Luxemburg Vom Auto überrollt

190 000 Arbeitnehmer pendeln jeden Tag aus den benachbarten Ländern Belgien, Frankreich und Deutschland nach Luxemburg.

(Foto: dpa)

Luxemburg leidet unter einer Flut an Pendlern. Nun setzt das Land auf den Ausbau der Schiene - und auf kostenlosen Nahverkehr.

Von Karoline Meta Beisel

Rot leuchtet die Anzeige neben der Fahrerkabine: "De Bus hält", ist dort zu lesen. Gemeint ist damit eigentlich, dass der Bus der Linie 18, mit dem man vom Hauptbahnhof auf den Kirchberg fahren kann, an der nächsten Haltestelle anhalten wird. In Luxemburg könnte der Satz aber auch als allgemeingültige Zustandsbeschreibung durchgehen: Vor allem im Berufsverkehr stehen nicht nur Busse, sondern die ganze Stadt im Stau, so scheint es jedenfalls. Zahlen bestätigen den Eindruck: Während Arbeitnehmer in Deutschland im Durchschnitt mit knapp 50 Kilometern pro Stunde zur Arbeit fahren, sind es in Luxemburg gerade mal 22 Stundenkilometer. Das wirkt sich auch auf die Wirtschaftskraft aus: "Stau zu den Stoßzeiten stellt für Luxemburg immer noch ein ernst zu nehmendes Problem dar, sowohl unter standortpolitischen als auch unter Umwelt-Gesichtspunkten", rügte die Europäische Kommission erst in der vergangenen Woche in einem Länderbericht das Großherzogtum.

Vor diesem Hintergrund klang die Ankündigung von Luxemburgs Verkehrsminister François Bausch im Januar wie ein Heilsversprechen: Egal ob Bus, Regionalzug oder Straßenbahn - von März 2020 an sollen öffentliche Verkehrsmittel in Luxemburg kostenlos sein. Medien auf der ganzen Welt berichteten über das kleine, offenbar sehr progressive Land. Vor allem in Luxemburg selbst äußerten sich schon bald aber auch kritische Stimmen. Sie witterten in der Entscheidung vor allem eine schlaue PR-Maßnahme der damals gerade wiedergewählten Regierung aus Liberalen, Sozialdemokraten und Grünen. Selbst Grünen-Politiker Bausch antwortet auf die Frage, ob die Leute nun alle ihr Auto stehen lassen werden, um zufrieden und umsonst mit Bus und Bahn durchs Land zu reisen: "Nein. Für mich ist das nur das Sahnehäubchen auf dem Kuchen."

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Der Kuchen unter dem Sahnehäubchen ist das umfassende Konzept, mit dem Bausch den Verkehr in Luxemburg insgesamt neu ordnen will. Bis zum Jahr 2025 will er erreichen, was im autoverliebten Luxemburg einer kleinen Revolution gleichkäme: dass mehr Menschen vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel oder das Fahrrad umsteigen; und wenn sie schon mit dem Auto fahren, dann sollen sie wenigstens nicht mehr so oft alleine darin sitzen. "Wir brauchen einen Wandel im Kopf der Leute", sagt Bausch: "Wir sollten uns nicht fragen, wie viele Autos kriege ich auf einer Straße unter, sondern: Wie viele Menschen kann ich auf dieser Straße bewegen?" Ein anschauliches Beispiel für diesen neuen Blickwinkel ist die Autobahn A3, die durch den Süden des Landes führt. Gerade wird sie um eine dritte Spur erweitert - auf der künftig aber nur Busse und Fahrgemeinschaften fahren dürfen.

Auf den geplanten Ausbau des Schienennetzes ist Bausch besonders stolz: 600 Euro will er pro Jahr und Einwohner in die Infrastruktur investieren. Das sei mehr als dreimal so viel wie in Österreich, das im EU-Vergleich auf Platz zwei liegt. Deutschland gibt demnach pro Kopf 64 Euro im Jahr aus, kaum mehr als ein Zehntel der Summe, die Luxemburg investiert. "Wir sind in der EU jetzt vorne", sagt Bausch, nach Jahrzehnten, in denen in Luxemburg das Auto die Stoßstange vorne hatte. Mit den Parametern, die er gewählt hat, stimmt das natürlich. Aber zum einen ist Luxemburg ein reiches Land, das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist fast zweieinhalb mal so hoch wie in Deutschland. Zum anderen fehlt in Bauschs Rechnung ein Faktor, der das Verkehrsaufkommen in seinem Land prägt wie kein zweiter: die Pendler. Etwa 190 000 Menschen fahren jeden Morgen aus den Nachbarländern Frankreich, Belgien oder Deutschland nach Luxemburg mit seinen knapp 600 000 Einwohnern und abends wieder nach Hause.

190 000 Arbeitnehmer

... pendeln jeden Tag aus den benachbarten Ländern Belgien, Frankreich und Deutschland nach Luxemburg hinein - und das bei nur 600 000 Einwohnern in dem kleinen Land. Mit Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr und ins Schienennetz will die Regierung Luxemburgs nun gegensteuern. Laut Verkehrsministerium sollen 600 Euro pro Jahr und Einwohner in den Ausbau der Gleisanlagen fließen. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Wert bei 64 Euro.

In Bauschs Report heißen die Pendler zwar "Grenzgänger". Aber auch bei ihnen ist das Auto das beliebteste Verkehrsmittel, um zur Arbeit zu kommen - was nicht nur an fehlenden oder überlasteten Zugverbindungen liegen dürfte. Sondern auch daran, dass der Sprit in Luxemburg wegen der günstigen Steuern auch nach einer leichten Preiserhöhung Anfang Mai immer noch viel billiger ist als in den Nachbarstaaten. Auch hier könnte man also ansetzen, um das Autofahren unattraktiver zu machen, zumal als grüner Verkehrsminister. Nur: Das will Bausch gar nicht. Stattdessen hofft er, dass all die Ideen für neue Radwege, Trambahnen und Eisenbahnverbindungen bei den Leuten ganz automatisch zum Umdenken führen. "Ich mache keine Politik gegen das Auto, sondern für eine andere Mobilität", sagt Bausch.

Was das konkret heißt, kann man auf dem Kirchberg sehen, wo neben Bauschs Verkehrsministerium auch die europäischen Institutionen und ein Museum für moderne Kunst ihren Sitz haben. Früher zerschnitt hier eine Stadtautobahn die Landschaft. Der neue Boulevard teilt diese zwar noch immer in zwei Hälften, aber ein paar Autospuren mussten weichen, um einem gut ausgebauten Radweg, einer Umsteigestelle zur Eisenbahn und der im Jahr 2017 wiedereröffneten Trambahn Platz zu machen. Die alte Straßenbahn musste 1964 Platz machen für mehr Straßenverkehr. Diesmal war es andersherum.

Aber nicht alle Einwohner profitieren schon von den vielen Veränderungen. Der Journalist Patrick Besch wohnt im Süden des Landes, nahe der Grenze zu Frankreich. Mit der Bahn bräuchte er nur eine gute Viertelstunde in die Redaktion in der Innenstadt. Trotzdem fährt er meistens mit dem Fahrrad, manchmal auch mit dem Auto, obwohl das dreimal so lange dauert. "Die Bahn ist sehr unzuverlässig", sagt Besch. "Zu oft steht man im Nirgendwo und weiß nicht, wie man von da aus weiterfahren kann." Dass das Land jetzt in den Schienenausbau investiert, findet er zwar gut. Aber der Ausbau komme zu spät, und auch zu langsam. Bisher habe sich weder für die Luxemburger noch für die Pendler etwas zum Positiven verändert, eher im Gegenteil: "Überall sind Baustellen. Der Verkehr ist gerade noch stressiger als sonst."

Dem Stau auf dem Fahrrad davonzufahren, kommt für viele Luxemburger nicht infrage - das liegt aber nur zum Teil an der Topografie der Stadt: Luxemburg ist auf mehreren Plateaus (und in den Tälern dazwischen) erbaut, die durch hohe Brücken miteinander verbunden sind. Das sieht hübsch aus und gibt beim Profi-Radrennen "Tour de Luxembourg" eine spannende Etappe mit schönen Fernsehbildern. Für Alltagsradler ohne E-Bike ist das Gelände aber zumindest anspruchsvoll.

Radfahrer werden noch immer als Problem gesehen - und nicht als Teil der Lösung

Von Beschs Freunden würden viele trotzdem gerne aufs Rad umsteigen. Aber sie fühlen sich auf der Straße nicht sicher. Im Jahr 2017 veröffentlichte das Auswärtige Amt in Berlin wegen der vielen Verkehrsunfälle in der Stadt sogar einen Sicherheitshinweis für Reisende. Tatsächlich sieht man auf Luxemburgs Straßen im Vergleich zu anderen europäischen Großstädten deutlich weniger Fahrradfahrer, auch wenn der Kauf eines Rades inzwischen sogar vom Staat bezuschusst wird.

Wie der Verkehrsminister glaubt auch Journalist Besch, dass es in Luxemburg einen Bewusstseinswandel braucht. "Der schwierigste Kampf wird sein, die Leute aus den Autos rauszubekommen", sagt er. Luxemburg ist ein Land der Autonarren, auf 1000 Einwohner kommen hier 670 Kraftfahrzeuge - auch das ist ein europäischer Rekord. Jedes Jahr Ende Januar feiert das Land ein Autofestival; 2018 ist die Zahl der neu zugelassenen Kraftfahrzeuge sogar noch einmal gestiegen. Der Luxemburger sitze lieber allein in seinem Auto, als mit 30 anderen in einem Bus, sagt Besch. Fahrradfahrer würden im Straßenverkehr eher als Hindernis begriffen, ohne zu sehen, dass jedes Fahrrad auf der Straße im Zweifel ein Auto weniger bedeute. Kurz: Alles, was kein Auto ist, hat in Luxemburg nach wie vor eine schlechte Lobby, allen Investitionsmaßnahmen zum Trotz.

Diese Diagnose würde vermutlich sogar François Bausch unterschreiben. Insofern ist das mit dem kostenlosen Nahverkehr vielleicht tatsächlich eine PR-Maßnahme. Aber eben nicht nur für die Regierung, sondern auch für gar nicht mehr so neue Arten, sich fortzubewegen.

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