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Motorradmesse EICMA:Die neuen Motorräder sind mal retro, mal futuristisch

Yamaha will mit der Niken das bislang von Rollern bekannte Konzept der Dreirad-Neigetechnik ins Motorradsegment transferieren.

(Foto: AP)
  • Die Motorradmesse EICMA überraschte mit einer Vielzahl an Neuvorstellungen.
  • Einmal mehr zeigte sich: Während sich bei den Supersportlern nur wenig tut, gibt es bei den Tourern interessante Entwicklungen.
  • Zudem sind die Elektromobilität und neue Fahrwerkstechnologien auf dem Vormarsch.

Von Norbert Meiszies

Mailand im ungemütlichen Herbst ist kein beliebtes Touristenziel. Dennoch sind in der ersten Novemberwoche die Hotels und Restaurants voll belegt - es ist EICMA, die Nabelschau der motorisierten Zweiradbranche. Die zieht Besucher aus aller Welt an, aber auch viele Einheimische lassen sich von dem glänzenden Chrom und der Glitzerwelt gerne vom tristen italienischen Alltag ablenken - 600 000 Besucher in diesem Jahr waren ein neuer Rekord.

Die wurden mit überraschend vielen Neuvorstellungen belohnt, die nach dem Feuerwerk des letzten Jahres nicht zu erwarten waren: Weltpremieren gab es zuhauf, wenngleich nur selten spektakuläre. Zu den unbestrittenen Highlights der Messe zählt mit der Ducati Panigale V4 das einzige neue Supersportmotorrad, während ansonsten das Leistungswettrüsten keine Rolle für den neuen Modelljahrgang spielt. Der in Bologna ansässige Hersteller bietet damit den ersten Serien-V4-Motor der Firmengeschichte auf. Die Eckdaten des attraktiv designten Sportmotorrades sind beeindruckend: 214 PS Leistung, 124 Newtonmeter Drehmoment und gerade mal 198 Kilogramm Gewicht - die noch edler ausgestattete S-Version wiegt sogar nur 195 Kilogramm. Was der mit modernster Elektronik vom kurvenfähigen ABS bis zum einstellbaren Motorbremsmoment vollgestopfte Edelrenner kosten soll, ist noch nicht bekannt.

Der zweite Publikumsmagnet kommt aus Japan und trägt einen der berühmtesten Namen des Zweiradkosmos: Honda hat die Goldwing neu erfunden. Nach wie vor mit dem legendären Sechszylinder-Boxermotor, aber mit Vierventiltechnik, vier Fahrmodi, Traktionskontrolle und Doppel-Querlenkeraufhängung vorn sowie neuem Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe, das 128 PS und 170 Newtonmeter managen muss. Wie groß die Neuerungen ausfallen, dokumentieren allein die Gewichtseinsparungen: Das Basismodell wiegt mit 365 Kilogramm gleich 48 Kilogramm weniger als die Vorgängerin - bei Motorrädern sind das Welten.

Der dritte richtige Hingucker ist wohl eines der exotischsten Serienfahrzeuge, die je dem Mailänder Publikum präsentiert wurden: Yamaha versucht mit der Niken, das bislang eher biedere Rollerkonzept der Dreirad-Neigetechnik ins Motorradsegment zu transferieren. Das futuristisch gestylte Vehikel kommt mit dem Dreizylinder-Motor der MT-09, der 115 PS leistet. Atemberaubend wirkt allein schon die Vorderradführung in Form einer Ackermann-Lenkung mit doppelter Upside-Down-Telegabel. Auf die ganz besondere Fahrdynamik des 263 Kilogramm schweren Dreirads darf man gespannt sein.

Elektro-Vespa im unverkennbaren Stil

Nicht ganz so revolutionär, aber dennoch zukunftsweisend präsentierte sich Vespa, die traditionsreiche Roller-Kultmarke aus Italien, mit einer elektrisch angetriebenen Version. Die nächstes Jahr angebotene Vespa Elettrica wird mit 2,7 PS Dauerleistung und einer Höchstgeschwindigkeit von 45 Stundenkilometern antreten, die Italiener versprechen dazu eine Reichweite von 100 Kilometern. Natürlich kommt die emissionsfreie Version im unverkennbaren Vespa-Stil, zeitgemäß interpretiert mit grau-glänzendem Lack und leuchtend blauen Kontrastakzenten an Felgen, Verkleidung sowie an der Sitzbank. Weitere Zugeständnisse an die Moderne sind neben LED-Scheinwerfer und USB-Steckdose ein farbiges 4,3-Zoll-TFT-Display samt zeitgemäßer Konnektivität: Beim neuen Multimedia-System kommt der Einbindung des Smartphones eine ganz zentrale Bedeutung zu.

Eine kleinere Überraschung ist BMW mit den beiden neu konstruierten Reihen-zweizylinder-Enduros F 750 GS und F 850 GS gelungen, die viele Ausstattungsmerk-male der großen Boxer-GS übernommen haben - das TFT-Display, die serienmäßige Vorbereitung für ein Koffersystem und den Multi-Controller am Lenker. Der neue Motor mit 853 Kubikzentimetern Hubraum leistet in der 750er-Version 77 PS, die neue F 850 GS kommt auf 95 PS. Weitaus dominanter zeigt sich die voluminöse K 1600 Grand America mit dem fulminanten Sechszylinder-Reihenmotor. Ausgehend vom Bagger K 1600 B mutiert der Brocken zum luxuriösen Tourer für lange Strecken mit Koffern und Topcase.

Kawasaki-Tourer mit 210 PS

Den Gegenentwurf liefert KTM mit der 790 Duke. Das schnittig-puristisch gehaltene Kurvensuchgerät zeigt einen neu entwickelten Reihenzweizylinder mit 799 Kubikzentimetern Hubraum und 105 PS Leistung. Zusammen mit einem sensationellen Trockengewicht von nur 169 Kilogramm ergibt sie ein Leistungsgewicht, das rasanten Kurvenspaß garantiert. Ausstattungsmäßig ist fast alles an Bord, was gut und modern ist: LED-Scheinwerfer, Traktionskontrolle, Zweiwege-Quickshifter, ein multifunktionales TFT-Display sowie ein Kurven-ABS sind serienmäßig.

Aufsehen erregt auch Kawasaki mit der H2 SX als Tourenversion des Kompressor-Renners H2, die 210 PS aus dem Einliter-Aggregat löst. Den Nerv der Älteren trafen aber die neue Z900 RS und die Z900 Café, 110 PS starke Retroklassiker mit Gitterrohrrahmen auf Basis der aktuellen Z900. Gerade die Café-Version mit Höckersitzbank und Lampenverkleidung im Stil der Siebzigerjahre dürfte hierzulande auf ein großes Echo treffen.

© SZ vom 18.11.2017/harl
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