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Test Mercedes GLA:Teurer Schönling für trendige Digitalos

Höher und geräumiger: Neuer Mercedes GLA startet bei 37 271 Euro

Der neue GLA startet bei 37 271 Euro.

(Foto: Daimler AG)

Der Mercedes GLA bietet dank zahlloser Assistenzsysteme viel Sicherheit. Doch wem echter Fortschritt wichtig ist, sollte vielleicht besser warten.

Von Georg Kacher

Die zweite Generation des Mercedes GLA sieht zwar aus wie der kleinere Bruder des erfolgreichen GLC, doch auch das achte Mitglied der Kompaktauto-Familie läuft selbst im AMG-Trim ausschließlich mit quer eingebauten Vierzylindern vom Band. Der günstigste Benziner leistet 163 PS, die 2-Liter-Maschine im GLA 250 bringt es auf 224 PS. Alternativ sind zwei Diesel mit 150 und 190 PS im Angebot. Geschaltet wird grundsätzlich automatisch, auf Wunsch ist außer beim Basismodell der 4-Matic-Allradantrieb an Bord.

Die SZ hat den GLA 250 4 Matic getestet, der schon ab 1800 Touren mit satten 350 Newtonmeter anschiebt, in flinken 6,7 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 beschleunigt, bei Bedarf 240 km/h schnell ist und im Schnitt (mit der breitesten Bereifung) laut Hersteller 7,1 Liter konsumiert. Ohne Extras kostet der Wagen 44 381 Euro, sehr gut ausgestattet sind deutlich über 60 000 Euro fällig - viel Geld für ein Einstiegsmodell. Der neue GLA ist minimal kürzer, deutlich breiter und über zehn Zentimeter höher als die Auslaufware. In Verbindung mit dem längeren Radstand schaffen diese Proportionen spürbar mehr Platz.

Mercedes-Benz GLA 2019  Mercedes-Benz GLA 2019

Jede Menge Ablenkung: Im Mercedes GLA blinkt immer irgendetwas.

(Foto: Daimler AG)

Durch viel Elektronik fühlt sich die Fahrdynamik synthetisch an

Dass Sicherheit zu den Kernwerten der Marke Mercedes gehört, dokumentiert auch der neue GLA, dessen erweitertes Assistenzpaket neue Funktionen mit den Stichworten Rettungsgasse (ab 60 km/h bei Stau), Ausstiegswarnung (bei Radfahrern von hinten), Fußgängererkennung (am Zebrastreifen), Nothalt (inklusive Entriegelung und SOS-Meldung), strecken- und verkehrsbasierte Temporeduzierung (mit Lenkungs- und Bremseingriff) und Festbremsung (als Schleudertrauma-Schutz vor dem Heckaufprall) bietet. Klingt nach Big Brother, kann aber dabei helfen, Unfälle zu vermeiden und Leben zu retten. Leider müssen die meisten elektronischen Aufpasser nach jedem Neustart einzeln wieder deaktiviert werden - das tun natürlich nur Leute, die es nicht mögen, wenn plötzlich das Lenkrad vibriert, die Spiegeldreiecke blinken oder ein Warnton piept. Ein nettes Detail ist die Waschstraßenfunktion, die auf Knopfdruck Scheiben und das Schiebedach schließt, die Spiegel einklappt und den Regensensor deaktiviert.

Das neue Bediensystem MBUX sorgt zumindest während der Eingewöhnungsphase dafür, dass man im GLA länger autonom unterwegs ist, als es der Aufmerksamkeit guttut. Stimmt, die perfekte Spracheingabe würde den rechten Zeigefinger arbeitslos machen, wäre da nicht die latente Versuchung, mit den Bildschirm-Kacheln auf Tuchfühlung zu gehen, zwischen vier Anzeigenstilen hin- und herzuscrollen, die unterschiedlichen Fahrmodi auszuprobieren, Musik zu streamen, das Ambientelicht zu variieren, oder sich Mails vorlesen zu lassen. Dabei gehen die Chips immer wieder von sich aus in die Offensive, filmen das Vorfeld ab, schalten eigenmächtig zurück zur Heckkamera, blenden Hinweispfeile und Hausnummern ein, bieten neue Routen-Optionen an, beaufschlagen in bunter Folge die Instrumente, den großen Monitor und das Head-up-Display. Irgendwo hier verläuft die Grenze zwischen Spam und Kundennutzen, zwischen Selbstzweck und Bevormundung.

Die Demokratisierung des Luxus

Der GLA 2.0 ist deutlich bequemer gefedert als der Vorgänger. Besonders interessant erscheint die Kombination aus Komfortfahrwerk und Tieferlegung. Ein weiterer Bonuspunkt geht an den feinfühlig regelnden Allradantrieb, der nur in der Offroad-Stellung das Drehmoment zu gleichen Teilen zwischen den Achsen splittet. Die Dynamic-Select-Regelung der Fahrprogramme läuft erst im Individualmodus zur Hochform auf, denn das Problem bei den virtuellen Eigenschaftsprofilen ist die mangelnde Rückmeldung und ein Bewegungsablauf, der sich synthetisch anfühlt. Die adaptiven LED-Scheinwerfer mit spezieller Lichtverteilung für Offroad-Ausflüge schaffen dagegen eine willkommene Erleuchtung. Ähnlich positiv ist der Zugewinn an Luft und Helligkeit durch das ungewöhnlich große Glasschiebedach.

Man mag es Demokratisierung von Luxus nennen, wenn S-Klasse-Extras zur A-Klasse durchsickern. Doch der happige Endpreis dürfte die meisten Budgets sprengen. Der neue GLA ist ein Auto für trendige Digitalos und statusbewusste Besserverdiener. Doch wem echter Fortschritt wichtiger ist als die bloße Interaktionsfähigkeit mit dem Zeitgeist, sollte vielleicht warten, bis Mercedes mit dem elektrischen EQA zum Jahresende ein wirklich neues Kapitel in der Crossover-Evolution aufschlägt.

Hinweis der Redaktion

Ein Teil der im "Mobilen Leben" vorgestellten Produkte wurde der Redaktion von den Herstellern zu Testzwecken zur Verfügung gestellt und/oder auf Reisen präsentiert, zu denen Journalisten eingeladen wurden.

© SZ vom 18.04.2020/reek
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