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Pedelec Mate X im Test:Ein Rad wie ein Rodeo-Pferd

Mate X

Vorsicht, starker Antrieb: das Mate X aus Dänemark.

(Foto: oh)

Zwei Dänen entwerfen ein Elektrorad und sammeln mit Crowdfunding Millionen Euro ein. Das Mate X ist so cool, dass sich die Leute danach umdrehen.

In einem haben die Macher des "Mate X" recht: Sie preisen ihr neues Elektrofahrrad damit an, dass es Eindruck mache, die Menschen würden sich buchstäblich danach umdrehen. Schon die erste Fahrt damit quer durch München bestätigt diese Aussage eindrucksvoll. Noch dazu, wenn das Fahrrad die Farbe knallorange besitzt.

Es geht los am Arbeitsplatz, der Kollege fragt: "Wo ist jetzt da der Motor?" Er meint Vergaser und Zylinder, denn es sehe doch eher aus wie ein Motorrad. Mit den zehn Zentimeter dicken Reifen gehört das Mate X in die Kategorie Fatbike, die Version mit dem groben Profil heißt "Big Daddy". An der Ampel fragt ein Radfahrer-Kollege, wozu man denn solch dicke Schlappen benötige. "Kommt man da besser durch den Schnee?" Er lacht und schüttelt den Kopf.

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An einer Bushalte-Haltestelle wartet ein Pulk Menschen. Als das knallorange Mate X vorbeirollt recken einige die Hälse (die anderen glotzen auf ihr Handy), ein paar machen große Augen, andere lächeln spöttisch in sich hinein. Nach dem Motto: Wer hat es denn nötig, gleich so dick aufzutragen? Und Zuhause fragt der Nachbar, ob man sich nun wieder jung fühlen möchte. Ein Elektrorad als Symptom für eine Midlifecrisis?

Es sind Reaktionen, die die Geschwister Julie Kronstrøm Carton und Christian Adel Michael provozieren wollen. Die Dänen haben 2016 ihre Firma Mate.bike gegründet, um "einzigartige, spaßbringende und bezahlbare Elektrofahrräder" herzustellen. Ein hohes Ziel für ihre zweite Pedelec-Generation.

Nie gab es mehr Geld für ein Crowdfunding-Projekt in Europa

Der 30-jährige Christian Adel Michael ist eher der Unternehmer, seine 40-jährige Schwester Julie Kronstrøm Carton arbeitete am Kopenhagener Institut für Zukunftsstudien, hat sich mit Stadtplanung und Nachhaltigkeit beschäftigt. Sie hatten Ideen, aber kein Geld. Also platzierten sie ihr erstes Rad namens "Mate" auf der Crowdfunding-Webseite Indiegogo. Das heißt, die Firma stellt einen Prototypen ins Internet-Schaufenster, anschließend bezahlen Interessenten vorab und erhalten das Fahrrad dann, wenn es fertig ist. So kann man eine Idee auf den Markt bringen ohne großes Eigenkapital oder einen externen Investor.

Die Dänen sammelten knapp sechs Millionen Euro ein, das war der höchste Betrag, den je eine Crowdfunding-Kampagne in Skandinavien einbrachte. Christian Adel Michael berichtet: "Wir waren ein kleines Start-up-Unternehmen und rechneten mit ein paar Hundert Bestellungen. Plötzlich aber hatten wir mehrere Tausend Interessenten aus mehr als 50 Ländern." Der unerwartete Erfolg stellte das kleine Unternehmen vor eine große Herausforderung. Es kam zu einigen Problemen: Lieferzeiten, Umtausch, Rückzahlung von Geldern - die Internet-Foren sind voll von kritischen Einträgen und der Mate-Service hatte einiges zu tun.

"Seitdem haben wir uns sehr bemüht, die Produktion und den Kundenservice zu entwickeln, ebenso die Logistik zu optimieren", erklärt der Däne. Im Juli 2018 stellten sie das Modell "Mate X" vor, es ist größer, wuchtiger, stärker als das Vorgänger-Rad. Die Interessenten überwiesen mehr als 13,5 Millionen Euro. Die Firma erklärt, dies sei die höchste je in Europa gesammelte Summe. Und was Fahrräder betrifft, ist sie weltweit einzigartig. Gerade beginnt die Lieferung der ersten Räder per Schiff in alle Welt. Die in Europa zugelassene Variante mit der 250-Watt-Batterie wird auf Indiegogo für weniger als 1000 Euro angeboten. Doch es kommen Steuern, Einfuhrzoll und Versand aus Thailand, wo die Räder größtenteils gefertigt werden, hinzu. Damit dürfte der Preis in Deutschland bei knapp 1400 Euro liegen. Das gilt für die Grundausstattung. Wer Scheibenbremsen, Schutzblech, Licht oder ein besseres Display möchte, der legt teils ordentlich drauf. Und wer eine neue 48-Volt-Batterie für das Rad benötigt, der wird nur bei Mate fündig - für 536 Euro.

Pedelecs, also Räder mit Elektromotor, provozieren bei ihren Fahrern oftmals einen Hallo-Wach-Effekt. Wer die Unterstützung zum ersten Mal spürt, der erlebt häufig ein Glücksgefühl wie Kinder auf ihrer ersten Schlittenfahrt. Alles geht so einfach, so schnell, man segelt eher mit dem Rad durch die Gegend als dass man noch fährt. Beim Mate X ist die Batterie im Rahmen eingebaut. Sie ist so stark, dass sie dem Fahrrad bisweilen das Verhalten eines Rodeo-Pferds gibt. Beim Anfahren geht die erste halbe Umdrehung ziemlich schwer, dann plötzlich springt die Batterie an und das Rad macht einen Satz nach vorne. Radler müssen darauf achten, zum Beispiel nicht in der Kurve anzufahren, auf rutschigem Grund oder wenn das Rad noch etwas schief steht. Man sollte stabil und gerade im Sattel sitzen, sonst kann es passieren, dass es einen abwirft.

Wer es richtig macht, der kann es auf den ersten Metern locker mit einem Moped aufnehmen. Auch mancher Autofahrer muss dem Galopper-Rad hinterherschauen. Je schneller die Kurbel dreht, desto mehr Unterstützung kommt von der Batterie. Deshalb ist es oft ratsam, in einen kleinen Gang zu schalten, ob auf gerader Strecke oder bergauf. Lieber mit wenig Kraftaufwand schnell die Kurbel drehen, als in einem zu hohen Gang fahren. Dann ist die Antriebsunterstützung optimal. Hoher Druck aufs Pedal macht das Rad bisweilen immer langsamer. Ehe die Batterie plötzlich wieder anspringt. Das Mate X ist anfangs schwer zu bändigen.

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Über neun Stufen lässt sich die Batterie-Unterstützung einstellen, bei mittlerem Verbrauch verspricht Mate eine Reichweite von 80 Kilometern. Wie in Deutschland vorgeschrieben, beschleunigt die Batterie nur bis etwa 25 Kilometer pro Stunde, dann ist Schluss. Entweder man erhöht das Tempo mit sehr viel Muskelkraft oder wird gerade auf beliebten Rad-Pendlerstrecken von vielen Hochgeschwindigkeitsfahrern überholt. Mit der 750-Watt-Variante würde das wohl nicht passieren, aber die ist nur in den USA zugelassen.

Das Mate X ist faltbar, wer es in den Kofferraum oder ins Zugabteil wuchtet, der benötigt indes Muskelkraft, denn es wiegt mit Batterie 29 Kilogramm. Für Fahrradkeller, die nur über Treppen zu erreichen sind, ist es kaum geeignet. Es ist explizit auch als Gelände-Rad entwickelt. Die dicken Reifen sind für Crosscountry besser geeignet als für einen innerstädtischen Fahrradständer.

Wer es im Freien stehen lassen will, der sollte sich ohnehin ein gutes Schloss zulegen. Denn das Mate X fällt auf. Egal, wo man hinkommt: "Cooles Fahrrad" sagt die Dame aus dem Restaurant. "Boah, schau mal das an!" rufen sich die Jugendlichen vor der Schule zu. Früher erregte ein tolles Auto Aufmerksamkeit oder ein glänzendes Motorrad. Heute erreicht man einen Poser-Effekt mit einem dänischen Pedelec.

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