Süddeutsche Zeitung

Mein Flugzeug im Vorgarten:Dem Himmel so nah

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Die Airparks in den USA und Frankreich sind für Hobbypiloten Traumadressen. Auch in Deutschland wird es demnächst Villen mit eigener Startbahn geben - direkt am Meer.

Dirk Engelhardt

Hobbypilot Troy Branning ist rundum zufrieden. Schließlich nennt er eine Villa in Spruce Creek sein eigen - eine kleine, gepflegte Siedlung, sieben Meilen von Daytona Beach (Florida) entfernt, und der Traum eines jeden Fliegers. Denn Spruce Creek ist ein Airpark: Mehr als 600 Flugzeuge stehen in den Vorgärten links und rechts des Cessna-Boulevards, die Garagen dienen als privater Hangar, Taxiways führen an den Grundstücken entlang direkt zur Startbahn. Keine Warteschlangen, keine Fluglotsen.

"Man kauft hier kein Haus, man kauft Lifestyle" - so werben Makler für die Häuser im Airpark. "Wer nur ein Auto hat, fährt manchmal zehn oder 15 Meilen zum Essen. Ich fliege manchmal mehrere 100 Meilen, nur um woanders zu frühstücken", brüstet sich Spruce-Creek-Bewohner Lenny Olson und macht deutlich, welche Standards hier gelten. Denn Geld spielt eine eher untergeordnete Rolle - natürlich haben alle Zugang zum Country-Club-Golfplatz und rund um die Uhr sorgt der Sicherheitsdienst für die nötige Abschirmung.

Geräumige, weißgetünchte Villen stehen in gebührendem Abstand voneinander auf sattgrünen, makellos gestutzten Rasenflächen, Palmen und Swimmingpools setzen farbliche Akzente. Eine Brise Urlaubsstimmung weht über das Gelände. Branning erzählt von den Formationsflügen, die verschiedene Pilotenclubs der Gemeinschaft regelmäßig veranstalten. Und die täglich für die Bewohner ein Spektakel darstellen, für das sie keinen Eintritt zahlen müssen. "Ich bin in einer Gruppe von Piloten, die alle Beechcraft fliegen. Jeden Mittwoch treffen wir uns, um zusammen irgendwohin zum Essen zu fliegen", erzählt Troy. Neben seiner Beechcraft Baron steht in seinem Hangar noch ein Leichtsportflugzeug der Marke Jabiru.

Dass Airparks in den USA, rund 600 gibt es, wesentlich populärer sind als in Europa, hat neben der unterschiedlichen Geografie auch mit den anfallenden Kosten zu tun. In Deutschland ist die Privatfliegerei ein relativ teures Hobby und ist dementsprechend nicht auf breiter Front machbar. In den USA hingegen ist es nicht außergewöhnlich, weite Strecken mit einem Privatflugzeug statt mit dem Auto zurückzulegen.

Von Miami nach Kalifornien? Kein Problem

"Die Leute wollen mit ihren Flugzeugen leben, weil es bequem ist und es sich rechnet", erklärt Dave Sclair, der die in der Fliegerszene populäre Webseite www.livingwithyourplane.com betreibt. Die lästigen Prozeduren beim Ein- und Auschecken an Flughäfen, die immer zeitintensiver werden, und die An- und Abfahrtswege vom Flughafen zum eigenen Wohnort entfallen für die Bewohner der Airparks. Und statt sich für teures Geld einen Hangar an einem Flughafen zu mieten, steckt man das Geld lieber in die XXL-Garage neben der Villa.

"Um einen Flug von Miami nach, sagen wir, Kalifornien zu unternehmen, brauchen wir einfach nur volltanken, uns in unser Flugzeug setzen und starten", schwärmt Branning. So etwas sei in Europa eben nicht so einfach möglich; in den USA müsse man nur gewisse Bereiche, in denen viel Flugverkehr herrscht, umgehen. Und in Flughöhen zwischen 5000 und 12000 Fuß sei auch kein extra Sauerstoff nötig. Zudem sind in den USA auch die Regelungen für jugendliche Piloten weniger streng. Kinder können bereits mit 14 Jahren einen Glider steuern. Und die Lizenz zum Steuern von einmotorigen Flugzeugen gibt es mit 16 Jahren.

John Travolta musste wieder ausziehen

Genau dieser lässige Umgang mit Fluggenehmigungen hat den Airparks in den USA aber auch einige negative Schlagzeilen eingebracht. Dieses Sicherheitsrisiko ficht Troy aber nicht im Geringsten an. Schließlich lebe man in geschlossenen Arealen, in die nur zuverlässige Menschen aufgenommen würden. Auch Lärmprobleme gibt es laut Troy nicht. "Nach Einbruch der Dunkelheit finden kaum noch Flüge statt, und außerdem lieben wir Piloten ja den Sound eines Flugzeugs", lässt er Kritiker abblitzen.

Nicht so gerne allerdings erzählt man die Geschichte eines ehemaligen Bewohners mit Namen John Travolta. Denn der wurde genötigt, auszuziehen, nachdem ihm sein Kleinflugzeug nicht mehr genügte und er sich einen Boeing-Jet anschaffen wollte. Das war den sonst so entspannten Bewohnern von Spruce Creek dann doch zu viel.

Einer der wenigen europäischen Airparks findet sich in Frankreich - dort eröffnete vor 15 Jahren der Vendeé Airpark, 20 Minuten von La Rochelle, an der Atlantikküste zwischen Bordeaux und Nantes gelegen. Die Anlage, auf ehemaligem Bauernland errichtet, mutet eher wie eine Ferienanlage als eine Wohnsiedlung an. Zum Atlantikstrand sind es rund 15 Minuten, es gibt natürlich auch Golfplätze und Radwege. 50 Villen grenzen an zwei Taxiways, die von der Startbahn abzweigen. Die geteerte Piste ist 820 Meter lang, daran schließt sich eine Graspiste an. Flugzeuge parken in geräumigen Garagen, die sich neben ähnlich groß dimensionierten Swimmingpools befinden.

Wer hier eines der Häuser kaufen will, muss rund 750.000 Euro investieren - wobei das Flugzeug im Preis nicht eingeschlossen ist. Die jährliche Nutzungsgebühr für die Anlage, die jeder Eigner zu entrichten hat, beträgt 978 Euro. Die Mehrzahl der Hobbypiloten gehört zur älteren Generation, nur am Wochenende kommen Familien auf das Gelände. Man ist eine eingeschworene Gemeinde und kultiviert Lässigkeit: Autotüren müssen auf dem Gelände nicht verschlossen werden, jeder kennt jeden. Der Landwirt, dem das Land ursprünglich gehörte, pflegt nun zusammen mit seiner Ehefrau die Gärten und ist ein gerngesehener Gast auf den Partys. Die Fliegerei selbst ist ihm allerdings bis heute fremd.

Aber auch in Deutschland wird man demnächst auf einem Flugplatz wohnen können - und zwar direkt an der Küste. Ostsee-Airpark taufte der Lübecker Kaufmann Jürgen Steinfeld sein Projekt, das er vor vier Jahren auf dem Gelände des Privatflughafens Rerik-Zweedorf nahe bei den Ostseebädern Kühlungsborn und Heiligendamm startete. "Die behördlichen Genehmigungen liegen alle vor, und im vergangenen Jahr haben wir mit der Erschließung des Geländes begonnen", erzählt Jörg Müller, der das Projekt betreut. Das neue Fliegerdorf wird aus 25 Häusern bestehen, von denen dann 17 über einen Runway-Anschluss verfügen werden; die Grundstücksgrößen variieren zwischen 700 und 2600 Quadratmeter. Mit der Nachfrage ist Müller sehr zufrieden, Interessenten kommen auch aus dem Ausland, zum Beispiel aus der Schweiz und aus Schweden. In wenigen Monaten werden bereits die ersten Rohbauten fertig sein.

Davor war bereits ein anderes Airpark-Projekt im brandenburgischen Sand steckengeblieben: In Friedersdorf südlich von Berlin fanden sich vor Jahren trotz viel Werbung nicht genug Investoren für ein Fliegerdorf im Speckgürtel der Hauptstadt.

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SZ vom 05.07.2010/gf
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