Leinwand statt Windschutzscheibe Die Welt ist eine Scheibe

Nur als Windschutz viel zu schade: Die Frontscheibe wird zur Projektionsfläche einer digitalisierten Welt. Sie kann im Auto Küchenchefs zum Sprechen bringen, einen Jazz-Club spielen lassen und wird zur Wegbereiterin des autonomen Fahrens.

Von Joachim Becker

Im Fernsehen ist die Abseitsfrage ganz schnell beantwortet: Der Computer zieht einfach eine farbige Linie durch das Kamerabild. Eine derart digital erweiterte Realität soll künftig auch den Fahrer über wechselnde Fahrspuren lotsen. Augmented Reality heißt das Computerspiel, das die Windschutzscheibe in einen transparenten Bildschirm verwandelt. Information über den Straßenverlauf, Tankstellen oder Hindernisse können ebenso in das Sichtfeld projiziert werden wie anklickbare Symbole über öffentliche Gebäude oder Sehenswürdigkeiten. Im Auto muss die Überlagerung der Wirklichkeit allerdings in Echtzeit geschehen: Intuitiv sollen die Lenkbewegungen des Fahrers den dreidimensionalen Navigationspfeilen durch den Großstadtdschungel folgen.

Auf Auto- und Computermessen ist die schöne neue Animationswelt ein beliebter Blickfang. Daimler präsentierte auf der Consumer Electronics Show 2012 all das, was sich die Designer unter einem "revolutionären Kundenerlebnis" vorstellen. Die Stuttgarter hatten ein futuristisches Fahrzeuginterieur mit allem vollgepackt, was die moderne Projektions- und Displaytechnologie hergibt.

Blasse Geister auf der transparenten Mattscheibe

Unter dem Kürzel DICE (engl.: Würfel oder "Dynamic & Intuitive Control Experience") mutierte die Armaturentafel zu einem Riesenmonitor, der selbst die beiden Bildschirme in der neuen Mercedes S-Klasse überragt. Darüber hinaus ließ sich die Frontscheibe fast beliebig mit Augmented Reality illuminieren: Die Gesprächspartner in Videotelefonaten erschienen als blasse Geister auf der transparenten Mattscheibe. Im Vorbeifahren konnte man auch tief in die Töpfe und tagesaktuellen Menüs der Restaurants schauen. Ein Handzeichen genügt, um Küchenchefs zum Sprechen zu bringen oder die Musik, die in einem Jazz-Club gespielt wird, per Livestream ins Auto zu holen.

Scheinbar wird der digitale Lifestyle zum unverzichtbaren Bestandteil des automobilen Lebens. Laut einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey erwarten knapp 70 Prozent der unter 40-Jährigen, dass ihnen das Auto in den kommenden zehn Jahren einen sicheren Zugang zu ihren persönlichen Daten und Netzwerken ermöglicht. Die Kunden wollen noch mehr Mobilität und Unabhängigkeit - was die Industrie von einem neuen Geschäftsmodell träumen lässt: "Weltweit verbringt der durchschnittliche Autofahrer, also Fahrer oder Beifahrer, heute etwa 50 Minuten des Tages im Auto. Das ist ein enormes wirtschaftliches Potenzial", sagt McKinsey-Studienleiter Andreas Cornet. Jede Minute dieser Zeit ist bares Geld für denjenigen, der orts- oder kontextabhängige Dienste anbietet. Es geht um einen Milliardenmarkt. Entsprechend erpicht sind Automobilhersteller sowie Telekom- und Internetfirmen darauf, das Auto mit einem universellen Datenstrom zu fluten.

"So wie ein Smartphone weit mehr sein kann als nur ein Kommunikationsinstrument, so kann auch ein smartes Auto mehr sein als nur ein Transportmittel. Gerade an den Schnittstellen von Kommunikation und Mobilität schlummern riesige Innovationspotenziale. Die wollen wir heben", kündigte Daimler-Chef Dieter Zetsche auf der CES 2012 an. Noch verhindern die Zulassungsbehörden hierzulande, dass das Auto zum Beiwerk der Unterhaltungselektronik degradiert wird.

Vom kommenden Jahr an ist Video-Streaming möglich

Fakt ist allerdings, dass die Datenübertragung auch im Auto auf LTE-Tempo beschleunigt: Durch Übertragungsgeschwindigkeiten wie im heimischen Festnetz wird Video-Streaming nächstes Jahr im Auto möglich sein. Je selbständiger der fahrbare Untersatz Gas gibt, bremst und lenkt, desto mehr Aufmerksamkeit bleibt hinter dem Steuer für das digitale Flimmern und Rauschen. Das (teil-)autonome Fahren setzt sogar eine computeranimierte Wirklichkeit voraus: Nur wenn der Fahrer ständig nachvollziehen kann, was die Fahrzeugsensorik erkennt, vermag er seiner gesetzlich vorgeschriebenen Aufsichts- und Kontrollpflicht nachzukommen.

Auf der IAA in Frankfurt hat Mercedes gerade die erste Fahrt ohne Fahrer durch einen dicht besiedelten Ballungsraum in Deutschland gefeiert. Doch nicht alles, was auf gut 100 Kilometer technisch machbar ist, erscheint für den Kunden im Alltag auch sinnvoll. Während der autonomen Bertha-Benz-Gedächtnistour von Mannheim nach Pforzheim markierte die Augmented Reality sowohl vorausfahrende Autos als auch querende Fußgänger und Bordsteinkanten.