Süddeutsche Zeitung

Corona-Krise:Es droht ein neuer Verteilungskampf auf der Straße

In der Krise entdecken die jungen Städter wieder den Komfort und die Sicherheit des eigenen Autos. Die Stadtpolitik sollte rechtzeitig gegensteuern.

Es ist kein neues Phänomen, dass sich Menschen in Krisenzeiten erst einmal auf das besinnen, was ihnen am nächsten ist. Auf das, was sie selbst beeinflussen können, den eigenen sicheren Raum.

Und jetzt, da das Coronavirus noch lange Zeit den Alltag begleiten wird, aber man doch wieder raus möchte aus der häuslichen Isolation - oder einfach wieder zur Arbeit kommen muss -, werden vor allem zwei Verkehrsmittel einen Boom erleben: das eigene Auto und das Fahrrad.

Wenn die Städte dieser Entwicklung nicht schnell mit klugen Konzepten begegnen, wird es nicht nur zum Verkehrskollaps, sondern zum massiven Ausbremsen der Verkehrswende hin zu klimafreundlicher Mobilität kommen. Die Ergebnisse einer Befragung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) lassen aufhorchen.

Dort heißt es, das Privatauto erlebe gerade ein Revival, vor allem junge Städter fühlen sich darin auf einmal besonders wohl und sicher - also genau die Gruppe, von der vor Corona noch behauptet wurde, sie wolle lieber mehr Busse, E-Scooter oder Sharing-Angebote.

Wenn sich alle wieder mehr bewegen und das in noch mehr Autos, wird sich der Kampf um den Straßenraum zuspitzen

Doch jetzt gilt an jedem Ort, an dem man mit fremden Menschen in Kontakt kommt, eine Ansteckungsgefahr. Kein Wunder, dass die DLR-Umfrage vor allem dem öffentlichen Nahverkehr einen besonders niedrigen Wohlfühlfaktor bescheinigt. Mehr noch: Menschen ohne Auto überlegen, sich jetzt doch einen Wagen anzuschaffen - oder ein Fahrrad.

Das könnte die positive Nachricht aus der Corona-Mobilitätskrise sein. Überall weisen Städte Pop-up-Radspuren aus, das Radeln macht endlich Spaß und fühlt sich sicher an. Doch dieser klima- und gesundheitsfreundliche Trend ist trügerisch. Denn er ist nur eine Momentaufnahme.

Wenn sich alle wieder mehr bewegen und das in noch mehr Autos, wird sich der Kampf um den Straßenraum zuspitzen. Dann kommt es zur Nagelprobe, ob Stadtverantwortliche die neuen Radspuren eindampfen, um Blechlawinen Platz zu verschaffen. Es wäre klug, jetzt zu überlegen, wie der Verkehr in naher Zukunft aussehen soll.

Indem man etwa autofreie Zonen ausweist oder Wagen mit Verbrennungsmotoren schrittweise verbannt. Indem man den Fahrradkauf genauso fördert wie die Anschaffung eines E-Autos. Kurz: einfach alles tut, damit sich Menschen auch auf zwei Rädern weiter wohlfühlen.

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SZ vom 09.05.2020/hmw
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