Jubiläum in München Die grüne Seite der Union

Carl-Dieter Spranger war unter Zimmermann Staatssekretär, später selbst Minister für Entwicklungshilfe. Die Anekdote um Carstens' folgenreichen Waldspaziergang gefällt Spranger überhaupt nicht. Das Wort vom Wendeminister noch weniger. Es ruft bei ihm ein ungutes Gefühl wach, das auch Zimmermann gut kannte: das Gefühl, ein Politikerleben lang zu Unrecht auf die Rolle des selbst für CSU-Verhältnisse erzkonservativen Hardliners festgenagelt zu sein. Für Grautöne, so sieht es Spranger, sei in diesem Schwarz-Weiß-Bild kein Platz, und auch nicht für andere Farben. Grün, zum Beispiel.

Nachhilfe in Sachen Umweltschutz habe Zimmermann nicht nötig gehabt, sagt Spranger. Schon gar nicht von den Grünen, die Anfang 1983 auf dem Höhepunkt der Debatte über das Waldsterben erstmals in den Bundestag eingezogen waren. "Zimmermann war der wirkungsvollste und erfolgreichste Umweltminister, den Deutschland je hatte", sagt Spranger. "Er hat das alles aus innerer Überzeugung gemacht. Das wird völlig unterschlagen, weil es nicht ins Klischee passt."

Gescheitert sei Zimmermann, wie die gesamte Union, nur in einem Punkt: der Öffentlichkeit die grüne Seite der schwarzen Partei zu zeigen. Tatsächlich dürfte den wenigsten spontan die Großfeuerungsanlagen-Verordnung oder die Verschärfung der "Technischen Anleitung zur Reinhaltung der Luft" in den Sinn kommen, wenn sie an Zimmermann denken. Schon eher die Geschichte um einen Meineidsprozess, die ihm den wenig schmeichelhaften Spitznamen Old Schwurhand eintrug.

"Die Politik konnte an diesem Thema nicht vorbei"

"Es gab einen gesellschaftlichen Druck, weil die Wälder starben", sagt Dieter Drabiniok. "Die Politik konnte an diesem Thema nicht vorbei. Da die Union an der Regierung war, hat sie gehandelt. Wäre die SPD an der Regierung gewesen, hätte sie auch gehandelt." Als Drabiniok 1980 die Grünen mitgründete, war er 25 Jahre alt und ein geläuterter Mann. Ein paar Jahre zuvor hatte er zur Dauerwelle noch eine Rolex getragen, zum Shoppen war er im BMW gefahren. Dann fiel ihm ein Artikel über die Grenzen des Wachstums in die Hände, die berühmte Studie des Club of Rome, die der erstaunten Welt 1972 vorrechnete, wann ihre Ressourcen zu Ende gehen würden. Mit einem Mal fühlte sich Drabiniok persönlich verantwortlich. Er begann, sich Plakate umzuhängen und gegen die Nachrüstung zu demonstrieren. Den BMW tauschte er gegen einen Fiesta, die Haare ließ er wachsen, genauso den Bart. 1983 zog er mit der ersten Grünen-Fraktion in den Bundestag.

Drabiniok landete im Verkehrsausschuss und machte das, was Abgeordnete kleiner Oppositionsparteien im Bundestag eben tun: Er schrieb Anträge, Anfragen und Gesetzentwürfe, manchmal 18 Stunden am Tag. In einem der Gesetzentwürfe, datiert vom 14. Juni 1983, forderte er die Einführung von bleifreiem Benzin zum 1. Juli 1984. Als zwei Monate später darüber beraten wurde, hatte die Regierung die Einführung des bleifreien Benzins schon beschlossen. Zum 1. Januar 1986.

Drabiniok ist heute weit davon entfernt, die Einführung des bleifreien Benzins für die Grünen zu reklamieren oder gar für sich selbst. Genauso weit ist er aber davon entfernt, das Thema der Union zu überlassen. Schon gar nicht Zimmermann, der immer ein Feindbild gewesen sei.