Maserati 3200 GT Die Genesung des ewigen Patienten

Kunden sollen leistungsorientierte Fahrer mit Hang zu Eleganz und Vielseitigkeit sein

(SZ vom 16.12.1998) "Wir erleben heute die Wiedergeburt einer traditionsreichen Marke", beschreibt Paolo Marinsek den Tag, an dem sich der ewige Patient Maserati das erste Mal vom Krankenlager erhebt. Maserati, die Sportwagen-Manufaktur in Modena, ist auf dem Weg der Gesundung, nachdem Fiat den "maroden Laden" im Jahre 1993 übernommen hatte, und Ferrari seit einem Jahr die komplette Produktion überwacht. Viel Geld ist geflossen, aber auch viel Schweiß. Nach der Generalüberholung der Sportlimousine Maserati Quattroporte verläßt als erstes völlig neues Automobil der neuen Zeitrechnung das lange erwartete 2+2-Coupé mit der Typenbezeichnungen 3200 GT die frisch gestrichene rote Backsteinhalle in der Viale Ciro Menotti. Maserati tritt an, seinen Platz als bärenstarker Gran Tourismo im Segment des Porsche 911 Carrera und Jaguar XKR einzunehmen.

Die Suche nach den Qualitäten des neuen Coupés führt zunächst in die Vergangenheit, in die glorreiche der Maserati-Rennsiege durch Nuvolari, Varzi, Taruffi und Villoresi, zu Juan Manuel Fangio, der seinen fünften Formel-1-Titel auf Maserati 250 F holte. Das war auch die Zeit der großen Zweikämpfe mit Ferrari. Ermano Cozza, seinerzeit Renntechniker bei Maserati, erinnert sich gern an die Anekdote mit dem Heuballen, die sein Team nach einem gewonnenen Rennen vor der Ferrari-Box abwarf. An dem Ballen habe ein Zettel gehangen mit den Worten: "Hier, das Futter für die Pferde, die euch noch fehlen. "

Eleganz statt Krawall

Der neue Maserati 3200 GT zielt auf eine Klientel, die auch das erfolgreiche Coupé Maserati 3500 GT in den fünfziger Jahren bediente: auf leistungsorientierte Fahrer, die Eleganz und Vielseitigkeit höher bewerten als Krawall. Für sie zeichnete Italdesign, das renommierte Designstudio des Giorgetto Giugiaro in Turin, einen echten 2+2-Sitzer mit klassischer GT-Front und innovativ-extravantem Heck. Besonders stolz äußern sich die Maserati-Macher über das großzügige Raumangebot für Erwachsene. Auf 4,51 Meter Gesamtlänge und 1,82 Meter Breite wurde eine Bewegungsfreiheit auf den beiden Fondsitzen erreicht, die weder Porsche 911 Carrera noch Jaguar XKR bieten können.

Die unaufdringliche Eleganz des italienischen Sportcoupés setzt sich im schwungvoll gestatteten Innenraum fort. Viel edles Leder wurde vernäht, ein Teil der Mittelkonsole mit Holz unterlegt. Die schwarzen Rundinstrumente mit weißen Ziffern sind in Chromringe gefaßt, wie es heute so üblich ist. Zur Serienausstattung gehören zwei Airbags, elektrisch verstellbare Ledersitze vorne und hinten sowie Sitzheizung vorn. Selbstverständlich ist eine Klimaautomatik.

Daß die Drucktasten aus Plastik unterhalb des Cassettenradios zu mickrig ausgefallen sind, ist nun auch Maserati aufgefallen. Sie sollen gegen hochwertigere Ausführungen ausgetauscht werden. Zwischen zwei Luftklappen im Carbon-Design thront die obligatorische Maserati-Analoguhr. Allerdings zeugt ihre traditionell ovale Fassung nun von der Stilsicherheit ihrer Schöpfer, während die Exemplare der jüngeren Vergangenheit sich durch geschmacklose Opulenz auszeichneten.

Das Herz des Maserati 3200 GT leuchtet feuerrot. Seine Potenz läßt sich mit wenigen Stichworten dokumentieren: 3,2-Liter-V8-Triebwerks mit Biturboanlage, zwei Intercoolern, vier obenliegenden Nockenwellen und Vierventiltechnik. Das Leichtmetall-Aggregat ist aus der Limousine Maserati Quattroporte bekannt, erhielt für den Einsatz im 3200 GT aber den nötigen Feinschliff. Es leistet jetzt 278 kW (375 PS) bei 6250/min und erreicht sein beeindruckendes Drehmomentmaximum von 500 Newtonmeter bei 4500/min. Seine Kraft wird über ein manuell geschaltetes Sechsganggetriebe ans Heck geliefert.

Zu den sicherlich bedeutendsten Errungenschaften darf der Einzug moderner Steuerelektronik in einen Maserati gelten. So erhielt das Triebwerk eine elektronische Drosselklappensteuerung (E-Gas). Neben ABS steht auch eine elektronische Traktionskontrolle für die hinteren Antriebsräder zur Verfügung. Und die aus dem Quattroporte bekannte variable Dämpferkennung wird auch im Coupé mehrstufig elektronisch geregelt.

Den nachhaltigsten Eindruck aber hinterläßt der Maseraft 3200 GT weniger durch sein gelungenes Design und die überzeugende Ausstattung. Es ist die Kombination aus bärenstarker Kraft und unbekümmerter Leichtigkeit, mit der er sich führen läßt: Mit etwas mehr als 1000 Touren fließt man im Stadtverkehr mit, kann ohne Rucken Geschwindigkeit aufnehmen, um ab 3200/min den vollen Ladedruck der beiden kleinen IHI-Turbolader zur Verfügung zu haben. Springt der Drehzahlmesser dann mehr als 4000/min, fordert der ungeheure Schub höchste Reaktionsschnelligkeit.

Nicht etwa, weil der Maserati schwer zu bändigen wäre. Im Gegenteil: Willig folgt er den Lenkeinschlägen, hält präzise Spur und überzeugt durch optimale Traktion und exzellente Seitenführung bis in den Grenzbereich. Nein, es ist die hohe Geschwindigkeit, die er bei voller Beschleunigung in Sekundenschnelle erreicht und die zur Disziplin mahnt. So erreicht er aus dem Stand in nur 5,1 Sekunden die 100-km/h-Marke, legt 1000 Meter im 24,2-Sekunden-Sprint zurück und erreicht Vmax bei 280 km/h. Allein abrupte Gaswechsel quittiert der 3200 GT mit einer Unart: Heftige Schläge in Motor- und Getriebelagerungen erinnern daran, daß der Spagat zwischen Komfort- und Sportabstimmung Kompromisse erfordert. Hieran müssen Maserati-Techniker noch fleißig schrauben.

Für 143 000 Mark steht der neue Maserati bei zwölf kombinierten Ferrari-Maserati-Händlern und in sechs Maserati-Exklusiv-Autohäuser in Deutschland. Ihm wird eine Automatikversion für 149 000 Mark folgen. Und von 2001 an möchte Maserati den 3200 Spider nachschieben. Schon heute ist Maserati weltweit in 19 nationalen Märkten vertreten und peilt dort noch 150 Stück in diesem Jahr an. Rund 1700 Fahrzeuge sollen es in 1999 sein und etwa 2000 Stück im Jahre 2000. Schwarze Zahlen möchte Paolo Marinsek mit dem 3200 GT schreiben. In welcher Form dann Danksagungen von Modena nach Maranello fließen, soll heute noch offen bleiben. Vorerst scheint wichtiger, daß Maserati wieder zu atmen beginnt durch zahlreiche Lufteinlässe des neuen Maserati 3200 GT und die Hoffnung, insbesondere qualitativ gegen Jaguar und Porsche zu bestehen.

Von Jürgen Zöllter