Kolumne Die Kunde vom König

Ein Mann steht in der Schlange beim Reifenservice. Einen Termin möchte er nicht, lieber wäre es, wenn er das Auto einfach da stehen lassen könnte. Doch dabei hat er nicht bedacht, dass die Werkstatt aktuell mit einem ziemlichen Problem zu kämpfen hat.

Von Marco Völklein

Hat der Mann da vorne in der Warteschlange in der Autowerkstatt tatsächlich gerade "Winterreifen" gesagt? Nun ja, er ist wohl gerne etwas früher dran. Die Winterreifen wolle er aufziehen lassen, sagt er dem Mitarbeiter an der Auftragsannahme nun noch einmal. Und das in der ersten Septemberwoche. Na klar, sagt der Mann von der Werkstatt, das sei kein Problem. "Der Kunde ist König." Nur: Aktuell fehlten einige Kollegen. Zwei sind krank, drei im Urlaub, wie das halt so ist. "Sie kennen das ja", sagt er schulterzuckend. "Fachkräftemangel." Einen Termin könne er anbieten für den Räderwechsel, aber erst in gut acht Tagen.

Der Kunde schaut verwundert. "Einen Termin?" Den habe er doch noch nie gebraucht. Er arbeite direkt im Gebäude nebenan, im Frühjahr habe er doch auch keinen doofen Termin gebraucht. Da konnte er den Wagen einfach abstellen und später wieder holen. "Ich komme gerne auch erst morgen oder übermorgen wieder und hole das Auto", unterbreitet er ein Kompromissangebot. "Ich habe da überhaupt keinen Zeitdruck."

Doch der Mitarbeiter bleibt hart. Und schildert erneut die Misere bei der Personalplanung: drei Leute im Urlaub, zwei krank. Und dann seien da ja auch noch die vielen, vielen Aufträge, die da ständig reinkämen. "Ich kann Ihnen sagen: Hier ist schwer was los zurzeit." Einfach das Auto auf den Hof stellen, "das geht nun beim besten Willen nicht mehr".

Na gut, sagt der Kunde - und bucht zähneknirschend den Termin für den Reifenwechsel in der kommenden Woche. "Und die Sommerreifen sollen wir dann wieder einlagern?", raunt der Mann von der Werkstatt, mehr Aussage als Frage. "Nein, nein", wehrt der Kunde rasch ab. Die sollen die Monteure bitte in den Kofferraum legen. "Für den nächsten Radwechsel such' ich mir eine flexiblere Werkstatt." Den Mann an der Auftragsannahme schreckt das nun kaum. Die Auftragslage scheint wirklich sehr gut zu sein. Er zuckt nur noch mal mit den Schultern. "Auch gut", sagt er. "Der Kunde ist König."