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Verkehrssicherheit:Wie sich Abbiegeunfälle zwischen Lkw und Radler vermeiden lassen

LKW-Unfall in Hamburg: Eine Fahrradfahrerin stirbt im Mai 2018 nach einem Abbiegeunfall in der norddeutschen Hansestadt.

Am Lkw gab es kaum Schäden, aber die 32-jährige Radfahrerin ließ bei diesem Unfall in Hamburg ihr Leben.

(Foto: dpa)
  • In München und Hamburg kamen an diesem Montag zwei Radfahrerinnen bei Kollisionen mit Lastwagen ums Leben. Die Lkw-Fahrer übersahen sie jeweils beim Rechtsabbiegen.
  • Es gibt bereits Initiativen, die sich für mehr Sicherheit bei diesem Unfallszenario einsetzen.
  • Die Forderungen reichen von verpflichtenden Abbiegeassistenten über ein neues Design der Lastwagen bis hin zu Veränderungen bei der Infrastruktur.

Es war ein tragischer Montag. Es war ein Tag, der zeigte, wie viele Lücken es beim Thema Verkehrssicherheit noch gibt. Fast gleichzeitig starben in München und Hamburg zwei Radfahrerinnen auf die gleiche Weise: Ein neunjähriges Mädchen und eine 32-jährige Frau wurden jeweils von einem Lastwagen erfasst. Deren Fahrer wollten nach rechts abbiegen, während die Radlerinnen rechts neben ihnen in Geradeausrichtung unterwegs waren und bei grüner Ampel die Fahrbahn überqueren wollten. Es kam jeweils zu Zusammenstößen, bei denen die ungeschützten Radlerinnen gegen die Lkw-Kolosse keine Chance hatten.

Es sind zwei Fälle, die diesen Unfallhergang in den öffentlichen Fokus rücken - und viele Fragen danach aufwerfen, wie solche Unglücke künftig verhindert werden sollen.

Wie viele solcher Unfälle gibt es?

Eine genaue statistische Erfassung ist schwierig, weshalb viele unterschiedliche Zahlen zu diesem Szenario kursieren. Eine Initiative von Bundestagspolitikern bezieht sich auf das Statistische Bundesamt. Demnach kam es zwischen 2012 und 2016 zu 620 derartigen Unfällen mit Verletzten, wobei 40 Radfahrer ums Leben kamn. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) nennt 38 auf diese Weise zu Tode gekommene Radler für das Jahr 2017. Im gerade einmal gut vier Monate alten Jahr 2018 seien schon 15 Velofahrer durch rechtsabbiegende Lkw getötet worden; der ADFC geht bis zum Jahresende von mindestens 40 bei diesem Szenario getöteten Radlern aus. Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) schätzt, dass etwa ein Drittel der von einem Lastwagen getöteten Radfahrer auf das Konto von Abbiegeunfällen geht. Demnach wären das 2016 fast 26 von 77 Verkehrstoten gewesen.

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Wie sieht die Tendenz aus?

Es zeigt sich ein allgemeiner Trend: Die Gesamtzahl der Verkehrstoten sinkt, von Jahr zu Jahr sterben signifikant weniger Autofahrer. Aber die Zahl der getöteten Radfahrer stagniert oder steigt in einzelnen Jahren sogar an. Bei Abbiegeunfällen ist der Trend geradezu besorgniserregend: Der Bundestagsinitiative zufolge verunglückten 2016 dabei mehr als 30 Prozent Fahrradfahrende mehr als noch fünf Jahre zuvor. Auch der ADFC und die UDV stellen einen Anstieg solcher Unglücke fest. Die Erklärung dafür ist simpel: Sowohl der Güter- als auch der Radverkehr in den Städten nimmt zu. Da kommt es zwangsläufig zu mehr gefährlichen Situationen dieser Art.

Welche baulichen Veränderungen können die Sicherheit für Radfahrer erhöhen?

Infrastruktur und Ampelregelungen müssen besser auf die Sicherheit von Radfahrenden abgestimmt werden, fordert der ADFC. Kommunen reagieren auf diese Forderung allerdings meist zaghaft: "Wir wollen mehr Radwege rot einfärben, damit sie besser sichtbar sind und bei Auto- und Lastwagenfahrern stärker ins Bewusstsein kommen", sagt Johannes Mayer, Pressesprecher des Münchner Kreisverwaltungsreferates. Weitere Möglichkeiten seien größere Ampeln auf der gegenüberliegenden Kreuzungsseite, zusätzliche gelbe Blinklichter und eine angepasste Ampelschaltung, die für rechtsabbiegende Autofahrer Rot zeigt, während geradeausfahrende Radler Grün haben.

Aber auch getrennte Ampelschaltungen für Auto- und Radfahrer sind keine Garantie dafür, dass es nicht zu Fällen wie mit dem neunjährigen Mädchen kommt. Dieses verunglückte an einer Kreuzung, an der die Ampeln abwechselnd geschaltet sind. Der Lastwagenfahrer fuhr wohl bei Grün in eine Kreuzung, auf der der Verkehr stockte. Als der Verkehr abfloss und er die Kreuzung räumen wollte, zeigte die Radfahrerampel bereits Grün und der Unfall geschah. "Für diesen konkreten Fall infrastrukturell noch etwas zu verbessern, ist schwierig", sagt Mayer.

Weshalb übersehen die Lkw- die Radfahrer?

Deshalb setzen die politischen Initiativen bei den Fahrzeugen an. Deren Seitenfenster befinden sich sehr weit oben. Selbst ein aufrecht sitzender erwachsener Radler erreicht nicht die erforderliche Höhe, um allein beim Blick durch das Seitenfenster wahrgenommen zu werden, geschweige denn ein neunjähriges Kind. Der Lkw-Fahrer sitzt zudem weit links und hat deshalb einen großen Abstand zum rechten Fahrbahnrand. Das ergibt einen riesigen toten Winkel. Zwar sind schon seit vielen Jahren zusätzliche Weitwinkelspiegel vorgeschrieben, aber sie reichen offensichtlich nicht aus, um alle derartigen Unfälle zu verhindern. Sei es, weil die Spiegel den Radler gar nicht erfassen oder weil der Lastwagenfahrer trotzdem Schwierigkeiten hat, den im Vergleich zu seinem Fahrzeug sehr kleinen Verkehrsteilnehmer korrekt wahrzunehmen.

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Wie ließe sich das lösen?

Die Politiker hinter der Bundestagsoffensive fordern starke Veränderungen im Design von Lastwagen. Die Fahrerkabine solle heruntergesetzt werden, dadurch ergäbe sich eine niedrigere Sitzposition des Fahrers. Zudem verlangen sie bodentiefe Fenster, was in Kombination sowohl die Sicht des Lkw-Fahrers verbessern als auch die toten Winkel stark verringern soll. Einem Arbeitspapier der EU-Kommission zufolge könnten allein dadurch innerhalb der Europäischen Union 553 Menschenleben jährlich gerettet werden.

Welche technischen Hilfen gibt es?

Einige Lkw-Hersteller bieten für ihre Fahrzeuge Abbiegeassistenten an. Dabei überwachen Sensoren den Bereich vor und neben dem Lastwagen und warnen den Fahrer, wenn sich dort ein Fußgänger oder Radfahrer befindet. Ist dies der Fall, fährt der Laster erst gar nicht an oder leitet eine Bremsung ein, sollte der Lkw-Fahrer die Hindernisse übersehen. Das Problem: Zur Serienausstattung gehören diese Systeme meist nicht, viele Speditionen verzichten aus Kostengründen darauf, ihre Fahrzeuge mit den aufpreispflichtigen Optionen auszustatten. Entsprechend gering ist ihr Verbreitungsgrad. Auch die Möglichkeit, die Technik nachzurüsten, wird derzeit nur selten genutzt.

Wie könnte sich das ändern?

Der ADFC fordert schon seit 2012, dass Abbiegeassistenten in Lastwagen zur Pflicht werden. Die vorherige Bundesregierung hatte auch ein Verfahren angeschoben, das derzeit bei der EU liegt und dort nicht vorankommt. Nun gibt es nicht nur die Bundestags-, sondern auch eine Bundesrats-Initiative, die dies ebenfalls verlangt. Solange die EU sich nicht bewege, müsse es eben eine nationale Regelung geben. Welch Potenzial in der Technik steckt, hat die UDV bereits untersucht. Sie geht davon aus, dass sich etwa 60 Prozent aller schweren Lkw-Fahrrad-Unfälle vermeiden ließen, würden Abbiegeassistenten bei Lastwagen zur Pflichtausstattung gehören.

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