Kulturgeschichte der Autogestaltung Das Ende des Retro-Designs

Dann kam die globale Wende. Anfang der neunziger Jahre schien nichts mehr, wie es war. Der Glaube an die Unendlichkeit gesellschaftlicher Modelle, wirtschaftlicher Entwicklungen und dem damit verbundenen, stetigen Wachstum war erschüttert.

Chrysler PT Cruiser

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Die Zeit war plötzlich eine andere und mit ihr gehörten deren wichtigste Kosum-Ikonen buchstäblich zum alten Eisen. In der Gesellschaft richtete sich das, was man gemeinhin als Zeitgeist bezeichnet, neu aus. Aus vermeintlich unerschütterlichem Zukunftsglauben wurde Unsicherheit, teils Zukunftsangst und wertkonservatives Verhalten. Schneller als geahnt war sie wieder da, die gute alte Zeit.

Nichts muss die Autoindustrie mehr fürchten, als solch rasante Brüche in der gesellschaftlichen Wahrnehmung, denn sie bewegt sich mit ihrer Reaktionszeit von ungefähr vier Jahren mit der Agilität eines vollbeladenen Tankers ungern in solch unbekannten Fahrwassern des Marktes.

Dieser Trägheit geschuldet konnte sie der neuen Generation der Autokäufer auch nicht sofort das passende automobile Accessoire des neuen Zeitalters anbieten. Der Käufer behalf sich mit für die Hersteller unangenehmem, weil schwer berechenbarem Kaufverhalten.

Die Reanimation fast begrabener Karosserieformen wie Cabriolet und Roadster begann. Viele Käufer trösteten sich gleich mit den gebrauchten Modellen aus der guten, alten Zeit - der deutschenglische Begriff des Youngtimers musste geschaffen werden, um das Phänomen benennen zu können.

Tradition: das Gegenteil von "retro"

Erste nach außen hin wahrnehmbare Maßnahme der aufgeschreckten, aber durch die große Menge der global hinzugekommenen potentiellen Käufer hochmotivierten Automobilindustrie war ein vehementes Bremsen bei der Modernisierung im Design der Serienfahrzeuge - abzulesen an einer mitunter verwirrenden Ungleichheit der immer noch der Moderne verpflichteten aktuellen Showcars und der zeitgleich erscheinenden Serienmodelle.

Nach dem ersten vollständigen Entwicklungszyklus hatten sich Mitte der Neunziger zwei Hauptentwicklungsrichtungen etabliert. Die eine, jetzt paradox "traditionalistisch" zu nennende Fortsetzung der kontinuierlichen, aber vorsichtigeren Modernisierung der Konzepte und Formensprache im Design und die andere - das Retrodesign.

Wer es sich kraft seiner Firmenstruktur und Produktvielfalt leisten konnte, setzte auf beide Pferde, um jeglicher Richtungsänderung der Präferenzen der Käufer gewachsen zu sein oder diese so gut es geht im eigenen Sinne zu beeinflussen.

Eines der markantesten reinen Retromobile ist der PT Cruiser von Chrysler, der in bis dahin nicht gekannter Sorglosigkeit die Einheit von Inhalt und Form als gestalterische Grundregel ignoriert und für das Automobildesign ein Wurmloch in die fünfziger Jahre öffnete. Der Konsens, nach welchem Nachfolger moderner auszusehen hätten als Vorgänger, war zumindest für Nischenmodelle pulverisiert.

Eine nächste und höhere Stufe der breiten Etablierung des Retrodesigns wagte BMW mit dem Mini. Im Kerngeschäft auf bewährte Konzepte und innovative Formensprache setzend, wurde mit gutem Augenmaß und sicherem Marketingabstand zu den ersten Retro-Testballons der Mitbewerber der konzeptionell geniale, aber seinerzeit schon eher verhalten gezeichnete Mini in die Gegenwart befördert. Schon jetzt ist er zur Ikone seiner Epoche geworden.

Die Dämme der Zurückhaltung gegenüber der Retrowelle brachen nicht zuletzt durch den großen Markterfolg des Mini, während sich ein wirklich innovatives Konzept wie der Smart mit Mühe seine Käufer suchen musste.

Im dritten Teil: Was wird bleiben, was wird kommen?

Cpt. Kirks Privatwagen

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