Datenanalyse:Münchens staureichste Straße belegt deutschlandweit nur Rang zehn

Münchner Autofahrer verlieren die meiste Zeit abends auf dem Mittleren Ring zwischen Georg-Brauchle-Ring und der Auffahrt auf die A 96 in Sendling. Auf den 6,7 Kilometern über die Landshuter Allee, die Donnersbergerbrücke und durch den Trappentreutunnel büßen sie pro Jahr durchschnittlich 27 Stunden ein - Platz zehn in Deutschland. Münchens Status als Spitzenplatz rührt demnach aus einer breiten Streuung der Staus über das Stadtgebiet. Drei weitere Strecken mit Zeitverlusten über 20 Stunden pro Jahr zeigen, dass das Straßennetz insgesamt stark überlastet ist.

Die Inrix-Daten zeigen: Münchner stehen gar nicht so oft im Stau; sie haben zu 84 Prozent freie Fahrt. Doch wenn sie im Stau stehen, dann so richtig. Nirgends sinkt die Durchschnittsgeschwindigkeit in Stoßzeiten so drastisch wie in Münchens Innenstadt, nämlich auf ein Viertel des Tempos bei freier Fahrt. Statt mit 30,26 bewegen sie sich dann nur mit 8,52 km/h vorwärts. Zum Vergleich: Ein Mensch geht mit etwa drei km/h gemütlich spazieren und überquert mit 4,5 bis 5,5 km/h eine Fußgängerampel. Kaum besser wird die Situation, wenn man die großen Ein- und Ausfallstraßen einberechnet. In diesem Fall sinkt die Geschwindigkeit von 64,62 auf 19,76 km/h.

Betrachtet man ganz Deutschland, verbringen Autofahrer zu Stoßzeiten durchschnittlich 30 Stunden im Stau: Platz zwölf im internationalen Ranking, das wie im vergangenen Jahr von Thailand (56), Indonesien (51) und Kolumbien (49) angeführt wird. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland auf Rang vier hinter Russland (41), der Türkei (32) und Großbritannien (31).

Doch nicht nur in den Städten stockt der Verkehr. Wie der ADAC kürzlich mitteilte, gab es auf den Autobahnen einen neuen Staurekord. 2017 summierten sich 723 000 Staus auf eine Gesamtlänge von 1 448 000 Kilometer - und damit auf eine Distanz, die der 36-fachen Länge des Äquators entspricht. Der Zeitverlust stieg gar um neun Prozent auf 457 000 Stunden beziehungsweise 19 041 Tage oder 2720 Wochen oder 52 Jahre. Und das, obwohl der Verkehr nur geringfügig zugenommen hat, laut Bundesanstalt für Straßenwesen um 1,3 Prozent.

Dabei überrascht gar nicht so sehr die regionale Verteilung der Autobahnstaus: Wie in den Vorjahren bilden Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg die Spitze, etwa zwei Drittel aller Staus entfallen auf diese drei Bundesländer. Interessanter ist die zeitliche Verteilung. Die meisten Staus gibt es nicht etwa an den Wochenend-Pendeltagen Sonntag, Montag und Freitag oder am Sonnabend, dem Tag der Urlaubsfahrer und Bettenwechsler, sondern donnerstags. Eine allgemeingültige Ursache gebe es dafür nicht, sagt der ADAC, höchstens Erklärungsansätze: "Freitags gibt es zwar den klassischen Wochenend-Pendelverkehr, dafür sind weniger Berufspendler unterwegs", sagt ein Sprecher. Außerdem werde montags und freitags gerne von zu Hause gearbeitet, der Donnerstag sei in dieser Hinsicht eher unbeliebt.

Sowohl die Stauexperten des ADAC als auch jene von Inrix weisen darauf hin, dass Staus nicht nur die Umwelt schädigen und die Lebensqualität beeinträchtigen, sondern sich auch negativ auf die Wirtschaft auswirken. "Staus kosten die Deutschen über 30 Milliarden Euro pro Jahr und bedrohen damit das Wirtschaftswachstum", sagt Graham Cookson, Chef-Volkswirt bei Inrix. Wir müssten mehr in intelligente Verkehrssysteme investieren, um negative Folgen auf die Wirtschaft zu verhindern. Das heißt aber nicht, dass immer mehr Straßen gebaut werden müssen - diese ziehen nur noch mehr Autos an. "Die Städte müssen sich für alternative Mobilitätslösungen öffnen", ergänzt Michael Schreckenberg. Wie die Daten zeigen, sollten sich die Münchner Stadtplaner diesen Hinweis besonders zu Herzen nehmen.

© SZ.de/harl/zaj/reek/dd
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