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Luftverkehr:Von der Realität noch weit entfernt

Auch das Innere der Kabine soll nicht mehr viel mit dem zu tun haben, was man heute in Passagierflugzeugen vorfindet. Anstelle von Kabeln wird in der künftigen Struktur ein neurales Netzwerk verlegt, vergleichbar den menschlichen Nervenbahnen. "Ein intelligentes, drahtloses Netzwerk mit einer Vielzahl von Sensoren, die Messungen aller Art vornehmen - von der Strukturbelastung, der Umgebungstemperatur bis hin zur Fähigkeit, bestimmte Merkmale eines jeden einzelnen Passagiers zu erkennen", so Wuggetzer.

Mobiles Leben

Sogar einen virtuellen Golfplatz soll es in den Passagierjets der Zukunft geben.

Gekoppelt mit völlig neuartigen Sitzen aus formverändernden Materialien, etwa Metallen oder Polymeren, soll sich der Flugkomfort wesentlich besser den individuellen Bedürfnissen der Fluggäste anpassen. Möglich soll es zudem werden, die Sitzabstände je nach gezahltem Tarif oder der Auslastung des Fluges gemäß zu verändern. Auch die starre Einteilung in Klassen an Bord wird es, den Visionen folgend, nicht mehr geben; an deren Stelle sollen unterschiedliche Zonen treten, die die Ingenieure "Vitalisierung", "Smart Tech" und "Interaktiv" nennen.

Dank neuer Technologien bieten sich bislang ungeahnte Möglichkeiten. Etwa die holographische 3-D-Projektion von Bordunterhaltung - möglich wären virtuelles Golfspiel oder die Möglichkeit, die im Bordverkauf angebotene Kleidung virtuell anzuprobieren. "Statt der heute eingesetzten Bildschirme wird es an jedem Platz die 3-D-Projektion geben", erwartet Wuggetzer. Der Strom zum Betrieb solcher Applikationen könnte durch sogenannte Energie-Ernte gewonnen werden - damit soll über den Sitz die vom Fluggast abgegebene Körperwärme aufgenommen und mit anderen Energiequellen wie Solarzellen kombiniert genutzt werden, um Kabinenfunktionen zu versorgen.

Natürlich soll das alles nachhaltig und vollständig recyclebar sein. So wird zum Beispiel darüber nachgedacht, für Sitze ökologisch abbaubare Pflanzenfasern einzusetzen, die genau in der gewünschten Form gezüchtet werden. Die verwendeten Werkstoffe könnten außerdem selbstreinigend wie bei einer Lotusblüte sein oder sich dank Nanotechnologie selbst reparieren. Zu schön, um wahr zu sein? "Es gibt keine realistische Vision", gesteht Wuggetzer zu, aber: "Wir müssen heute mit Neuem und Unbekanntem anfangen. Und dafür ist es wichtig, jenseits gewohnter Dimensionen zu denken."

Für dieses Ziel brauchen Flugzeughersteller wie Airbus vor allem fähige Mitarbeiter - und die sollen schon heute durch Visionen wie der vom Kabinenkonzept 2050 begeistert werden. "Wir nutzen die Debatte, um Talente anzulocken, die bei uns die Zukunft gestalten wollen", erklärt Charles Champion, oberster Airbus-Ingenieur. Ob die Innovationen bis 2050 tatsächlich kommen werden, vermag auch Interior-Designer Luke Hawes nicht zu sagen. Er ist sich aber sicher: "In der Kabine werden aufregende Sachen passieren."

© SZ vom 22.8.2011/gf

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