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Mercedes SLS AMG:Auf klare Linie gebracht

Mercedes-Designchef Gorden Wagener über den neuen SLS AMG und das künftige Sportwagengesicht der Marke. Das neue Design hat vor allem ein Ziel: Verjüngung.

"Der Designer eines Mercedes", schreibt Thomas Schulz in einem opulenten Buch über die Formgebung der Stuttgarter Marke seit ihren Anfängen, "ist groß und schlank und strahlt eine altersunabhängige Jugendlichkeit aus. Er trägt ein schwarzes Poloshirt unter einem lässig fallenden Jackett. Ein ausgesprochen eleganter Auftritt; sehr diszipliniert."

Mercedes SLS AMG: Das künftige Sportwagengesicht der Marke?

(Foto: Foto: oh)

Nun gut, der jugendliche Auftritt stimmt, groß und schlank auch. Aber erst einmal wirkt Gorden Wagener gerade ziemlich geschafft, sichtbar verschwitzt und ein bisschen blass um die Nase. Das hat weniger mit den hochsommerlichen Temperaturen im US-Staat Kalifornien um diese Jahreszeit zu tun. Mehr schon damit, dass der oberste Mercedes-Designer gerade sein Meisterstück ein paar Runden lang recht beherzt über den hügeligen Rennkurs von Laguna Seca bewegt hat.

Lokaltermin mit dem SLS, dem neuesten Supersportwagen aus Stuttgart, genau genommen aus Affalterbach bei Ludwigsburg, wo die Hochleistungsschmiede AMG ihren Sitz hat. Sie lieferte Technik, Know-how und Name, Wagener und seine Truppe schufen die atemberaubende, absolut eigenständige Form. Zusammengebaut wird in Sindelfingen.

Mit unverholenem Stolz beschreibt der Chefdesigner das Auto am Rand der Piste in Laguna Seca. Beherrschendes Charakteristikum des SLS AMG sind seine Flügeltüren, Erkennungsmerkmal und Erbgutträger in einem.

Mercedes SLS AMG

Benz is back

Kein Retro-Design, sondern eine moderne Interpretation der Markengene

Wer heute "Flügeltürer" sagt, meint das klassische 300 SL-Coupé aus den fünfziger Jahren. Friedrich Geiger hatte es gestaltet, abgeleitet vom Rennsportwagen, mit einem Gitterrohrrahmen, über dem sich lang ausgeprägte Kotflügel spannten und eine ebensolche Haube, auf der sich in Längsrichtung zwei Wölbungen erhoben - lange bevor man das Wort Powerdome kannte. Charakteristisch war außerdem die schmale, stark eingezogene und weit hinten sitzende Kabine, in der modernen Designersprache Greenhouse genannt. Die seitlichen Flächen wurden bestimmt von den lang laufenden Sicken über den Radhäusern und, fast noch stärker, von riesigen Luftschächten in den vorderen Flanken. Vollendet schloss das Ganze mit einem kurz abfallenden, rund gezogenen Heck.

Junge Kraft: Gorden Wagener, Jahrgang 1968 und seit 2008 Mercedes-Designchef, ist Deutscher, trotz seines englisch klingenden Namens.

(Foto: Foto: oh)

"Es war von Beginn des Projekts an klar, dass der neue Flügeltüren bekommen sollte", erinnert sich Wagener. 2005 war das und noch etwas stand fest: "Wir wollten kein Retro-Design, sondern eine moderne Interpretation der Markengene." Folgerichtig finden sich beim SLS außer den nach oben öffnenden Türen auch der beherrschende, steil stehende Kühlergrill mit großem Stern und seitlichen Lufteinlässen wieder. Wie beim Vorbild sitzt die Kabine weit hinten, darunter fallen die ausgeprägte Schulter und volle seitliche Flächen (Wagener: "sehr sinnlich und schön") mit maßvoll betonten Radausschnitten ins Auge.

Wagener, Jahrgang 1968 und seit 1995 bei Mercedes, leitete zuletzt den Bereich Advanced Design. Mitte 2008 folgte er Peter Pfeiffer als Designchef von Mercedes. Keine leichte Aufgabe, zumal in einer Zeit grundlegender Prämissenwechsel und dem damit einhergehenden Zwang, auch noch für die kleinste Marktnische attraktive Produkte anzubieten. Außerdem gilt es, legendäre Vorgänger zumindest zu erreichen, womöglich noch zu übertreffen. Bis heute halten viele die in den Jahren 1975 bis 1999 von Bruno Sacco verantwortete Formgebung für die Blütezeit der Marke - mit klaren einfachen Formen, die Solidität und Luxus und gleichzeitig Innovation ausstrahlten. Das reichte von der unverändert attraktiven S-Klasse W 126 von 1979 bis zur E-Klasse mit dem Vier-Augen-Gesicht, die 1995 Designgeschichte schrieb.

Schon Sacco-Nachfolger Pfeiffer tat sich schwer, dieses in Form gegossene Selbstbewusstsein konsequent auf sämtliche Modellreihen und die vielen neuen Nischenprodukte zu übertragen. Fremd blieb beispielsweise bis heute die R-Klasse, kritisch kommentiert wurde aber auch die aktuelle S-Klasse mit ihren betonten Kotflügeln und irritierend blieb der Versuch, die Formensprache der Formel 1 auf die Front von Straßensportlern wie dem SLK zu übertragen.

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Wagener kündigt an, dass diese Zeit zu Ende ist. "Der SLS trägt unser künftiges Sportwagengesicht", sagt er, "ohne Bezug zur Formel 1, aber immer mit dem Bezug zur Historie." Alles ist hier um den Grill komponiert, das beherrschende formale Element, breit, mit großem Mercedesstern und der flügelförmigen Querfinne. Auch beim Nachfolger des viertürigen CLS, der im Herbst 2010 kommt, werde sich dieser Grill wiederfinden.

Eine generelle Hinwendung zur ruhigeren Form mag der jüngste unter den deutschen Designchefs aber nicht bestätigen. "Stilvolle Sportlichkeit", sagt Wagener, sei das verbindende Element auf dem Weg zur Verjüngung der Marke, die natürlich weiterhin ihre Kernwerte wie Sicherheit, Qualität und Status formal ausdrücken müsse. "Dabei hat jede Produktreihe ihren eigenen Charakter zu bewahren."

Das muss nicht immer auf Gegenliebe stoßen. Vor allem die neue E-Klasse hat ihre Kritiker - auch im Unternehmen. Die "progressive Formensprache mit den klar herausgearbeiteten Signaturen" (Wagener) ist manchen "zu kantig und zu widersprüchlich", wie ein Manager sagt, der lieber nicht genannt werden will. Mehr noch: Seit langem habe es keinen "richtig schönen Mercedes" mehr gegeben. Der SLS gefällt ihm, ohne wenn und aber.