Süddeutsche Zeitung

Kfz-Versicherungen:Geschäfte mit der Not

Kurswechsel bei Versicherungen: Einige Firmen wollen jetzt Tarife für Autofahrer mit Geldproblemen auflegen. Bisher versuchten die Unternehmen problematische Kunden fernzuhalten. In anderen Ländern sind solche Tarife jedoch längst üblich.

Mehrere deutsche Autoversicherer planen nach Informationen der Süddeutschen Zeitung spezielle Tarife für Kunden mit Geldproblemen. Damit nehmen sich diese Gesellschaften ein Geschäftsfeld vor, das in den USA und anderen Ländern schon seit Jahren von Spezialanbietern bearbeitet wird. Hierzulande war das bisher verpönt. Viele Versicherer versuchten, Autofahrer mit schlechter Bonität fernzuhalten - mit nicht immer ganz sauberen Mitteln, denn in der Autoversicherung gibt es einen Annahmezwang.

Jetzt gehen einige kleinere Direktversicherer daran, mit diesen Kunden Geld verdienen zu wollen. Dazu gehören die Deutschlandtochter der britischen Direct Line in Teltow und der Kölner Versicherer Admiral Direkt, der Teil der Itzehoer ist. "Wir testen das gerade", bestätigte Direct Line-Deutschlandchef David Stachon. "Ich hoffe sehr, dass wir zum Jahresende startbereit sind."

Vorauszahlung und Aufschlag

Direct Line arbeitet mit dem Münchner Internet-Vergleichsportal Check24 zusammen, erste Kunden gibt es bereits. Sie müssen jährlich oder vierteljährlich im Voraus zahlen, die Preise liegen über denen von Wettbewerbern für ähnliche Fahrzeug- und Fahrerdaten.

Bisher scheuen die meisten Versicherer Spezialtarife für Kunden mit schlechten Bonitätswerten, weil sie Ärger mit der Finanzaufsicht Bafin wegen des Vorwurfs der Diskriminierung befürchten. Die Branche ist sich einig, dass diese Kunden nicht nur schlecht zahlen, sondern auch mehr Schäden verursachen. Björn Weikert, Vorstand beim Online-Vergleichsportal Check24, sieht keine aufsichtsrechtlichen Probleme. Da das höhere Risiko tatsächlich vorhanden sei, könne die Bafin nichts dagegen haben, dass es sich im Preis niederschlage. "Ich glaube, dass bald zahlreiche Versicherer Tarife einführen, die sowohl das höhere Schadenrisiko als auch das Nichtzahlerrisiko einpreisen."

Noch vor zehn Jahren hat die Versicherer vor allem interessiert, ob und wie lange ein potenzieller Kunde schadenfrei war, welches Fahrzeug er fuhr, wo er wohnte und wie alt er war. Doch seither haben die meisten Versicherer Bonitätsprüfungen eingeführt, wenn Kunden per Internet abschließen. Hat der Kunde online eine Anfrage gestellt, checken die Gesellschaften mit Hilfe von Dienstleistern, ob negative Daten über sein Zahlungsverhalten vorliegen.

Bonitätsprüfungen sind üblich

Das Problem der Assekuranz: Bei allen anderen Versicherungen greift der Schutz erst nach Zahlung - nicht so in der Autoversicherung. Hier geben die Gesellschaften sofort nach Abschluss einer Police eine Versicherungs-Bestätigungsnummer aus, mit der das Fahrzeug zugelassen wird. Wenn der Kunde dann nicht zahlt, kann die Gesellschaft kündigen - aber das Verfahren zieht sich über Monate hin. Verursacht der zahlungsunwillige Autofahrer in dieser Zeit einen Unfall, muss der Versicherer einspringen.

"Mehr als 90 Prozent der Autoversicherer nutzen inzwischen Bonitätsprüfungen beim Vertrieb per Internet", sagt Björn Hinrichs, der als Vertriebsleiter bei der Bertelsmann-Tochter Arvato Infoscore solche Systeme verkauft. Arvato hält "Negativdaten" über 7,8 Millionen Personen. Informationen über 3,4 Millionen dieser Menschen stammen aus öffentlichen Registern wie Schuldnerverzeichnissen und Verbraucherinsolvenzen, sie führen zu "harten Treffern" bei der Abfrage. Die übrigen 4,3 Millionen Verbraucher haben Einträge, weil sie bei Versandhäusern nicht bezahlt haben, bei einem Mobilfunkvertrag aufgefallen sind oder die Kontoführung nicht einwandfrei war. Diese Daten produzieren "weiche Treffer".

"Probleme mit der Bonität betreffen gerade viele junge Menschen", sagt Stachon von Direct Line. "Da gab es mal Ärger mit einem Mobilfunkvertrag oder etwas ähnliches, und schon fällt der Kunde auf." Das gilt erst recht für Autofahrer, die per Internet ihre Versicherung abschließen wollen. Direct Line stelle bei sechs bis acht Prozent der Anfragen "Auffälligkeiten im Scoring" fest. "Wenn wir es schaffen, dass wir die Hälfte dieser Interessenten mit einem vernünftigen Angebot gewinnen, ist das schon ein ordentliches Volumen."

Verbraucherschützer verurteilen Bonitätsabfragen

Was Stachon als Chance sieht, fassen andere nur mit spitzen Fingern an. Ganz versagen können die Versicherer die Deckung nicht: Sie sind per Gesetz gezwungen, alle Risiken anzunehmen. Marktführer HUK-Coburg beschränkt auffällige Neukunden auf die Mindestdeckung der Kraftfahrt-Haftpflichtversicherung, weigert sich aber, höhere Risiken zu übernehmen. Außerdem müssen die Kunden per Vorkasse zahlen und erhalten erst dann eine Versicherungs-Bestätigungsnummer. Andere Gesellschaften agieren ähnlich.

Verbraucherschützer sehen Bonitätsabfragen der Versicherer kritisch. Mancher Eintrag habe einen harmlosen Grund, hafte dem Verbraucher aber dauerhaft an. Der spezielle Autotarif helfe da wenig.

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SZ vom 05.04.2013/goro
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