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Kleiner Crossover:Durstiger Provokateur

Eine wilde Mischung aus Kleinwagen und SUV: der Nissan Juke. Die schräge Heckscheibe erlaubt nur einen minimalen Ausblick nach hinten.

(Foto: Nissan)

Der Nissan Juke ist gefälliger geworden. Auch die Assistenten passen. Wenn nur nicht der Spritverbrauch wäre.

Autofahren ist in diesen Zeiten eine seltsame Angelegenheit. Auf einmal ist es so, wie es sich jeder morgens im Stau insgeheim gewünscht hat: Ach, was wäre es schön, allein zu sein, endlich freie Fahrt. Jetzt ist sie da, die freie Fahrt, genießen lässt sie sich aber nicht. Das Corona-Virus hat die Welt fest im Griff, die Deutschen bleiben zu Hause. Außer, sie sind dienstlich unterwegs. Auf der Autobahn fahren nur noch Lkws, Handwerker in ihren Transportern, vereinzelte Privatautos. Auf den Landstraßen und in den kleinen Orten um München herum ist es noch bedrückender: kaum noch Autos, Radfahrer, Fußgänger.

Der Nissan Juke ist der letzte Testwagen, der es vor den Ausgangsbeschränkungen in den Verlag schafft. Ein sogenannter Crossover, ein Zwitter aus allen möglichen Gattungen: SUV, Kleinwagen, Coupé, für jeden etwas oder im Zweifelsfall auch einfach zu viel des Guten. Vor zehn Jahren war Nissan damit Vorreiter, heute hat jeder Hersteller so ein Mini-SUV im Programm. Fiat 500X, Skoda Kamiq, Renault Captur, VW T-Cross, die Liste ist lang. Die erste Generation des Nissan Juke polarisierte mit ihrer Frosch-Optik, der Neue ist immer noch erfrischend anders mit seinen langgezogenen schmalen Scheinwerfern und den nach hinten fliehenden Formen. Die Fensterlinien sind hoch, die C-Säule breit, die Heckscheibe nur ein schmaler Schacht. Das hat natürlich Nachteile. Rückwärts einparken entwickelt sich zu einer Gefühlssache, es sei denn eine Kamera am Heck wäre an Bord, die gibt es aber erst in der Modelllinie "Acenta".

Das größere Platzangebot bezahlen die Kunden mit einem deutlich höheren Preis

Dann kostet der Nissan Juke bereits 21 000 Euro, was vergleichsweise teuer ist, der Basispreis des kleinen SUVs liegt bei 19 000 Euro und hat im Vergleich zum Vorgänger bereits um 2500 Euro zugelegt. Der Hersteller erklärt das mit dem größeren Platzangebot. Im ersten Nissan Juke bekamen bereits Kinder auf der Rückbank Nackenstarre, jetzt können auch Erwachsene dort passabel Platz nehmen. Die Decke ist höher, der Radstand ist um zwölf Zentimeter gewachsen, weswegen es vor allem auf den Vordersitzen durchaus komfortabel ist. Der Kofferraum fasst 422 Liter und liegt dabei beispielsweise deutlich über dem aktuellen VW Golf. Überhaupt hat Nissan im Juke einiges verbessert. Die Innenausstattung ist hochwertiger, im Testwagen wechseln sich Kunststoff und Alcantara ab und es gibt eine durchaus eindrucksvolle Auswahl an Sicherheitssystemen. Besonders hervorzuheben ist das automatisierte Fahren, das in dieser Klasse selten ist. Der Juke beschleunigt, lenkt und bremst dann eigenständig - allerdings ist das am Anfang ziemlich ungewohnt, da das System ständig minimal den Kurs korrigiert, obwohl dafür eigentlich kein Anlass besteht. Kostenpunkt: 1200 Euro.

In der Basisversion gibt es nur einen Spurhalter, der sich durch ein heftiges Vibrieren des Lenkrads bemerkbar macht, und einen Notbremsassistenten. Der ist aber zumindest laut Stiftung Warentest der beste auf dem Markt. Der Tacho ist weiterhin analog, zwischen Geschwindigkeitsanzeige und Drehzahlmesser gibt es aber zumindest ein kleines Display. Ein weiteres ist aufgesetzt auf die Mittelkonsole, wie das auch bei Mercedes der Fall ist. Das unten abgeflachte Lenkrad erinnert eher an Audi. Was sich allerdings nicht über die Fahrleistungen sagen lässt.

Aktuell gibt es nur einen Motor im Angebot, einen Dreizylinder-Benziner mit 1,0 Liter Hubraum und 117 PS. Varianten mit Elektro-Unterstützung oder ein reiner Stromer sind bisher nicht angekündigt. Der Motor tut zumindest, was er soll. Die Automatik ist gut abgestimmt, die Spreizung der einzelnen Fahrmodi subtil, aber vorhanden. In "Sport" wird es ein wenig ruppiger, in "Eco" etwas zäher. Was generell für alle Geschwindigkeiten jenseits der 100 Stundenkilometer gilt. Hier gerät der kleine Motor deutlich an seine Grenzen und beschleunigt nur noch mühsam. Das wäre vertretbar, wenn der Nissan Juke das erfüllen würde, wofür der Dreizylinder konzipiert ist: den Spritverbrauch senken. 4,9 Liter gibt der Hersteller im Schnitt an. Nur zeigt sich das Mini-SUV im Test wesentlich durstiger: 8,63 Liter sind es, fast doppelt so viel wie angegeben. Was schade ist, bietet der Nissan Juke doch durchaus ein stimmiges Gesamtpaket, das aus dem SUV-Einheitsdesign herausragt. Doch wenn ein Auto in einer Zeit, wo von normalem Verkehr nicht die Rede sein kann, so viel mehr Sprit verbraucht, will man sich den Kleinwagen nach der Corona-Auszeit lieber nicht in der Rush-Hour einer Großstadt vorstellen.

© SZ vom 28.03.2020

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