Kawasaki Estrella Genuß bei mäßigem Tempo

Der Einsitzer besticht durch nostalgisches Design

(SZ vom 24.08.1994) Wer sich zwei Wochen lang mit dem jüngsten (und kleinsten) Sproß des Motorrad-Giganten Kawasaki beschäftigt hat, kommt nicht umhin, sich die Gretchenfrage zu stellen: Wieviel Motorrad braucht der Mensch? Denn das nonkonformistische Zweirad mit dem Namen Sternchen, so die deutsche Bedeutung des spanischen Wortes Estrella, hat vieles nicht, was bei Motorrädern längst gang und gebe ist: Seine Kennzeichen sind nostalgische Linienführung bei geringer Leistung (13 kW/17 PS), wenig Hubraum (250 Kubikzentimeter) und ein Schwingsattel. Zentrale Frage, auch im Hinblick auf einen Verkaufserfolg: Reicht all das für Spaß am Motorradfahren oder hat Kawasaki auf zuviel verzichtet?

Vibrationsarm und nicht schwach

Vibrationsarm schnurrt der Einzylinder-Viertaktmotor. Und er zeigt sich nicht nur zivilisiert, sondern in der Praxis keineswegs leistungsschwach: Spontan würde man ihm mehr als 17 PS zutrauen. In 16 Sekunden wird bei Bedarf Tempo 100 erreicht. Wer sich auf Landstraßen und auch auf kleinen Bergstraßen fortbewegt, darf sich über durchaus flottes Vorankommen freuen; Autobahnen und dichtbefahrene Bundesstraßen, die häufiges Überholen erfordern, sind kein ideales Estrella-Geläuf. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 115 km/h.

Längere Touren machen angesichts der insgesamt komfortablen Fahrwerksauslegung durchaus Spaß: Federung und Dämpfung verrichten ihre Dienste unauffällig, der Schwingsattel unterstützt den Komfort wirkungsvoll. Die Bremsanlage mit Scheibenbremse vorne und hinten ist mehr als ausreichend. Handling und Bedienung der 157 Kilogramm leichten Maschine sind einfach, ihre Fahreigenschaften gutmütig und damit auf der Höhe der Zeit; da mag das Design noch so nostalgisch sein. Einige Ausstattungsdetails fallen sehr positiv ins Auge: zwei verstellbare Handhebel, eine wohlklingende Hupe, intelligenter Lichthupenschalter, stilvolle Instrumentenskala - und überaus solides Blech da, wo sonst längst Kunststoff dominiert. Die Unterhaltskosten der 7760 Mark kostenden Estrella sind bescheiden: Sie benötigt knapp drei bis dreieinhalb Liter Kraftstoff auf 100 Kilometer; für Steuer, Haftpflichtversicherung und Teilkasko reichen 20 Mark im Monat.

Einfach schön ist die Fortbewegung mit der Estrella in der Stadt und über Land - die entsprechende Einstellung vorausgesetzt. Ob genügend Kunden den Leistungsverzicht schätzen und den zweiten Sitzplatz nicht vermissen werden, muß sich zeigen. So mancher Händler würde wohl mehr Estrellas verkaufen, wenn sie 500 Kubikzentimeter, 34 PS und einen zweiten Sattel hätte. Aber als Trendsetter muß man halt ein gewisses Durchhaltevermögen zeigen.

Von Ulf Böhringer