaus Ehre. Um herauszufinden, ob die zierliche 500er halten kann, was sich ihre ehrgeizigen Väter von ihr versprechen, durften wir die erste MuZ einige Wochen bewegen. Vorweggenommenes Fazit: 'Ja - aber. . .'

Wer eine MuZ kauft und ein nach japanischem Muster bis ins kleinste Detail perfektioniertes Motorrad erwartet, wird eine Enttäuschung erleben: Die MuZ 500 'Silver Star Classic' ist ganz einfach (noch) nicht auf diesem Standard. Aber vielleicht darf man dies auch wenige Wochen nach dem Produktionsstart noch nicht erwarten. Es kommen gelegentlich Anlasserprobleme vor (die Testmaschine mußte deshalb repariert werden), der Seitenständer ist arg labil (ein Hauptständer fehlt leider), die Instrumente sind zahlenüberfrachtet. Auch mit der Motorleistung hapert es: Sowohl die angebotene 27-PS- wie auch die 34-PS-Version bringen jeweils exakt 30 PS ans Hinterrad.

Auf der anderen Seite glänzt die MuZ mit Details, die einzigartig sind: Sämtliche Verkleidungsteile bestehen statt aus Kunststoff aus solidem, fein säuberlich lackiertem Blech, die Kotflügel sind liebevoll verchromt, die Kette läuft in einer vorbildlichen Kapselung - langlebig und sauber zugleich.

Das vom österreichischen Hersteller Rotax bezogene 500-ccm-Einzylindertriebwerk mit Vierventilzylinderkopf macht seine Sache gut, zieht ordentlich - ein angenehmer Partner, wenn die Leerlaufeinstellung noch ein bißchen besser und möglichst auch ein Benzinfilter eingebaut wird. Daß bei beiden Versionen lediglich die 'Einheitsleistung' von 30 PS realisiert wird, ist unschön, stört in der Praxis aber wenig: Die 27-PS-Variante steht ja bestens im Futter und kostet nur geringe Versicherungsprämien.

Ebenfalls in Ordnung ist das Fahrwerk: Das 158 Kilogramm leichte Maschinchen läßt sich geradezu spielerisch um die Ecken 'werfen', Federung und Dämpfung genügen dem Einsatzzweck eines klassisch angehauchten Zweirads vollkommen - schließlich will man damit ja keine Rekordrunden auf dem Nürburgring drehen. Die Sitzposition ist einwandfrei (auch für den Sozius), die Sitzbank komfortabel, Rückspiegel und Lenkerarmaturen sind ebenfalls gut, der Verbrauch liegt zwischen drei und vier Litern.

Stellt sich die Frage, ob die 'Silver Star Classic' den Preis von 8970 Mark wert ist. Die Antwort ist ein klares Jein: Sobald die letzten kleinen Macken auskuriert sind, erhält der Käufer ein solides, schickes, handliches Motorrad mit unverwechselbarem Charakter. Daß aus dem Jein ein Ja wird, liegt jetzt bei MuZ: 'Einfach gute Motorräder' (Firmenslogan) will man in Zschopau bauen - der Weg stimmt, das Ziel ist jedoch noch nicht ganz erreicht. Auch nicht, was den Umfang des Händlernetzes anbetrifft; das Engagement der MuZ-Stützpunkte ist jedoch sehr hoch.

Von Ulf Böhringer