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Harley-Davidson LifeWire:Wie ein Ritt auf der Kanonenkugel

Famose Fahrleistungen, exzellente Verarbeitung: Nur der Preis für die elektrische LiveWire (33 000 Euro) trübt das Vergnügen.

(Foto: Harley-Davidson)

Als erster großer Hersteller wagt sich Harley-Davidson auf den Markt der E-Motorräder. Die LiveWire überzeugt - nur der Sound verwirrt.

Von Thilo Kozik

Als die Entwickler von Harley-Davidson vor fünf Jahren die ersten Prototypen ihres Elektromotorrades auf Welttournee schickten, war die Fachwelt überrascht. Man erwartete europäische oder japanische Hersteller vorn, aber sicher nicht die Eisenschmiede aus den USA. Allerdings waren die Erstlinge alles andere als ausgereift; manch ein Beobachter tat die Auftritte schon als Marketing-Gag ab.

Doch die Traditionsfirma aus Milwaukee blieb dran, im Herbst feierte eine deutlich weiterentwickelte Serienversion der LiveWire Premiere. Weitere kleinere technische Schwierigkeiten und die mangelhafte Vorbereitung auf hiesige Ladestrukturen schoben die Markteinführung aber immer weiter nach hinten - bis jetzt. Und wer mit der LiveWire unterwegs ist, der merkt nun schnell: Das E-Krad erregt Aufsehen.

Wo immer der Muscle-Roadster auftritt, versammeln sich Interessierte um dieses kraftstrotzende Vehikel. Obwohl mit technischen Finessen und Details versehen, die den übrigen Baukasten-Bikes aus Milwaukee komplett abgeht, lässt sich ihre Herkunft mehr als erahnen - die LiveWire ist eindeutig eine Harley, wenngleich eine vollkommen neue Spezies. Statt des typischen mächtigen V2-Motors dominiert ein gewaltiger Akku im Heizkörperformat die Optik, darunter liegt längs der Elektromotor wie ein abschussbereiter Torpedo.

Diese Einbaulage des "Revelation-Motors" erfordert eine Umlenkung über ein Winkelgetriebe, bevor der Zahnriemen das Hinterrad antreiben kann. Ein schaltbares Getriebe gibt es hier nicht, man gibt einfach Gas respektive Strom. Doch Halt, so schnell geht's nun auch wieder nicht: Mit dem Funkschlüssel in der Jackenta-sche wird über eine Taste der Antrieb scharf geschaltet, bevor die elektrische Herrlichkeit über einen weiteren Tasten-druck freigegeben wird. Umständlich? Ja, aber sinnvoll, denn diese Prozedur verhindert ungewolltes Gasgeben. Auch deshalb pulsiert eine aktivierte LiveWire im Stand und erinnert mit ihrem elektrischen Herzschlag an den gewaltigen Antritt.

Der wiederum lässt sich weitestgehend nach Wunsch einstellen - über vier vorgegebene Fahrmodi und drei Custom-Einstellungen. Diese werden über die zugehörige Smartphone-App konfiguriert. Was sich so nüchtern anhört, münzt die Praxis in ein wahrlich atemberaubendes Spektakel um: Wer im "Sport"-Modus voll durchlädt, sollte freie Bahn haben. Denn das, was kommt, ähnelt dem Ritt auf der Kanonenkugel. Extrem mächtig und gleichförmig schieben 116 Newtonmeter Drehmoment und in der Spitze 106 PS die 249 Kilogramm schwere Harley voran. Das Fehlen von Schaltvorgängen macht vor allem Zwischensprints zur lässigen Fingerübung.

Das Cockpit wirkt aufgeräumt, der Tank ist Fake.

(Foto: Harley-Davidson)

Zahlen gefällig? Das Fachmagazin Tourenfahrer ermittelte für den Durchzug von 50 auf 120 Stundenkilometer konkurrenzlose 4,1 Sekunden. Selbst im vorsichtigen "Rain"-Modus absolviert die LiveWire diese Übung in 5,2 Sekunden. Zum Vergleich: Eine 165 PS starke BMW S 1000 R benötigt dafür 5,9 Sekunden.

Damit der Fahrer dabei nicht wie ein Fähnchen im Wind flattert, ist der Sattel tief und der Lenker relativ hoch ange-bracht. Der Oberkörper spannt sich etwas über die lange Tankattrappe, das bringt Gewicht aufs Vorderrad und verhindert ungewolltes Ansteigen. Andererseits ist das Ambiente so bequem, das auch längere Touren genussvoll möglich sind. Dabei bietet die Harley die Möglichkeit, das Maß der Rekuperation zu bestimmen, also die Energierückgewinnung durch den vom Schub angetriebenen E-Motor, der dann als Generator arbeitet. Im Fahrbetrieb wirkt das wie eine Motorbremse, wahlweise wie ein Zweitaktmotor fast ohne Gegenkraft im Segelbetrieb oder besonders stark, was wiederum die Bremsen schont.

Schnellladen scheitert mitunter

Beides hat seinen Reiz und fördert den Flow, sofern man sich darauf eingelassen hat. Erleichtert wird das durch die hoch-wertigen Federelemente, die einen sportlichen Fahrkomfort bieten, und ein sehr effektives Kurven-ABS samt Schräglagen-abhängiger Traktionskontrolle. Richtig geräuscharm ist das Vergnügen aber nicht: Der Antrieb sirrt so laut, dass viele Verkehrsteilnehmer ihren Kopf zum ungewohnten Geräusch drehen.

Wie lange dieser Flow anhält, hat der Fahrer im wahrsten Sinne des Wortes in der Hand. Ohne sich zurückzuhalten, er-möglicht die 15,5-kWh-Lithium-Ionen-Batterie im normalen Fahrbetrieb sicher 170 Kilometer. Vollgas-Autobahnetappen saugen den Akku erheblich schneller leer, die Reichweite ist gerade mal dreistellig. Geht's ans Laden, zeigt sich eine große Schwachstelle der LiveWire: An der Haushaltssteckdose daheim fließen maximal 2,7 kW, es dauert also gut fünf Stunden, bis ein leerer Akku voll geladen ist.

Schneller geht's nur mit Gleichstrom an einer CCS-Säule, dort ist die Harley unter einer Stunde gefüllt - doch diese Säulen sind in den für Motorradfahrer attrakti-ven Gebieten rar, außerdem mag nicht jede Säule mit der Amerikanerin kommunizieren. Eine Tour ohne sichere Ladestellen wird so zum Risiko. Zweiter Knackpunkt ist der Preis: 33 000 Euro will Harley für die LiveWire haben - das schränkt den Kundenkreis radikal ein. Trotz der famosen Fahrleistungen und einer Verarbeitung, nach der sich jede "normale" Harley die Kolben lecken würde.

© SZ vom 30.05.2020/dd
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