Maserati Bora Wenn die Stunde schlägt

Gut Ding will Weile haben oder wie aus einem Nachzügler einer der besten Supersportwagen der siebziger Jahre wurde.

Von Von Andreas Schätzl

Es war höchste Zeit. Die Konkurrenz schlief nicht, war vielmehr recht aufgeweckt, und hatte die Messlatte hoch gelegt, sehr hoch. Da half auch alles Berufen auf die eigene Eleganz, die viel beschworene "vornehme Zurückhaltung", den entspannten Reiseluxus um jeden Preis, nichts: Schon allein des Images wegen brauchte man ein neues Auto, oder vielmehr: ein neues Konzept. Samt Auto.

Gran Turismo der feinen Art: der Maserati Bora

(Foto: Foto: R. Vieweg)

Das Zauberwort hieß Mittelmotor. Und das hatte es bis dato noch nicht ins Reich des Dreizacks, zu Maserati, geschafft. Passte nicht, hatte man bei der altehrwürdigen Modeneser Automobilmarke (und Ferrari-Konkurrenz) lange gesagt. Sollten doch die Ferraris und Lamborghinis damit rumtoben, Maserati war dafür einfach zu erlesen.

Half aber alles nichts. Am Mittelmotor führte keine Straße vorbei. Wie es die Bologneser Konkurrenz mittels Miura und der Nachbar mit dem steigenden Pferd im Hauswappen wagemutig und letztlich restlos erfolgreich bewiesen hatten - Ferrari nicht nur mit dem "kleinen" - und von vielen leicht belächelten - 246 GT "Dino", sondern auch mit dem umso kompromissloseren 365 GT/4 BB "Berlinetta Boxer".

Die Macher dürfen zulangen

Dabei hatte man bei Maserati den Trend durchaus erkannt: Schon kurz nach der Mehr-oder-weniger-Übernahme von Maserati durch Citroen hatte der Interimsherrscher über den Dreizack, Guy Malleret, dem Chefingeniuer des Traditionsunternehmens, Giulio Alfieri, den Vorschlag zu einem Mittelmotor-Zweisitzer für die Straße gemacht. Und war auf weit offene Ohren gestoßen.

Alfieri, endlich vom argen finanziellen Korsett befreit, legte los. Einzige Vorgabe: Es sollte ein "Granturismo" werden, ein schneller, starker Reisewagen in der so langen und glorreichen italienischen Tradition. Und immerhin weg vom bewährten Frontmotor-Konzept mit den Modellen Mistral und dann schließlich Ghibli (2-Sitzer) und Indy (2+2 Sitze).

Während Alfieri an dem technischen Konzept arbeitete, formte einer die Außenhaut, der sich bei Maserati schon Meriten verdient hatte: Giorgietto Giugiaro, Schöpfer des betörenden Maserati Ghibli, mittlerweile Chef von Ital Design in der Nähe von Turin (und ganz nebenbei Designer des ersten VW Scirocco - auch ein Wind übrigens).

Eleganter Bulle

Was dann anno 1969 unter dem - erst einmal inoffiziellen - Namen Bora auf die Prototypen-Straße kam (Maserati hatte in der Nomenklatur eine Vorliebe für berühmte Winde: Mistral in Südfrankreich, Ghibli in der Sahara, und jetzt eben Bora von der Adria-Nord-/Ostküste), hatte es in sich. Alfieri und Giugiaro hatten fürwahr das Maximum herausgeholt aus dem von der Firmenleitung herausgegebenen Motto, das da "Innovativ, aber keineswegs revolutionär" oder so ähnlich gelautet haben dürfte.

Der Bora war gedrungen, aber nicht plump, kraftvoll, aber nicht wild, spektakulär statt brutal. Eine kurze, stark gewölbte Frontpartie mit einer spitz zulaufenden Haube über einem niedrigen Kühlergrill, der (bei den meisten Bora-Modellen) von einem schwarzen Gitter geschützt wurde, einfache (und nicht Doppel-)Klappscheinwerfer, eine schwungvolle Einrahmung für die Seitenscheiben und vor allem eine riesige, exzessiv verglaste Heckpartie kennzeichneten den nur 4,33 Meter langen, aber 1,77 Meter breiten und gerade mal 114 Zentimeter niedrigen Zweisitzer.

Interessant auch die Sache mit den zwei Rahmen: Motor, Getriebe und Differenzial waren in einem separaten, demontierbaren und gummigelagerten Gitterrohrrahmen behaust, der mit dem Monocoque-Chassis flexibel verbunden war. Das Ergebnis: weniger Vibrationen, niedrigerer Geräuschpegel. Ganz in der kultivierten Tradition des Hauses...

Maserati Bora

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