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Kinderfahrräder im Vater-Töchter-Test:Es muss nicht immer ein Woom sein

Coronavirus - Berlin

Für viele Eltern steht im Frühjahr der Fahrradkauf an. Aber welches ist das richtige für den Nachwuchs?

(Foto: Christoph Soeder/dpa)

Mit besonders leichten Fahrrädern hat die österreichische Marke für einen Hype unter Eltern gesorgt. Doch die Konkurrenz ist genauso gut.

Von Felix Reek

"Hey du!" "Wer, ich?" "Genau!" "Weißt du, wo es ein Woom gibt?" Wenn es um Kinder-Fahrräder geht, klingt das Gespräch zwischen Eltern in den vergangenen Monaten wie ein alter Sketch aus der Sesamstraße. Da steht Ernie an einer Mauer, ein zwielichtiger Geselle kommt vorbei und öffnet seinen Trenchcoat, um einen seltenen Buchstaben zu verkaufen. Nur ist der deutlich einfacher zu bekommen als ein Rad der österreichischen Marke Woom. Die ist nach Cargo Bikes der neue Großstadt-Hype. Wer sich auf der Webseite des Unternehmens durch die sechs Modelle klickt, erfährt vor allem, dass die meisten von ihnen nicht lieferbar sind - obwohl sie mit Preisen von bis zu 539 Euro nicht gerade billig sind. Händler, die die Räder noch vorrätig haben, werden ehrfürchtig per Mundpropaganda an verzweifelte Eltern weitergegeben. Wer zu spät kommt, den bestrafen die Kleinanzeigen. In denen gehen gebrauchte Modelle nur knapp unter dem Neupreis weg.

Seit 2013 stellt das Unternehmen in der Nähe von Wien seine Fahrräder her, die besonders auf die Bedürfnisse von Kindern ausgerichtet sind. Das Tretlager sitzt tief, der Einstieg ist niedrig, die Bremshebel sind ergonomisch geformt und können mit geringer Kraft bedient werden. Der Hauptgrund für den Erfolg ist das Gewicht: Die Rahmen der schlicht nach Größe durchnummerierten Modelle sind aus Aluminium und besonders leicht. Das macht das Strampeln so mühelos. Nur, sind die Woom Bikes wirklich so gut oder kann es die Konkurrenz sogar besser? Das soll der Test zeigen.

Woom 3 gegen Frog 44, Naloo Chameleon und Kubike 16L MTB

Zur Auswahl stehen vier Kinderräder mit Reifengröße 16 Zoll, das entspricht je nach Hersteller dem Alter zwischen drei und sechs Jahren. Mit dabei das Frog 44, das Naloo Chameleon, das Kubike 16L MTB und natürlich das Woom 3 der Tochter, das sie seit einem Jahr fährt. Ein unfairer Vorteil beziehungsweise eine klare Entscheidung? Wie sich zeigen wird, ist das gar nicht so leicht zu beurteilen.

Los geht es mit dem Trendsetter. 359 Euro kostet das Woom 3, plus 15 Euro für "Leggie", den Ständer. Diese Aufpreispolitik findet sich bei allen Marken im Test. Das Kinderrad an sich ist nackt. Keine Schutzbleche, keine Klingel, kein Gepäckträger, kein Ständer. Alles kostet extra. Zumindest fährt sich das Woom so leicht, wie es das Gewicht verspricht. Nur 5,4 Kilogramm wiegt das Modell ohne Pedale - das leichteste Rad im Test. Der Unterschied zum gefühlt doppelt so schweren Vorgänger mit Stützrädern vom Flohmarkt: Während sich die Tochter an jeder Steigung abquälte und der Vater beim anschließenden Tragen des Rades, flitzte sie mit dem Woom ab Minute eins problemlos über den Hof.

Das Woom 3 ist "super" - der Rest auch

Das Woom 3 gibt es wie die anderen Kinderräder "pur" - Schutzbleche, Klingel und Licht kosten extra.

(Foto: Woom)

Das Rad überzeugt mit ein paar cleveren Ideen, die es so nur hier gibt. Der rechte Bremshebel für das Hinterrad ist grün - das hilft nicht nur beim Unterscheiden von vorne und hinten, sondern auch beim Lernen von rechts und links. Die Griffe des Woom 3 sind besonders dünn und ergonomisch geformt - perfekt für Kinderhände. An den Enden gibt es dicke Puffer, das schützt die Finger beim Umkippen. Der Lenker erinnert an einen BMX-Rad - das hat keine wirkliche Funktion, sieht aber cool aus. Raffinierter ist der Lenkeinschlagsbegrenzer. Eine Schlaufe, die an einem Ring der Vordergabel befestigt ist, sodass das Kind nicht zu extrem lenken kann und stürzt. Die Kette ist komplett mit Kunststoff verkleidet, was verhindern soll, dass Öl und Schmiermittel die Kleidung ruinieren. Das ist gut gemeint, aber wer dieses System von Erwachsenenrädern kennt, weiß, dass sie irgendwann zu klappern beginnen. Beim Woom 3 der Tochter ist es nach knapp einem Jahr der Fall. Mittlerweile hat die Firma nachgebessert und den Schutz gegen eine robuster aussehende Version ausgetauscht. Wie die Tochter ihr Rad nach fast zwölf Monaten findet? "Super." In puncto kritischer Grundeinstellung ist noch Luft nach oben.

Das Frog 44 ist am bequemsten

Das Frog 44 kommt aus Großbritannien. Neben den einfarbigen Optionen bietet der Hersteller auch eine Lackierung mit Punkten an.

(Foto: Frog)

Vor allem, weil der erste Herausforderer so begrüßt wird: "Ich bin mir sicher, dass das auch super ist." Noch bevor sie mit dem Frog 44 aus Großbritannien nur einen Meter gefahren ist. Die Firma gibt es ebenfalls seit 2013, der feuerrote britische Frosch ist mit 6,4 Kilogramm deutlich schwerer als das Woom 3. Auf die Fahrqualität wirkt sich das nicht aus. Überraschend einmütig wechseln sich jüngere und ältere Schwester bei den Testrunden ab. Der Umstieg vom oder zum Woom 3: beides kein Problem.

Der Aufbau des Rades ist ähnlich spartanisch. Schutzbleche, Licht, ein Gepäckträger, gibt es alles nur gegen Aufpreis. Statt Rücktritt wird mit zwei Bremshebeln für vorne und hinten gestoppt, die Kette ist nicht verkleidet, der Ständer ist direkt unter dem Tretlager montiert, was sich als Nachteil erweist. Je nach Pedalstellung ist er beim Anfahren im Weg, wenn das Kind schon im Sattel sitzt. Beim Woom 3 ist er weiter hinten am Rahmen angebracht. Dafür hat das Frog 44 den breitesten Sattel, hier sitzt es sich am bequemsten von allen Kinderrädern im Test. Kommentar der Tochter: "Das ist unglaublich!" Allerdings lässt sich Frog diesen Komfort bezahlen - mit 395 Euro ist das Kinderrad teurer als das Woom 3 und mit einer Kategorisierung von vier bis fünf Jahre kürzer einsetzbar.

Der Rahmen des Naloo Chameleon wächst mit

Beim Naloo Chameleon verlaufen als einzigem Kinderfahrrad im Test die Bremszüge durch den Rahmen.

(Foto: Naloo)

Länger Spaß haben Kinder am Naloo Chameleon aus der Schweiz - zumindest, wenn sie nicht allzu schnell wachsen. Die 16-Zoll-Version eignet sich von drei bis sechs Jahren, beziehungsweise von einer Körpergröße von 91 bis 11o Zentimeter. Die Altersangabe dürfte ziemlich genau hinkommen, die kleine vierjährige Tochter passt auch darauf. Möglich ist das durch ein Konzept, das Naloo "Adaptive Frame" nennt, ein Rahmen, der sich anpasst. Das klingt komplizierter, als es ist. Das Sitzrohr ist etwas schräger als bei den anderen Modellen, sodass mit zunehmender Größe beim Ausziehen der Sattelstütze das Kind weiter vom Lenker wegrückt.

Ein weiteres Plus: Das Naloo Chameleon ist das Rad mit dem niedrigsten Einstieg. Allerdings ist auch hier der Ständer wieder ungünstig unter dem Tretlager angebracht und direkt am ersten Tag fällt der Kunststofffuß ab, der Kleber hat sich gelöst. Er funktioniert trotzdem noch. Die Technik ist identisch zu allen drei Woom-Konkurrenten: Rahmen aus Aluminium, Reifen von Kenda, Bremsen von Tetro. Beim Woom sind die Reifen von Schwalbe und die Bremsen von C-Star. Mit 6,1 Kilogramm Gewicht ist das Naloo Chameleon ein wenig leichter als das Frog 44. Und: Es ist das einzige Rad, bei dem die Bremszüge durch den Rahmen verlaufen. Das Urteil der Tochter: "Auch super!" Nun gut.

Sportlich auf dem Kubike 16L MTB

Das Kubike 16L MTB zitiert Mountainbike-Elemente und ist am hochwertigsten verarbeitet.

(Foto: Kubike)

Bleibt noch das Kubike 16L MTB aus dem Allgäu. Wie es der Zusatz im Namen andeutet, ist es das einzige Kinder-Mountainbike im Test. Die Anleihen an dieses Segment sind aber behutsam. Es sieht ein wenig sportlicher aus und die Reifen sind etwas breiter und dicker. Nach dem Woom 3 ist es mit 5,72 Kilogramm das leichteste Kinderrad im Test - und das schnellste. Das liegt daran, dass es das größte Kettenblatt besitzt, die Tochter ist damit deutlich fixer unterwegs als auf den anderen Rädern, wo sie bei höheren Geschwindigkeiten ordentlich strampeln muss. Im Gegensatz zu den drei Konkurrenten gibt es beim Kubike auch Pedale aus Metall, bei den anderen sind sie aus Kunststoff. Für einen besseren Grip sind sie mit Metalldornen auf der Oberfläche versehen - was hier möglicherweise passieren kann, wenn ein Kind mit dem Schuh abrutscht und mit der Ferse oder den Knöcheln darüber kratzt, sollten sich Eltern besser nicht vorstellen. Ein weiterer Nachteil: Platz für Reflektoren ist durch die flache Konstruktion nicht. Außerdem ist es das teuerste der Kinderräder im Test. 409 Euro kostet das Kubike 16L MTB, 439 Euro die Custom-Made-Variante, bei der sich einzelne Komponenten, zum Teil gegen Aufpreis, anpassen lassen.

Nur, welches ist jetzt das beste der vier Kinderräder? So einfach lässt sich das nicht beantworten, die Unterschiede sind marginal. Alle Räder pendeln sich zwischen fünf und sieben Kilogramm Gewicht ein, sie sind ergonomisch an Kinder angepasst, statt Rücktritt gibt es je einen Bremshebel für vorne und hinten. Bei drei von vier sind die Komponenten nahezu identisch. Die Qualität ist hoch, der Preis auch, dafür bekommen Eltern ein Kinderrad auf dem Niveau von Erwachsenen-Rädern. Der Fahrspaß? Ist "super", sagt die Tochter.

Die Kinderfahrräder von Woom sind aus gutem Grund so beliebt

Fakt ist aber: Es gibt einen Grund, warum die Kinderräder von Woom so beliebt sind. Es ist das leichteste Rad im Test und bietet einige clevere Details (Schnellspanner am Sattelrohr, ergonomische Griffe, Lenkeinschlagsbegrenzer). Mit 359 Euro ist es teuer, aber günstiger als zwei der drei Konkurrenten. Entscheidender aber ist: Eltern dürften keine Probleme haben, es auf dem Gebrauchtmarkt zu einem guten Preis weiterzuverkaufen, zumindest solange die Marke im Trend liegt. Ob das bei den anderen Rädern so leicht sein dürfte, muss sich noch zeigen.

Das Naloo Chameleon beispielsweise ist mit 349 Euro etwas billiger, aber genauso gut. Das Kubike 16 L ist die Wahl für alle, die ein etwas sportlicheres Kinderfahrrad wollen - oder Spaß daran haben, die Komponenten noch ein wenig zu verbessern. Das Frog 44 ist das bequemste unter den Testkandidaten. Das Urteil ist also: unentschieden. Alle vier Kinderräder bewegen sich auf einem hohen Niveau, mit geringen Unterschieden. Das sieht auch die Tochter so. "Die sind echt gut, die sollten wir alle kaufen!", schlägt sie vor. So weit dürften bei aller Liebe aber die wenigsten Eltern gehen.

© SZ/mvö
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