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Legendäre Rennstrecke:Unterwegs auf der Nordschleife, wo das Auto noch ein Held ist

Touristenfahrt auf der Nürburgring-Nordschleife: Hobby-Racer fahren mit ganz normalen Autos über die anspruchsvollste Rennstrecke der Welt.

(Foto: Nürburgring)

Deutschlands Diesel-Debatten interessieren am Nürburgring keinen. Hier gibt es nur die Strecke, die Boliden und die Fahrer.

Mag sein, dass die Nation aufgeregt über das Auto diskutiert. Über Diesel, Abgase und Stickoxide, über drohende Fahrverbote, E-Auto-Quoten und ein Verbot von Verbrennungsmotoren. In der Eifel sind diese hitzigen Debatten ganz weit weg. Abgeschottet durch eine unsichtbare Grenze, die hinter den grünen, oft bewaldeten Hügeln verläuft. Hier, irgendwo zwischen den Städtchen Bad Neuenahr-Ahrweiler, Mayen und Bitburg, ist ein Leben ohne das Auto schlicht nicht vorstellbar.

Woanders mag es verteufelt werden, hier wird ihm gehuldigt. Stolz fahren die Menschen ihre nachgerüsteten Spoiler, Auspuffanlagen und Breitreifen spazieren. Und die Autos jener Sorte, die auf abgesperrten Pisten besser aufgehoben sind als auf öffentlichen Straßen. Porsche 911 GT3 RS, Lotus Exige S, Nissan 370Z Nimso, diese Kategorie. Nicht die anonyme Massenware, die einem in weiten Teilen der Republik begegnet. Hier darf dem Auto das Besondere anhaften.

Wer die Autobahnen 61 und 48 hinter sich lässt und sich über die Landstraßen zu den Städtchen Adenau und Nürburg vorarbeitet, findet den Lockstoff der PS-Freaks, Oktan-Jünger und Ideallinien-Fetischisten: den Nürburgring. Immer mal wieder lässt sich dessen Asphaltband hinter den Waldlichtungen erspähen. Dass sich hier die anspruchsvollste und berühmteste Rennstrecke der Welt befindet, ist aber erst auf den letzten Kilometern vor dem Ziel zu spüren. An den Stellen, die Brünnchen, Pflanzgarten oder Schwalbenschwanz heißen. Und natürlich rund um das Devil's Diner, dessen Parkplatz an diesem Freitagmorgen im Sommer gut gefüllt ist. Aber nicht wegen des Frühstücks und der Burger, obwohl das alles ziemlich schmackhaft ist. Sondern weil hier drei gelbe Schranken die Fahrt auf die Nordschleife freigeben.

Spätestens hier zeigt sich, dass der Nürburgring eine Pilgerstätte ist, ein Wallfahrtsort der Autoverrückten. Von überall kommen sie, um sich auf den 20,8 Kilometern der Nordschleife auszuleben. Nicht nur aus der gesamten Republik und den nicht weit entfernten Benelux-Ländern, auch aus der Schweiz und Großbritannien. Vor allem aus Großbritannien. Es ist unglaublich, wie viele Briten den Weg über den Ärmelkanal, durch Frankreich und Belgien bis in die Eifel auf sich nehmen, um ihre Autos möglichst schnell durch die 73 Kurven zu jagen. Und wie oft sie und alle anderen das Kassenhäuschen aufsuchen, um 30 Euro zu bezahlen - pro Runde, die je nach Qualität der Fahrkunst und/oder des Autos nach etwa zehn Minuten vorbei ist. Wer in der Nähe wohnt, gönnt sich die Saisonkarte: Flatrate-Fahren für 1900 Euro im Jahr.

Bunte Automischung an der Nordschleifen-Zufahrt

So bunt sich die Nationen auf dem Parkplatz mischen, so abwechslungsreich gestaltet sich die Fahrzeugauswahl, sie erinnert an ein Renn-Videospiel. Natürlich trifft man hier die eingangs erwähnten Autos wieder. Auch richtig teure Sportwagen wie einen Ferrari 458 Speciale. Oder Exoten wie den Nissan Skyline GT-R R34, eine Auto-Ikone für Playstation-Racer und Japan-Enthusiasten.

Die meisten bringen jedoch Gefährte mit zum Nürburgring, die in der Szene als Tracktools firmieren. Die mal brave Straßenautos waren, aber von ihren Besitzern mit überschaubarem finanziellen Aufwand für die Rennstrecke optimiert wurden. Statt einer Rückbank gibt es stabile Überrollkäfige, statt dick gepolsterter Sessel gibt es Schalensitze, die den Fahrerkörper wie ein Schraubstock in ihre Mitte nehmen. Statt Radio und Navi gibt es Zusatzinstrumente, einen Notausschalter und viele schwarze Löcher in der Mittelkonsole - jedes fehlende Gramm macht das Auto schließlich schneller. Besonders beliebt sind ältere BMWs, aber auch viele andere Modelle scheinen vorzüglich zum Tracktool zu taugen. Dass die aktuelle Leistung der Motoren und deren Abgasausstoß deutlich über dem Niveau des früheren Serienzustandes liegen, hört und riecht man.

Das nach subjektivem Eindruck meistbeachtete und meistfotografierte Auto ist an diesem Tag aber ein orangefarbener McLaren 570S. Mit diesem britischen Sportwagen sind wir, ein zweiköpfiges Team der SZ, angereist, um ein 360-Grad-Video zum Jubiläum des Nürburgrings zu drehen - die Rennstrecke wird 2017 schließlich 90 Jahre alt. Selbst hier, in der PS-Hochburg Eifel, ist der McLaren eine Rarität. Immer wieder kommen die Tracktool-Fahrer und die Zuschauer auf uns zu und stellen Fragen: "Wie fährt er sich?" Sehr präzise, man kann kaum etwas falsch machen. "Wie schnell ist der?" Null auf Hundert in 3,2 Sekunden, 328 km/h Topspeed. "Was kostet der?" 181 750 Euro. Aber er gehört nicht mir, sondern McLaren. Ein anerkennendes Kopfnicken später kümmern sich die Fragesteller wieder um ihre eigenen Autos. Manchen von ihnen ist anzumerken, dass sie kurz im Kopf nachrechnen, wie lange sie für einen McLaren sparen müssten.